Feriengrüsse
Postkarten aus dem Fricktal sind teils der Renner, teils Ladenhüter

Viele Fricktaler Gemeinden bieten Ansichtskarten an - mit unterschiedlichem Erfolg. Während die Flugaufnahme von Zeihen kaum Käufer findet, ist jene von Mumpf bald vergriffen. Wichtig sind die Postkarten nach wie vor für Laufenburg und Rheinfelden.

Thomas Wehrli
Merken
Drucken
Teilen
Postkarten aus dem Fricktal
4 Bilder
Immer bliebt: das Wahrzeichen, hier das Schlössli in Oeschgen.
Der Klassiker: eine Luftaufnahme, hier Hellikon.
Oft gesehen: Kompositionen wie hier Kaisten.

Postkarten aus dem Fricktal

zvg

«Lieber Bruder», steht in feinsäuberlicher Handschrift auf der «carte postale», «kann erst Mittwoch in aller Frühe kommen. Indessen grüsst Dich – Marie.» Die Karte datiert vom 15. November 1912, ist in Frick abgestempelt und an den «lieben Bruder» Paul gerichtet. Der 14-Jährige besucht zu dieser Zeit das Kollegium in Schwyz.

Auf der Frontseite zeigt die leicht vergilbte Postkarte drei Ansichten von Frick, unter anderem die damals noch nicht asphaltierte und verkehrsarme Hauptstrasse. Auf ihr schlendern gerade einige Jugendliche Richtung Oberdorf – unter ihnen besagter Paul Schuhmacher (dritter von links). Die Postkarte entstand 1906, als Paul acht Jahre alt war.

Wer früher eine kurze Nachricht an einen «lieben Verwandten» übermitteln wollte, nahm dazu eine Postkarte aus seinem Dorf zur Hand (in dringenden Fällen leistete er sich ein Telegramm). Heute tut es ein SMS oder ein kurzes Mail. Das tönt dann in etwa so: «Paul, komme Mi, LG Marie.»

21 Gemeinden mit Postkarten

Geblieben ist die Postkarte als Feriengruss aus (fernen) Ländern und Städten, als «lieber Gruss» aus dem Kur-, Ski- oder Wanderort an die Daheimgebliebenen. Und als Werbeträger der Gemeinden. 22 der 32 Fricktaler Gemeinden haben aktuell (noch) eine oder mehrere Postkarten im Sortiment, wie eine Umfrage der az zeigt. Acht Gemeindekanzleien vermelden «keine eigene Postkarte im Handel» und drei Gemeindekanzleien reagieren gar nicht erst auf die Mail-Anfrage.

Dabei zeigt sich: Gerade in kleineren Gemeinden werden die Postkarten kaum mehr nachgefragt. «Pro Jahr haben wir vielleicht zwei bis drei Personen am Schalter, die nach einer Postkarte fragen», erklärt Rolf Dunkel, Gemeindeschreiber von Wölflinswil.

Da die Sujets auf den Ansichtskarten von Wölflinswil und Oberhof – die Verwaltung ist zusammengelegt – älter und «nicht mehr repräsentativ» sind, werden die Postkarten nicht mehr verkauft, sondern gratis abgegeben. Klar ist in Wölflinswil und Oberhof denn auch: «Aufgrund der schwachen Nachfrage ist kein Druck aktueller Postkarten geplant.»

So tönt es in vielen Gemeinden. «Keine Neuauflage» will Olsberg machen, und auch in Kaiseraugst, mit 5600 Einwohnern eine der grösseren Gemeinden im Fricktal, hat der Gemeinderat laut Gabrielle Ingold von den Einwohnerdiensten vor längerer Zeit beschlossen, «dass wir keine neuen Postkarten mehr drucken beziehungsweise bestellen».

Aktuell sie auf der Gemeinde «noch einen ganz kleinen Bestand» verfügbar. In Zeihen wird die Postkarte, eine Flugaufnahme aus den 1990er-Jahren, als Zeihen noch die Postleitzahl 5226 hatte, praktisch nicht nachgefragt. «Deshalb wurde bis heute auch keine neue Karte mehr angefertigt», sagt Gemeindeschreiber Gianni Profico.

Anders in Mumpf, wo die aktuelle Postkarte – ebenfalls eine Flugaufnahme – bald vergriffen ist und laut Gemeindeschreiber Reto Hofer eine Neuauflage mit einem anderen Sujet geplant ist. Nach wie vor wichtig sind die Postkarten zudem für die touristisch vermarkteten Orte, allen voran Laufenburg und Rheinfelden.

Während Laufenburg drei Sujets im Sortiment hat, sind es in Rheinfelden sogar deren 18; wer alle nimmt, bekommt sie im Set günstiger. Die Preise für die Postkarten bewegen sich von gratis (Münchwilen, Möhlin, Oberhof und Wölflinswil) bis zu drei Franken pro Stück (in Schupfart, für das grosse Format «Faltkarte»). Die meisten Gemeinden bieten ihre Postkarten für 70 Rappen bis Fr. 1.20 an.

Möhlin ist nach Rheinfelden die Gemeinde mit den zweitmeisten Postkarten (9 Motive), gefolgt von Schupfart mit sieben Sujets. Letztere kann, bei Bedarf, auf bis zu 80 Motive zurückgreifen.

Wer die Postkarten durchsieht, stellt schnell fest: Es gibt drei stets wiederkehrende Motive. Am beliebtesten sind Flugaufnahmen; an zweiter Stelle kommen Dorfansichten; auf Rang drei landen Sehenswürdigkeiten und Freizeitattraktionen, das Schlössli «Schönau» in Oeschgen etwa, der Rhein, der Fricker Dinosaurier oder die Erlebnisbäder. Einige Gemeinden drucken ihr Wappen auf, andere den Schriftzug, dritte gar nichts und vierte ihren Dorfslogan («a-nach; wo es mir gefällt»).

Über 100 Grüsse aus Mumpf

Wie lange es die «Grüsse aus» Fricktaler Gemeinden noch gibt, wie lange die Gemeinden noch Ansichtskarten ihrer selbst produzieren lassen, ist ungewiss. Klar ist: Ihr Verschwinden ist ein Verlust. Denn die Ansichtskarten sind nicht nur Werbeträger. Sie sind Momentaufnahmen, sind Zeitzeugen, ja, Zeitdokumente, die aus vergangenen Tagen erzählen, aus Tagen, in denen das Gestern das Heute war.

Eine solche «Geschichtsschau in Postkarten» besitzt Reto Hofer. Über 100 verschiedene Motive hat der Gemeindeschreiber bereits gesammelt, aus einer Zeit, als Mumpf noch Kurort war. «Meine Sammlung ist noch lange nicht vollständig», sagt Hofer. «Ich weiss von vielen anderen Mumpfer Postkarten, die in meiner Sammlung noch fehlen.» In diesem Sinne: viele «liebe Grüsse» – nach Mumpf.