Frau Pieper, unseren Spaziergang starten wir beim Rathaus. Ein riesiger Weihnachtsbaum dominiert die Szene. Was bedeutet Ihnen diese Zeit?

Annemarie Pieper: Viel. Es ist die Zeit im Jahr, in der ich zur Ruhe komme. Ich nutze sie als Auszeit, als Zeit für mich und verreise jeweils an die Nordsee.

Weg vom hektischen Treiben also. Sind wir eine hyperaktive Gesellschaft geworden?

Zumindest eine Gesellschaft, in der die Beschleunigung allgegenwärtig ist. Kennen Sie das Wort Musse noch?

Natürlich, wer nicht?

So selbstverständlich ist das nicht mehr; das Wort verschwindet zusehends aus dem Sprachgebrauch.

Nur aus dem Sprachgebrauch?

Nein, auch aus dem Alltag. Musse sieht man heute vor allem noch bei Kindern, wenn sie spielen. Dann vergessen sie alles um sich herum, vergessen die Zeit. Nicht für lange allerdings, denn wir Erwachsenen treiben ihnen den Müssiggang aus. Viel zu früh, leider.

Musse ist etwas Wunderbares. Weshalb gönnen wir Erwachsenen sie uns kaum mehr?

Weil wir in einer ökonomistischen Zeit leben. Zeit ist Geld. Und Musse heisst in diesem Kontext: Ich verliere Geld.

Liegt darin nicht auch das Dilemma von Weihnachten? Sie gilt als Zeit der Besinnung – und ist doch die hohe Zeit des Kommerzes. Geht das zusammen?

Es ist immer die Frage, wie man sich dazu verhält. Kommerz ist nicht per se etwas Schlechtes. Denn wenn die Wirtschaft floriert, geht es auch der Allgemeinheit gut. Problematisch wird es dann, wenn wir ausschliesslich auf die Rendite fokussieren, wenn wir immer mehr wollen, um ja nichts zu verpassen, wenn wir das Mass verlieren. Die Balance zu halten, fällt vielen schwer.

Hören Sie es? Es hat gerade elf Uhr geschlagen. Was ist die Zeit?

(Lacht.) Mit dieser Frage mühte sich schon Augustinus ab. Er sagte: Wenn mich niemand darnach fragt, weiss ich es, wenn ich es aber einem, der mich fragt, erklären sollte, weiss ich es nicht. Es kommt darauf an, aus welcher Perspektive man fragt. Wenn jemand beim Zahnarzt sitzt und gefragt wird, was Zeit ist, sagt er: Sie steht still. Wenn jemand jedoch ein gutes Buch liest, dann eilt sie davon. Zeit ist immer etwas Relatives, das sich auf die Situation bezieht, in der man sich befindet. Zeit kann man dehnen, Zeit kann man sich nehmen – das sind alles Hinweise darauf, dass man selber etwas mit der Zeit macht.

Der Zeitbegriff verändert sich auch. Früher brauchte eine Nachricht Wochen, bis sie beim Empfänger eintraf. Heute dauert es noch wenige Sekunden.

Ja, und das ist doch herrlich. Die Vorstellung, dass eine Mail nach China innert Sekunden zugestellt ist, hat etwas Faszinierendes an sich.

Auch wenn der Text voller Fehler ist?

Nein, das ist die Schattenseite der modernen Kommunikationsmittel. Viele schreiben keine ganzen Sätze mehr, auch in persönlichen Mails, und lesen das Geschriebene nicht mehr durch, bevor sie auf den «Senden»-Button drücken. Wenn Fehler keine Rolle mehr spielen, wenn keine Sätze mehr entstehen, führt das zu einer Verarmung der Sprache. Das ist tragisch. Die zwei Minuten, die man fürs Lesen braucht, sollte man aufwenden – es ist gut investierte Zeit.

Verändert nicht jede Generation den Sprachgebrauch?

