Fricktal
Nur 41 der 162 Gemeinderatssitze gehen an Frauen - Politikerinnen sehen Handlungsbedarf

Die Wahlresultate im Fricktal zeigen: Der Frauenanteil entspricht 25,3 Prozent. Die Politikerinnen wollen handeln. Regula Bachmann langjährige CVP-Grossrätin bilanziert: «Diese Entwicklung ist gar nicht gut.»

Thomas Wehrli
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20 der 41 gewählten Gemeinderätinnen im Fricktal

20 der 41 gewählten Gemeinderätinnen im Fricktal

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20 der 41 gewählten Gemeinderätinnen im Fricktal Von links: Gabriele Wieser, Oeschgen, Susanna Schlittler, Rheinfelden, Angela Hurschler, Schupfart, Bernadette Ankli, Stein, Jris Pümpin, Wallbach, Eliane Ryf, Wegenstetten, Gertrud Häseli, Wittnau, Gabi Reimann, Wölflinswil, Gisela Taufer, Zeiningen, Karin Michel, Zuzgen.

20 der 41 gewählten Gemeinderätinnen im Fricktal Von links: Gabriele Wieser, Oeschgen, Susanna Schlittler, Rheinfelden, Angela Hurschler, Schupfart, Bernadette Ankli, Stein, Jris Pümpin, Wallbach, Eliane Ryf, Wegenstetten, Gertrud Häseli, Wittnau, Gabi Reimann, Wölflinswil, Gisela Taufer, Zeiningen, Karin Michel, Zuzgen.

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«Schitter.» Dieses Fazit ziehen sowohl SP-Grossrätin Elisabeth Burgener als auch Gertrud Häseli, Grüne-Grossrätin und Gemeinderätin in Wittnau, mit Blick auf den künftigen Frauenanteil in den Fricktaler Gemeinderäten.

Von den 162 Sitzen sind ab 2018 nur gerade 41 in Frauenhänden. Dies zeigt eine Wahlauswertung der AZ unter allen 32 Fricktaler Gemeinden. Das entspricht einen Frauenanteil von 25,3 Prozent. Selbst wenn die fünf Sitze, die derzeit noch nicht besetzt sind, allesamt in Frauenhände fallen würden, steigt der Frauenanteil nur auf 28,4 Prozent. In vier Gemeinden, darunter das Schwergewicht Möhlin, ist der Gemeinderat zudem künftig ein reines Männergremium; aktuell sind es nur drei.

Zum Vergleich: In die zu Ende gehende Amtsperiode sind 42 Gemeinderätinnen gestartet, was einem Frauenanteil von 25,9 Prozent entspricht. Durch Ersatzwahlen während der Legislatur hat sich die Zahl der Sitze in Frauenhänden auf aktuell 45 oder 27,8 Prozent erhöht. Mit anderen Worten: Wenn in den noch ausstehenden Ergänzungswahlen keine Frau mehr gewählt wird, geht der Frauenanteil gegenüber der letzten Amtsperiode sogar zurück.

«Diese Entwicklung ist gar nicht gut», bilanziert die langjährige CVP-Grossrätin Regula Bachmann und auch Häseli wünscht sich einen höheren Frauenanteil. Sie ist überzeugt: «Dies würde der Gesellschaft helfen, denn vielfältige Systeme sind stabilere Systeme.» Es sei deshalb wichtig, dass alle Bevölkerungsschichten und -gruppen in die politische Arbeit eingebunden seien.

Dies ist nicht falsch, nur: Zuerst muss man die verschiedenen Gruppen auch wählen können. Bei den Frauen jedenfalls ist nicht nur der Anteil der Gewählten tief, sondern auch jener der Kandidierenden. Da stellt sich die Frage: Weshalb ist das so? In den Gesprächen mit verschiedenen Politikerinnen kristallisieren sich fünf Gründe heraus.

Die Vereinbarkeit. Familie, Beruf und Politik unter einen Hut zu bringen, ist für Frauen nicht einfach. Die familiären und beruflichen Pflichten halten Frauen zwischen 30 und 50 ab, in die Politik einzusteigen. «Wer in diesem Lebensabschnitt nicht einsteigt, macht den Schritt oft auch später nicht», sagt Bachmann. Sie geht mit Burgener einig, die fordert: «Die Vereinbarkeit der Lebensbereiche muss verbessert werden.»

Vorbilder fehlen. Der eher niedrige Anteil an Frauen in politischen Spitzenpositionen führt dazu, dass den jungen Frauen Vorbilder fehlen. «Das hält viele davon ab, sich selber politisch zu engagieren», ist Burgener überzeugt.

Die Stilfrage. Politische Auseinandersetzungen werden zusehend auf der persönlichen Ebene ausgetragen. Es wird direkt auf den Mann respektive die Frau gespielt. Der Umgang ist in den letzten Jahren rauer geworden. Das bestätigen viele Gemeinderäte. Und mit dem Stil respektive der Stilverluderung haben Frauen mehr Mühe als Männer. «Wir Frauen sind in der Tendenz mehr auf Ausgleich und Harmonie bedacht», sagt Bachmann.

Die Ansprüche. «Frauen trauen sich zu wenig zu», so Häseli. Ihre Arbeit sei nicht schlechter als jene der Männer und es gäbe viele Frauen, die Super-Gemeinderätinnen wären, «doch sie stellen derart hohe Ansprüche an sich selbst, dass sie sich gar nicht erst melden».

Auf Männer ausgerichtet. Politik war bis 1971 reine Männersache. «Das spürt man bis heute», sagt Häseli. So etwa, wenn man von Wahlkampf spreche oder wenn soziale Themen eher an den Rand gedrängt würden.

Nachwuchsarbeit vernachlässigt

Einig sind sich die Befragten: Der Frauenanteil muss steigen. Nicht über Quoten, sondern über gezielte Nachwuchsarbeit. «Hier sind die Parteien gefordert», sagt Bachmann. «Sie haben die Nachwuchsarbeit vernachlässigt.» Wichtig seien neben einer bewussten Förderung auch «gute Vorbilder», fügt Häseli an.

Und Gemeinden, in denen die Frauen das Zepter in die Hand nehmen. Aktuell gibt es im Fricktal keine Gemeinde, in der die Frauen die Mehrheit im Gemeinderat stellen. Und auch für die neue Legislaturperiode sieht es «schitter» aus: In den 28 Gemeinden, in denen die Exekutive bereits komplett ist, liegt der Frauenanteil zwischen 0 und 40 Prozent.

In drei Gemeinden wäre eine Frauenmehrheit theoretisch noch möglich. Darunter in Wittnau. «Das wäre natürlich mein Wunschszenario», sagt Häseli. Sie ist aber skeptisch, dass es eintreffen wird, denn bislang kursieren im Dorf keine Frauennamen. «Die Hoffnung gebe ich nicht auf.»