Waffen-Vorfall im Postauto

Postauto Schweiz nimmt Stellung: «Sicherheit steht an erster Stelle»

In Frick stellte die Polizei am Mittwochabend vier junge Syrer, die im Postauto mit einer Spielzeug-Pistole hantiert hatten.Archiv

In Frick stellte die Polizei am Mittwochabend vier junge Syrer, die im Postauto mit einer Spielzeug-Pistole hantiert hatten.Archiv

Auf der Route über das Benkerjoch zückte ein Syrer plötzlich eine Waffe im Postauto. Die Polizei rückte mit drei Patrouillen aus. Die Pistole war nicht echt. Postauto-Sprecherin Katharina Merkle sagt im Interview, wie Chauffeure reagieren sollen.

Glück gehabt. Die Waffe, die ein jugendlicher Syrer am Mittwochabend im Postauto nach Frick einem Kollegen an den Kopf gehalten hat, entpuppte sich als Spielzeug-Pistole (siehe Seite 25). Für den Bus-Chauffeur sah sie echt aus und und er alarmierte die Polizei.

Im Sicherheitshandbuch von Postauto Schweiz, das die Chauffeure bekommen und das der «Schweiz am Wochenende» vorliegt, steht im Kapitel «kriminelle Bedrohung» Sätze wie: «Ein ruhiges und sicheres Auftreten wirkt auch auf andere Beteiligten beruhigend.» Oder: «Mit der Täterschaft klar, bestimmt und selbstbewusst sprechen.» Oder: «Die Täterschaft flüchten lassen.»

René Picard, 73, der 30 Jahre im Fricktal Postauto fuhr, erachtet das Handbuch als wertvoll. Ihn störte eine andere Vorgabe von Postauto: «Wir sollten uns alles gefallen lassen, durften uns nicht wehren und hätten einfach nach einer Attacke Anzeige machen sollen.» Er sagte seinen Vorgesetzten offen, dass er sich im Fall eines Angriffs wehren werde. «Ich bin doch kein Masochist.»

Im Interview mit der Schweiz am Wochenende erklärt Katharina Merkle von der Postauto-Medienstelle, wie Chauffeure bei Bedrohungen reagieren sollen, wie oft es zu brenzligen Situationen kommt und was es mit den Videoaufnahmen auf sich hat.

Katharina Merkle, wie soll ein Postauto-Chauffeur reagieren, wenn etwas passiert wie auf der Fahrt von Aarau nach Frick?

Die Sicherheit der anderen Fahrgäste und seine eigene stehen an erster Stelle. Der Fahrer versucht, die Situation einzuschätzen. Je nach dieser Einschätzung wird er weiter «nur» beobachten oder versuchen, deeskalierend auf einen Aggressor einzuwirken: Er versucht beispielsweise, ihn mit Worten zu beruhigen, wenn das nicht wirkt, ihm zu befehlen, das Fahrzeug zu verlassen. Die Täter sollen dabei nicht provoziert werden. Sobald es die Situation zulässt, informiert der Fahrer seinen Vorgesetzten und die Polizei. So hat sich auch unser Fahrer in dem von Ihnen erwähnten Fall verhalten.

Gibt es einen Leitfaden, der ihm zeigt, wie er wann reagieren soll?

Ja, im «Handbuch für das Postauto-Fahrpersonal» sind das Vorgehen und das Verhalten in ausserordentlichen Situationen beschrieben. Diese Abläufe sind mit Checklisten und Tipps anschaulich beschrieben. Den Umgang und das Verhalten in ausserordentlichen Situationen üben unsere Fahrerinnen und Fahrer zudem regelmässig in Ausbildungen.

Was lernen sie da?

