Für den Rheinfelder Vizeammann Walter Jucker war es gleich in doppeltem Sinne ein spezieller Abend: In Abwesenheit von Ammann Franco Mazzi – er nimmt aus gesundheitlichen Gründen bis ins kommende Jahr an keinen öffentlichen Anlässen teil – leitete Jucker am Mittwoch zum ersten Mal eine Gemeindeversammlung. Und er tat dies ausgerechnet an seinem 64. Geburtstag. Geschont wurde Jucker deswegen aber nicht. Obwohl die Traktandenliste kurz war und nur gerade 143 von total 7663 Stimmberechtigten den Weg in den Bahnhofsaal fanden, gab es längere Diskussionen. Vor allem zum Traktandum 3, dem neuen Friedhof- und Bestattungsreglement für den Rheinfelder Waldfriedhof.

Das aktuell gültige Reglement stammt aus dem Jahre 1993 und wurde zuletzt 2004 angepasst. Nun hat die Stadt gemeinsam mit dem Friedhofgärtner erneut das Reglement überarbeitet. Dies vor allem, weil sich «die Bedürfnisse der Menschen, was Bestattungsformen angeht, in den letzten Jahren stark geändert haben», wie Stadtrat Hans Gloor ausführte. Das neue Reglement soll eine «vielfältigere Gestaltung» der Gräber zulassen. «Wir bieten insgesamt neun verschiedene Bestattungsformen und sind überzeugt, dass wir damit allen Wünschen und Bedürfnissen gerecht werden können», so Gloor.

Diskussion um Grabschmuck

Als «nicht liberal genug» bezeichnete Michael Derrer von der GLP in der anschliessenden Diskussion das Reglement. «Jeder Mensch ist einzigartig – und soll das auch über seinen Tod hinaus bleiben dürfen.» Die Partei störe sich unter anderem am Grundsatz, dass temporäre Ausstattungsgegenstände, die mit der Beisetzung aufgestellt werden, nach spätestens 12 Monaten entfernt werden müssen. «Wir sehen nicht ein, dass ein Friedhof solch restriktive Regeln braucht», sagte Derrer.

Gloor verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass solche Gegenstände durchaus länger am Grab stehen dürfen: «Dauerhafte Ausstattungsgegenstände wie Grablichter oder Weihwassergefässe können mit vorgängiger Bewilligung aufgestellt werden.»

Namen beim Frühgeborenengrab

FDP-Präsident Christoph von Büren sah im Rückweisungsantrag der GLP primär «politisches Marketing» angesichts der Wahlen vom kommenden Jahr. «Das grenzt, salopp gesagt, an politische Leichenfledderei.» Das neue Reglement sei «von der Praxis für die Praxis» erstellt worden. «Der GLP hingegen scheint mir der Praxis-Bezug zu fehlen», so von Büren. Auch die SP sah im neuen Reglement «einen ausgewogenen Weg», wie Präsidentin Claudia Rohrer sagte. Allerdings hatte auch die SP etwas zu bemängeln: Dass beim neuen Frühgeborenengrab keine Namensstelen aufgestellt werden dürfen. «Es soll möglich sein, einen Schriftträger anzubringen. Der Entscheid, ob sie das möchten oder nicht, soll den Eltern überlassen werden», forderte Rohrer.

Der Rückweisungsantrag der GLP, von CVP und Grünen noch mit Voten unterstützt, wurde schliesslich deutlich abgelehnt. Angenommen wurde hingegen das neue Reglement – mit der Änderung betreffend des neuen Frühgeborenengrabs, wie sie die SP gefordert hatte.

So war es nach fast genau zwei Stunden, um 21.35 Uhr, als Vizeammann Walter Jucker seine erste Gemeindeversammlung in leitender Funktion für geschlossen erklären konnte. «Es war mir eine Ehre, diese Aufgabe zu übernehmen – und trotzdem bin ich froh, wenn das im kommenden Jahr wieder Franco Mazzi macht», sagte er mit einem Lachen.