Aargauer Obergericht

Patientin überlebt nur knapp nach Operationsfehler – jetzt muss der Gynäkologe büssen

Nach der Operation kam es zu schweren Komplikationen, unter anderem wurde der Darm der Patientin verletzt.

Nach der Operation kam es zu schweren Komplikationen, unter anderem wurde der Darm der Patientin verletzt.

Das Obergericht hält eine fahrlässige schwere Körperverletzung für gegeben, reduziert aber die Geldstrafe.

Ende März kam es am Aargauer Obergericht zu dramatischen Szenen: In einer Berufungsverhandlung erlitt der Beschuldigte, ein ehemaliger Chefarzt am Gesundheitszentrum Fricktal, einen Herzinfarkt, brach zusammen und musste reanimiert werden. Die Verhandlung wurde damals vertagt – und gestern fortgeführt. Allerdings ohne den Beschuldigten, der zwar wieder genesen ist und praktiziert, aber von der Verhandlung dispensiert war. «Wir haben Angst, dass es wieder zu medizinischen Problemen kommen könnte», so sein Anwalt.

Der Angeklagte wurde von der Ambulanz ins Kantonsspital Aarau gebracht.

Zusammenbruch vor Obergericht

Der Angeklagte wurde von der Ambulanz ins Kantonsspital Aarau gebracht.

Der Vorfall, den das Obergericht unter Verfahrensleiter Robert Fedier zu beurteilen hatte, liegt über acht Jahre zurück. Der heute 60-jährige Gynäkologe hatte damals im Spital Rheinfelden einer Patientin die Gebärmutter entfernt und Verwachsungen im Bauchraum gelöst. Nach der Operation kam es zu schweren Komplikationen und der Beschuldigte ordnete am Tag nach der Operation die Verlegung seiner Patientin auf die Intensivstation an.

Der diensthabende Anästhesist habe, so die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift, nach seiner Visite den Verdacht geäussert, dass bei der Operation ein Organ verletzt worden sein könnte und eine Sepsis – eine Blutvergiftung – vermutet. Dies habe er dem Beschuldigten telefonisch mitgeteilt, doch der Gynäkologe habe diese Ansicht nicht geteilt.

Notoperation und Reanimation

Nachdem sich der Zustand der Patientin über Nacht weiter verschlechtert hatte, wurde der Beschuldigte am Morgen erneut telefonisch kontaktiert und über «die klaren Anzeichen einer Sepsis» orientiert, wie es in der Anklageschrift heisst. Daraufhin untersuchte der Beschuldigte seine Patientin persönlich – und stellte die Diagnose einer Darmlähmung. Darüber hinaus zog er eine Chirurgin bei, die eine Blutvergiftung diagnostizierte. Schliesslich wurde die Patientin zur erneuten Öffnung des Bauches ins Kantonsspital Aarau überführt, wo eine Notoperation eingeleitet wurde. Die Patientin war in einem derart kritischen Zustand, dass sie rund zwei Minuten reanimiert werden musste. Bei der Not-OP wurde eine Darmperforation festgestellt.

Da der Gynäkologe «trotz eindeutiger körperlicher Anzeichen» und trotz der Hinweise der Kollegen an seiner Diagnose festgehalten habe, klagte ihn die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung an. «Es kam zu Verzögerungen, die in der Verantwortung des Beschuldigten liegen», sagte Staatsanwalt Sandro D’Ignazio. Der Beschuldigte habe weder die Verlegung nach Aarau noch die erneute Öffnung des Bauchraums angeordnet. «Eines von beiden hätte er früher anordnen können, ja müssen», so der Staatsanwalt.

37'200 Franken Geldstrafe

Der Anwalt des Beschuldigten plädierte dagegen darauf, den Schuldspruch des Bezirksgerichts Rheinfelden aufzuheben und seinen Mandanten freizusprechen. «Mein Mandant wurde die ganze Nacht über nicht angerufen», sagte er, «die Zeit ging aber in der Nacht verloren. Er kam, als er orientiert wurde.» Zudem hätte sein Mandant als Gynäkologe ohnehin einen Chirurgen beiziehen müssen. «Es ist nicht fair, dass man ihn als einzigen herauspickt», so der Anwalt weiter, zumal der Fall aus seiner Sicht ohnehin kein Fall fürs Strafrecht sei.

Zudem bemängelte er, dass das Bezirksgericht den Schuldspruch für ein Delikt gefällt habe, das gar nicht Bestandteil der Anklage gewesen sei. «Plötzlich ging es darum, dass mein Mandant im Untersuchungsbericht eine sogenannte Übernähung der äussersten Gewebeschicht des Darms nicht erwähnt habe. «Ich weiss gar nicht genau, gegen welchen Vorwurf ich meinen Mandanten verteidigen muss.» Und, selbst bei einem Schuldspruch, sei die Genugtuungssumme von der Vorinstanz deutlich zu hoch berechnet worden.

In diesem Punkt gab ihm das Obergericht recht. Es reduzierte die Genugtuungssumme von 100'000 auf 40'000 Franken. Es sei nicht erwiesen, dass die Operationen, die nach der Notoperation folgten, kausal mit dem Verschulden des Gynäkologen zusammenhängen.

Das eigentliche Verschulden sieht aber auch das Obergericht als erwiesen an. Trotz Hinweisen habe der Beschuldigte stur an seiner Diagnose festgehalten, sagte Oberrichter Fedier. Er hätte zeitgerechter und sorgfältiger handeln müssen. Dennoch reduzierte das Obergericht die Geldstrafe. Statt 200 Tagessätzen à 370 Franken bedingt auf zwei Jahre beträgt sie nun noch 120 Tagessätze à 310 Franken. Die Strafminderung ergab sich aus der langen Verfahrensdauer.

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