Mit schwierigen Situationen, zum Beispiel mit aggressivem Verhalten, umzugehen. Das Ziel ist zum einen, dass sie lernen, gegenüber aufgebrachten Fahrgästen oder Verkehrsteilnehmern deeskalierend zu wirken. Zugleich legen sie sich an diesen Kursen Taktiken zu, um sich nicht stressen zu lassen. Nebst diesem spezifischen Kurs haben der Fahrer und die Fahrerin auch die Möglichkeit, Antistress- und weitere ähnliche Kurse zu besuchen.

Was ist, wenn eine physische oder verbale Attacke einem Fahrer zusetzt?

Falls ein Fahrer nach einer heftigen verbalen oder physischen Attacke stark beeinträchtigt ist, stellt Postauto sicher, dass er betreut wird. Dazu gehört auch, dass sein Vorgesetzter mit ihm bespricht, wann er wieder Postauto fahren kann.

Wie oft kommen Situationen vor, in denen Fahrgäste auffällig werden?

Bei 152 Millionen jährlich transportierten Fahrgästen und 882 Linien kommt das bei Postauto leider täglich vor. Dass dabei eine Waffe – auch wenn sie sich danach als Fake erweist – zum Einsatz kommt, ist allerdings selten.

Das heisst?

2015 kam es schweizweit in Postautos zu elf mündlichen Drohungen und Beschimpfungen und 13 körperlichen Angriffen gegen das Fahrpersonal.

Nehmen Drohungen und Tätlichkeiten zu?

Wir haben den Eindruck, dass die Zahl, vor allem in den Agglomerationen, leicht zunimmt. Die Hälfte waren physische Attacken, die leichte Verletzungen zur Folge hatten. Zum Beispiel schubsen, Schläge – und auch Bisse in den Arm kamen schon vor. Die andere Hälfte waren unterschiedlich schwere verbale Drohungen wie Bedrohungen oder Ausfälligkeiten durch Alkoholisierte.

Kommt es auch zu Raubüberfällen und schweren Vorfällen?

Wir hatten einen Raubüberfall, bei dem der Täter den Fahrer mit einem Hammer bedroht hat. Schwere (körperliche) Verletzungen gibt es zum Glück selten. Beschimpfungen – vor allem durch Auto- und Velofahrer, die etwas am Fahrstil des Postautofahrers stört – gehören jedoch zum Alltag. Der Fahrer meldet sie in der Regel erst, wenn sie eine Drohung beinhalten.

Wie häufig sind Fälle wie jener im Fricktal, in denen Waffen wie Pistolen oder Messer im Spiel sind?

Eher selten. Physische Attacken ohne Waffe sind viel häufiger als mit Waffe.

Sie zeichnen sämtliche Fahrten mit mehreren Videokameras auf. Was passiert mit den Aufzeichnungen?

Das aktuelle Betriebsreglement sieht vor, dass die Aufzeichnungen spätestens nach 72 Stunden gelöscht werden.

Wozu dienen die Aufzeichnungen?

Postauto setzt Videoüberwachung in erster Linie gegen alltägliche Bedrohungen wie Pöbeleien, Vandalismus und Hooliganismus ein. Die Überwachung hat daher präventiven Charakter. Die Videoüberwachung in den Fahrzeugen sollen in erster Linie das Personal und die Fahrgäste vor Aggressionen und Belästigungen anderer schützen, Wertgegenstände sichern und Sachbeschädigungen verhindern.

Schreckt die Überwachung potenzielle Täter ab?

Davon sind wir überzeugt, sowohl die Videoüberwachung wie auch der Einsatz von Begleitpersonal haben präventiven Charakter. Zudem konnten schon Täterinnen oder Täter mithilfe von Videoaufzeichnungen ermittelt werden.

Wie aufwendig ist die Videoüberwachung?

Recht aufwendig. Zudem ist die Zeitspanne von der Erkennung und Meldung eines Schadens oder Unfalls bis zur Datenauslesung kurz. Ein Nachteil sind auch die Kosten: Die Beschaffung und Installation einer Videokamera kostet 4000 bis 6000 Franken.

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Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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