Die Frage, welche die Wittnauer seit einiger Zeit umtreibt, ist berechtigt: Braucht es die Ortsbürgergemeinde (OBG) heutzutage noch? Oder ist sie ein alter Zopf, der abgeschnitten gehört? Die az fragte in den 32 Fricktaler Gemeinden nach und bekam, wenig verwunderlich, Konträres zu hören. Von «aber sicher doch» bis «längst aufgelöst» ist alles darunter.

Das Statistische vorweg: 27,5 der 32 Gemeinden haben noch eine Ortsbürgergemeinde. Die halbe «Ortsbürger-Portion» ist Obermumpf: Die OBG existiert zwar noch – aber nur auf dem Papier. «Die Ortsbürgergemeinde hat sämtliche Vermögenswerte mit Nutzen und Schaden an die Einwohnergemeinde Obermumpf abgetreten», sagt Sandra Siegenthaler, Leiterin Finanzen und Einwohnerkontrolle. Eine Versammlung werde nur mehr einberufen, «wenn über die Erteilung eines Ortsbürgerrechts befunden werden muss». Dies sei in den letzten Jahren nie der Fall gewesen.

Kommt die Fusion mit Mumpf, Schupfart und Stein am 18. September zustande, dürfte dies auch nie mehr der Fall sein: Die Projektleitung von «Zukunft mittleres Fricktal» schlägt vor, dass es in der Fusionsgemeinde «Stein im Fricktal» keine OBG mehr gibt. Schupfart und Stein, die beide noch eine OBG haben, müssten dazu noch vor der Fusion die Ortsbürger- mit der Einwohnergemeinde verschmelzen. Sagt eine der Gemeinden Nein zur Auflösung, wird eine neue Ortsbürgergemeinde gegründet, in der dann die Ortsbürger sämtlicher Ortsteile vereint wären. Für Mumpf und Obermumpf hiesse dies: Ab ins Archiv und diejenigen Einwohner herausfiltern, die zum Zeitpunkt der Auflösung respektive Inaktivsetzung Ortsbürger waren und noch in der Gemeinde leben.

Grundsätzlich, das zeigt die az-Umfrage, gibt es drei Ortsbürgergemeindetypen:

Die Florierenden: Dazu gehören die OBG von Rheinfelden und Laufenburg. Sie haben eines gemeinsam: Sie verfügen über Vermögen, meist besitzen sie neben dem Wald auch Liegenschaften. Als «sehr interessiert und aktiv» erlebt Meinrad Schraner, Vizeammann und Präsident der Ortsbürgerkommission, «seine» Ortsbürger. Zwei Anlässe im Jahr führen sie für alle Einwohner durch. Eine Auflösung steht denn auch «nicht zur Diskussion», so Schraner. Im Gegenteil: Es bestehe eine Nachfrage, Ortsbürger zu werden. Im Juni 2014 wurden Emma Maria und Willi Weber Ortsbürger, im Dezember 2013 Hans Burger, Salvatore Giglio sowie Monica und Walter Marbot.

Fazit: Verfügt eine OBG über Vermögenswerte, kann ihr auch heute noch eine gesellschaftliche Bedeutung zukommen. Diese liegt nicht mehr, wie früher, in der Fürsorge der Armen, sondern in kulturellen und sozialen Projekten, die allen Einwohnern zugutekommen.

Einbürgerungsaktion läuft

Die Überzeugten: In Eiken, Herznach, Wegenstetten und Zuzgen stand eine Auflösung der OBG zur Diskussion. Sie wurde abgelehnt; in Herznach sprachen sich zwei Drittel in einer Konsultativabstimmung für die Beibehaltung aus. Zu den Überzeugten gehört auch Magden: Die Gemeinde führte 2004 eine Einbürgerungsaktion durch. Laut Gemeindeschreiber Michael Widmer liessen sich rund 200 Personen einbürgern.

In Münchwilen läuft aktuell eine Einbürgerungsaktion. Vor zehn Jahren lebten in der Gemeinde noch gut 90 Ortsbürger; heute sind es noch rund 60. Um neue zu gewinnen, schrieb die Gemeinde 200 Einwohner an und lud sie ein, Ortsbürger zu werden. Der Rücklauf ist eher bescheiden: Acht Personen haben sich laut Gemeindeschreiber Marius Fricker bislang gemeldet. Gemeindeammann Willy Schürch, der sich 2014 – nach 41 Jahren in Münchwilen – selber einbürgern liess, ist dennoch zuversichtlich, dass im nächsten Jahr neue Ortsbürger aufgenommen werden können. Er zieht eine Parallele zum Schicksal von Vereinen: «Sie lösen sich auf, wenn sie keine aktiven Leute oder kein Geld mehr haben. Ist beides vorhanden, florieren sie.» Am Geld hapert es in Münchwilen nicht: Die Ortsbürger verfügen über ein Vermögen von rund 3,5 Millionen Franken. Einige Landparzellen haben sie zudem im Baurecht abgegeben, was pro Jahr eine Rendite von einigen 1000 Franken einbringt». Geld, mit dem man etwas für die Gemeinde bewirken kann.

Fazit: Neben einem Geldpolster benötigt eine OBG vor allem eines, um zu leben: aktive Mitglieder.

Die Puristen: Mumpf hat seine OBG 2004 aufgelöst. Diese hatte bei der Einwohnergemeinde Schulden, und ihre beiden Standbeine – die Forstwirtschaft und die Rheinfähre – arbeiteten defizitär. Laut Gemeindeschreiber Reto Hofer rief die Auflösung einige Emotionen hervor. Diese haben sich längst gelegt. Im Rückblick sagt Hofer: «Das Dorfleben ging normal weiter, es ging kein Anlass verloren.» Nur der Absender hat gewechselt: Die Waldbereisung organisiert heute die Einwohnergemeinde.

Auf dem Weg zur Auflösung ist Wittnau. An einem Workshop im Mai, wo es um die (Nicht-)Zukunft der OBG ging, nahmen gerade einmal 12 Personen teil. Angeschrieben wurden 285 Ortsbürger. Das Interesse, konstatiert Gemeindeammann Werner Müller, «ist nicht mehr ausgeprägt». Die Wittnauer OBG gehört zudem nicht zu den üppig Situierten, weshalb auch die Gesellschaftswirkung begrenzt bleibt. Der Gemeinderat beantragt den Ortsbürgern deshalb im nächsten Juni die Auflösung. Müller rechnet damit, dass das Traktandum «einige Emotionen» hervorrufen wird.

Fazit: Mehrere OBG sind heute mehr oder weniger inaktiv. Sie aufzulösen, ist eine Option. Klar (und verständlich) ist: Ein solcher Schritt ruft Emotionen hervor, denn ein «Aus» bedeutet auch einen (zumindest gefühlten) Statusverlust, die Einbusse eines althergebrachten Rechts.