Natürlich, das merke ich auch bei meinen Vorträgen. Wenn ich vor einem älteren Publikum spreche, kann ich auch Relativsätze benutzen. Bei jungen Zuhörern hingegen funktionieren nur kurze Sätze, damit sie nicht abschalten. Zudem können sie nicht länger als 10 Minuten zuhören; will man sie nicht verlieren, muss man entweder Bilder an die Wand projizieren oder Witze reissen. Das ist für mich ein Zeichen, dass die Jungen nicht mehr in grösseren Zusammenhängen denken können.

Eine ungute Entwicklung?

Ob sie ungut ist, weiss ich nicht. Es ist eine neue Lebensform, die sich da auftut. Sie ist noch deutlich technisierter als die heutige und insofern passt die verkürzte Computersprache ja auch. Meine Sprachwelt ist das nicht und früher, an der Uni, ärgerte es mich, wenn sich die Studenten nicht präzise ausdrückten. Heute habe ich die Gelassenheit zu sagen: Es ist ihre Welt. Wenn sie sich darin wohlfühlen, ist es in Ordnung. Und wenn sie aufhören, Kriege zu führen, dann ist das ganz besonders in Ordnung.

Wir kämpfen uns im «Sturm» über die Rheinbrücke, die gleichzeitig Grenze ist. Sie sind Deutsche, leben aber seit gut 25 Jahren in Rheinfelden. Wo ist Ihre Heimat?

Auf beiden Seiten des Rheins. Ich bin in der glücklichen Lage, zwei Heimaten zu haben. Meine erste ist Deutschland, meine zweite, in der ich auch bleiben will, ist die Schweiz.

Was ist Heimat eigentlich?

Für jeden etwas anderes. Für mich ist es der Ort, an dem ich mich körperlich, seelisch und geistig wohlfühle. Eine Art Sehnsuchtsort also.

Die Grenze steht auch für das Begrenzen. Wie stark leben wir Menschen in Grenzen?

Seit der Aufklärung sind wir auf das Prinzip der Freiheit eingeschworen. In unserem Streben nach Selbstbestimmung geht allzu leicht vergessen, dass Freiheit zwingend mit Verantwortung einhergeht. Das eine bedingt das andere.

Immer?

In einer Gesellschaft, ja. Wenn ich Robinson wäre, dann wäre ich niemandem gegenüber verantwortlich. Ich könnte tun und lassen, was ich will. Aber die Freiheit, die wir meinen, ist eine, die wir vereinbaren müssen, in der wir Grenzen ziehen müssen.

Das gelingt nicht immer.

Nein, längst nicht. Manchmal überschreiten wir die Grenzen versehentlich, manchmal absichtlich. Letzteres ist justiziabel oder zumindest moralisch verwerflich.

Ausser es sind die eigenen Grenzen, die man überschreitet. Weshalb zieht es manch einen Menschen fast magisch an die eigenen Grenzen?

Weil er herausfinden will, ob er nicht doch dahinter gelangen kann, weil er wissen will, was es braucht, um die eigenen Grenzen zu verschieben, sie zu dehnen.

Wir spazieren gerade an einem Schulhaus vorbei. Eine Möglichkeit, seine Grenzen zu dehnen, ist das Lernen. Kommt man je ans Ziel?

Nein, denn jede Antwort, die man findet, wirft eine neue Frage auf. Jede Antwort ist immer nur eine vorläufige.

Das ist doch zermürbend.

Das finde ich nicht. Man fängt ja nicht wieder bei null an, sondern baut auf den bisherigen Erkenntnissen auf. Nicht wenige Antworten haben zudem eine recht lange Halbwertszeit, das schafft Raum. Aber, zugegeben: Das stete Hinterfragen hat auch ein ermüdendes Moment. Nur allzu gerne möchten wir etwas Absolutes wissen, etwas Unumstössliches.

Gibt es eine Frage, auf die Sie die Antwort partout nicht finden?

Nein, aber das wäre auch unphilosophisch. Es ist Teil unserer Existenz, dass wir uns mit vorläufigen Antworten bescheiden müssen. Wer etwas anderes sagt, wer behauptet, er kenne die absolute Wahrheit, ist ein Ideologe.

Oder er verlässt die Wissensschiene und taucht in den Glauben ein. Wer braucht ihn?

