Der Hausarztmangel spitzt sich auch im Fricktal zu. «Wir bekommen täglich Anrufe von Leuten, die keinen Hausarzt mehr haben», sagt Beat Rickenbacher. Er führt in Rheinfelden eine Hausarztpraxis mit fünf Ärzten und ist Präsident des Hausarztvereins Fricktal. Rickenbacher selber nimmt zwar noch neue Patienten auf, er weiss aber: «Etliche Kollegen im Fricktal tun dies nicht mehr.» Und auch in seiner Praxis «ist das Limit bald erreicht».

Eine Entspannung ist nicht in Sicht, im Gegenteil. Zwar sind heute noch 61 Hausärzte im Fricktal aktiv (siehe Tabelle). Gleich mehrere von ihnen stehen aber kurz vor der Pensionierung und suchen intensiv nach einem Nachfolger. «Die Suche verläuft meist harzig», weiss Rickenbacher von Kollegen. Er selber hat fünf Jahre lang nach einem Partner für seine Praxis gesucht. Vergeblich. 2011 gab er die Suche auf und stellte stattdessen einen Arzt ein. «Aber auch das war nicht einfach», blickt er zurück. «Der Hausarzt-Job ist bei jungen Ärzten unbeliebt.»

Diese Erfahrung musste auch Pius Blum machen. Drei Jahre lang suchte er einen Nachfolger für seine Arztpraxis in Gipf-Oberfrick. «Es meldeten sich nur vereinzelt Ärzte», erzählte er der az vor knapp einem Jahr, «und die entsprachen nicht unbedingt dem, was ich mir vorstellte und was zu Gipf-Oberfrick passte.» Schliesslich fand sich eine Lösung: Das Gesundheitszentrum Fricktal (GZF) übernahm die Praxis. Denise Martin führt diese heute medizinisch selbstständig, ist aber vom GZF angestellt.

Dass sich kaum Hausärzte finden, hat vorab drei Gründe: Erstens verdienen Hausärzte deutlich weniger als Fachärzte. «Den Hausärzten fehlt im Parlament die Lobby», sagt Rickenbacher. «Deshalb sind ihre Tarife deutlich tiefer.» Derzeit wird das Tarif-Modell zwar revidiert. Ob es den erhofften Schwung in die Hausarztpraxen bringt, ist offen. «Dazu braucht es eine deutliche Anhebung der Tarife.»

Hausarztpraxen im Fricktal

Gemeinschaftspraxen als Lösung

Schwierig ist die Suche nach Hausärzten, zweitens, weil ihre Arbeits- und Präsenzzeiten oft deutlich höher sind als die von Fachärzten und angestellten Ärzten. «Wer alleine eine Praxis betreibt, ist fast rund um die Uhr im Dienst», sagt Rickenbacher. Dazu seien immer weniger Ärzte bereit.

Drittens wollen gerade junge Mediziner das finanzielle Risiko der Selbstständigkeit nicht mehr tragen. Das heisst: Sie lassen sich anstellen oder bilden Gemeinschaftspraxen. In Letzteren sieht Rickenbacher auch die Zukunft. «Es ist eine Win-win-Situation.» Für die Praxis, den Arzt und die Patienten. «Die Praxis ist stets besetzt, der einzelne Arzt hat mehr Freizeit und das Modell ermöglicht es, Teilzeitjobs anzubieten.» Diese seien besonders bei Ärztinnen beliebt. Nur: «Auf dem Land fehlt oft die Infrastruktur oder das Potenzial für eine solche Gemeinschaftspraxis.» Als besonders gefährdet erachtet Rickenbacher deshalb die Landpraxen. «Nur wenige von ihnen werden überleben.»

Gegensteuer zu geben, ist schwierig. Eine Option ist, dass eine Firma oder ein Spital die Praxis übernimmt und einen Arzt einstellt. So trägt der Arzt das finanzielle Risiko nicht. Aber selbst unter diesen «erleichterten Bedingungen» fallen die Nachfolger nicht vom Himmel: Es dauerte rund ein Jahr, bis das GZF die Nachfolgerin für die Praxis von Pius Blum gefunden hatte. Und dies, obwohl Gipf-Oberfrick mit gut 3500 Einwohnern ein verhältnismässig grosses Potenzial hat – und hier kein anderer Hausarzt praktiziert. Das Grundproblem besteht selbst hier: «Junge Ärzte zieht es in die grossen Zentren. Und die liegen nicht unbedingt im Fricktal», so Rickenbacher.

Ein Stadt-Land-Gefälle zeigt sich aber auch im Fricktal selber. So kommt Rheinfelden mit gut 13 000 Einwohnern auf 25 Hausärzte; im ländlicheren Nachbardorf Möhlin, wo ebenfalls um die 11 000 Einwohner leben, sind es «nur» sechs. Dass es Frick bei nicht einmal halb so vielen Einwohnern wie Möhlin auf sieben Allgemeinmediziner bringt, ist der regionalen Zentrumsfunktion der Gemeinde geschuldet.

17 Gemeinden ohne Hausarzt

Was auffällt: Nicht einmal mehr jede zweite Gemeinde im Fricktal hat eine Hausarztpraxis. Die 61 Fricktaler Hausärzte verteilen sich auf 15 Gemeinden. Umgekehrt formuliert: In 17 Gemeinden hat es keine Hausarztpraxis.

Droht dem Fricktal also eine Unterversorgung? Rickenbacher befürchtet es mittelfristig. Zwar habe man die Zahl der Studienplätze erhöht. «Bis die Massnahme aber richtig greift, vergehen zehn Jahre. Und das ist zu spät.» Auch die Grenznähe hilft da wenig. «Es kommen zwar viele Ärzte aus Deutschland in die Schweiz. Aber auch sie zieht es vor allem an die Spitäler oder in Fachbereiche.»

Rickenbacher selber ist ein Überzeugungstäter: «Ich bin mit Leib und Seele Hausarzt», sagt er. Was ihn fasziniert, ist die Breite seines Jobs. «Ich decke das ganze medizinische Spektrum ab.» Auch der enge Bezug zu seinen Patienten schätzt er. Manche waren schon bei seinem Vater, von dem er die Praxis 2003 übernommen hat. «Als Hausarzt begleite ich die Menschen durch ihr Leben.» Für ihn ist denn auch klar: «Ich habe meinen Traumjob gefunden. Dabei bleibe ich.»