Benkerjoch

Postauto-Passagier hält Kollegen Waffe an den Kopf – Chauffeur alarmiert Polizei

Postauto im Fricktal.

Postauto im Fricktal.

Auf der Route über das Benkerjoch zückte ein Syrer plötzlich eine Waffe im Postauto. Die Polizei rückte mit drei Patrouillen aus. Die Pistole war nicht echt. Aber ein «ungutes Gefühl» fahre in der Nacht oft mit, berichten Chauffeure.

Da war sie, die Waffe. Als der Chauffeur des letzten Postautokurses über das Benkerjoch am Mittwoch in den Spiegel schaut, mit dem er den Fahrgastraum überwachen kann, sieht er, wie ein junger Ausländer einem zweiten eine Pistole an den Kopf hält. Der Schock ist gross.

Ist es eine echte Waffe? Oder doch eine Spielzeug-Pistole? Ist es ein Streit? Oder doch nur Spass? Das lässt sich nicht erkennen, wird der Chauffeur später, in Frick, den Polizeibeamten laut Kapo-Sprecher Bernhard Graser sagen. Die Waffe habe für ihn auf Distanz und im Spiegel echt ausgesehen.

Es muss um die 23.10 Uhr gewesen sein, als vier junge Männer ins Postauto einsteigen und sich im vorderen Teil in einem Vierer-Abteil niederlassen. Der Kurs ist jeweils gut frequentiert, denn es ist die letzte Möglichkeit, von Aarau ins Benkental zu kommen.

23.17 Uhr. Der Fahrer entscheidet sich, so berichtet es Graser, trotz Vorfall loszufahren. Er beobachtet die jungen Männer während der Fahrt so gut er kann. Sie verhalten sich unauffällig, entspannt.

23.50 Uhr. Das Postauto trifft am Bahnhof in Frick ein. Das Gros der Passagiere ist in Oberhof, Wölflinswil, Wittnau oder Gipf-Oberfrick ausgestiegen, die vier Jugendlichen verlassen jetzt den Bus. Der Chauffeur wählt die Notrufnummer und schildert den Vorfall. Nach wenigen Minuten treffen drei Streifenwagen – zwei Polizeifahrzeuge und die Grenzwacht – ein. Die sechs Beamten stellen die Jugendlichen, die im Aufenthaltsraum auf die S1 nach Basel warten. Ein Augenzeuge sagt, das sei filmreif gewesen. Die Beamten nehmen ihre Personalien auf, vier Syrer, im Asylprozess. Sie sind den Gemeinden Basel, Rheinfelden und Wallbach zugewiesen.

Die Waffe entpuppt sich als Spielzeug-Pistole. Die Beamten nehmen sie dem Jugendlichen ab. «Es wird nun geprüft, ob der Jugendliche gegen das Waffengesetz verstossen hat», sagt Graser. Dies ist dann der Fall, wenn sich die Spielzeug-Pistole nicht deutlich von einer echten Waffe unterscheidet.

Die Jugendlichen lässt die Polizei nach der Einvernahme laufen. Am nächsten Morgen ist die Scheibe beim Warteraum am Bahnhof eingeschlagen. Ob es die Jugendlichen waren, lässt sich laut Graser nicht eruieren. Dass gleich drei Patrouillen ausgerückt sind, sei in einem solchen Fall nichts Aussergewöhnliches, so Graser. «Wenn eine Waffe im Spiel ist und sie auch noch jemanden an den Kopf gehalten wurde, gewichten wir den Einsatz hoch.»

Heikle Situationen kommen vor

Die az hat mit vier Bus-Chauffeuren gesprochen. Namentlich genannt sein will keiner der vier Chauffeure. Alle sagen: Solche Extremsituationen seien zum Glück die grosse Ausnahme. «Ich weiss nicht, wie ich reagiert hätte», gibt ein langjähriger Chauffeur unumwunden zu. Ein anderer sagt: «In der Nacht fährt manchmal schon ein ungutes Gefühl mit.» Die jüngsten Terroranschläge hätten dieses Muffensausen noch akzentuiert.

Erzählen kann aber dann doch jeder von mindestens einer Situation, in der es brenzlig wurde. Ein alkoholisierter Syrer habe ihn angegriffen, als er ihn bat, auszusteigen, weil er auffällig geworden sei, erzählt ein Chauffeur. Ein anderer berichtet, wie er einem Fahrgast sagen musste, wo der Bartli den Most holt. Dann sei Ruhe gewesen.

Alle Chauffeure sind sich einig: Der Kollege hat richtig reagiert, dass er die Polizei alarmiert hat. Einzig beim Zeitpunkt herrscht Uneinigkeit. Während ein Chauffeur es genau gleich gemacht hätte, also gefahren wäre, hätte ein anderer die Polizei noch in Aarau gerufen und wäre nicht losgefahren. «Die Devise, nach der wir uns richten sollen, lautet: Nerven behalten, deeskalierend wirken, beobachten, nicht provozieren, nicht alleine eingreifen», erklärt einer der Chauffeure das Sicherheitskonzept.

Dieses kennt auch René Picard, 73. Er fuhr fast 30 Jahre lang Postauto, viele Jahre auf der Benkenlinie. Parallel dazu führte er lange ein Waffengeschäft in Frick. «Deshalb hätte ich vermutlich erkannt, ob es sich um eine echte Waffe handelt oder nicht.» Auch Mimik und Körperhaltung gäben oft ein Indiz, ob es jemand ernst meine.

Hätte er das Gefühl gehabt, die Waffe sei echt, «wäre ich nicht losgefahren, sondern hätte die Polizei sofort alarmiert». Den Einwand, gerade dies hätte zur Eskalation führen können, kontert Picard: «Das Risiko, dass unterwegs etwas passiert, wäre ich nicht eingegangen.» Er ist überzeugt: «Wer eine Tat vorhat, lässt sich nicht davon abhalten, weil der Chauffeur losfährt.» Zumal, sagt Picard ganz nüchtern, wenn etwas passiere, dann seien in Aarau die Rettungskräfte doch deutlich schneller vor Ort als in Frick oder unterwegs.

Auch Picard hat in seiner Laufbahn als Chauffeur ab und an heikle Situationen erlebt. Betrunkene Fahrgäste, die randalierten oder nicht zahlen wollten; pöbelnde Fahrgäste; junge Männer, die Frauen belästigten. Er reagierte stets gleich: «Ich stand auf und stellte mich mit meinen 120 Kilogramm vor die Leute hin.» Picard lacht. «Es war jedes Mal sofort Ruhe.» Und wenn nicht? «Dann hatte ich stets einen Pfefferspray dabei.»

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Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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