Menschen, die Trost suchen, die nicht glauben können, dass mit dem Tod alles erlischt, die es als Skandal empfinden, wenn sich die Welt nach ihrem Ableben einfach weiterdreht.

Der Wunsch nach Unsterblichkeit?

Ja, viele sehnen sich danach, dass etwas von ihnen den Tod überdauert. Die Vorstellung, dass dies nicht der Fall ist, dass mit dem Tod alles abstirbt, macht sie unglücklich. Was also tun? Der Glauben tritt an die Stelle des Wissens. Man glaubt daran, dass nach dem Tod etwas kommt, auch wenn man genau weiss, dass dies wider jede Naturerkenntnis und Vernunft ist.

Verurteilen Sie diese Haltung?

Überhaupt nicht – solange sie nicht anderen aufgenötigt wird. Dies funktioniert heute auch ganz gut. Es ist Erbe der Aufklärung, dass jeder selbstverantwortlich denkt und handelt, dass sich jeder die Freiheit nimmt, selber zu entscheiden, ob er glauben will oder nicht. Das ist gut so. Es ist wichtig, dass wir unsere Kinder dazu erziehen, ihre eigene Urteilskraft auszubilden, dass wir sie in die Lage versetzen, eine kritische Position einzunehmen.

Schliesst die Philosophie den Glauben aus?

(Lacht.) Das mündet in die alte Frage: Ist die Philosophie die Magd der Theologie oder umgekehrt?

Und?

Es sind zwei völlig andere Deutungsmuster von Lebenswelt. Die kommen sich eigentlich nicht in die Quere, ausser man stellt für das eigene Modell einen Absolutheitsanspruch. Dann ist ein «Krieg» vorprogrammiert.

Was kommt für Sie nach dem Tod?

Einfach: nichts. Ich gehe wieder in Natur ein, zerfalle in meine Bestandteile. Der Geist kann nun mal nicht ohne Körper überleben.

Macht Ihnen diese Vorstellung vom Nichts denn gar nichts aus?

Nein, sie macht mir keine Angst. Ich brauche den Trost nicht, dass etwas kommt. Ich habe nicht den Anspruch, dass etwas von mir übrig bleibt.

Beschäftigen Sie sich mit Tod?

Ja, denn man geht stets auf dieses Ende zu. Deshalb sollte man die Zeit, die einem noch verbleibt, mit Dingen anfüllen, an denen man Freude hat. Wer das Leben stets auf morgen verschiebt, verpasst es, denn irgendwann gibt es kein morgen mehr.

Weshalb haben so viele Menschen Mühe, im Heute zu leben?

Kennen Sie das Chanson «Im Wartesaal zum grossen Glück» von Walter Andreas Schwarz?

Nein.

Er singt: «Da warten viele, viele Leute. Die warten seit gestern auf das Glück von morgen. Und leben mit Wünschen von übermorgen. Und vergessen, es ist ja noch heute. Ach ... die armen, armen Leute.» Das Lied hat er 1956 am ersten Eurovision Song Contest in Lugano gesungen. Es trifft noch immer zu.

Haben Sie Angst vor dem Sterben?

Ich würde lügen, wenn ich Nein sagen würde. Vor allem die Vorstellung, Schmerzen zu haben, lange leiden zu müssen, ist für mich unangenehm bis unerträglich. Hans Saner, ein alter Bekannter von mir, hat jüngst in einem Artikel für das Recht auf Suizid plädiert. Ich finde es tröstlich, zu wissen, dass ich, wenn ich es nicht aushalte, sagen kann: Jetzt gehe ich freiwillig.

Wir sind auf unserem Spaziergang wieder am Ausgangspunkt angekommen. Auch mit dem Tod schliesst sich ein (Lebens-)Kreis. Ist das ganze Leben ein Kreis?

Wenn ich von Nietzsche und den Existenzphilosophen etwas gelernt habe, dann dass jeder Anfang in sich schon ein Ende birgt und dass man am Ende immer wieder einen neuen Anfang hat. Insofern dreht sich wirklich alles im Kreis.