Die Tat schockierte: Anfang November 2015 tötete ein 40-jähriger Afghane seine 30-jährige Ehefrau mit 56 Messerstichen. Die drei Kinder der Familie, die als vorläufig Aufgenommene in Gipf-Oberfrick lebte, wurden am gleichen Tag im Kinderheim Brugg platziert. Für ihr schnelles Eingreifen wurden die Behörden breit gelobt. Knapp fünf Monate blieben die Kinder im Kinderheim Brugg. Seit Ende März 2016 leben sie in einer sozial- und heilpädagogischen Einrichtung im Kanton Solothurn.

Dass die Unterbringung der drei Kinder, die heute zwischen 9 und 15 Jahre alt sind, den Kanton einiges kostet, war klar. Als die az jedoch die konkreten Zahlen publik macht, staunen viele gleichwohl: Pro Monat zahlte der Kanton dem Kinderheim in Brugg für die drei Kinder um die 55 000 Franken, das Heim im Solothurnischen bekommt 24 180 Franken. Das sind seit November 2015 insgesamt mehr als 600 000 Franken.

«Auch ich war perplex, als ich den Betrag las», erinnert sich CVP-Grossrat Martin Steinacher. Er liess sich mit anderen Grossräten im Kinderheim Brugg aufzeigen, weshalb die Unterbringung so teuer ist, und sah, «dass dies Hand und Fuss hat».

18 Jahre für mutmasslichen Mörder von Gipf-Oberfrick gefordert

18 Jahre für mutmasslichen Mörder von Gipf-Oberfrick gefordert (25.4.2017)

Im November 2015 soll der Afghane seine Frau erstochen haben. Die Staatsanwaltschaft hat nun Anklage erhoben und beantragt 18 Jahre Gefängnis.

Den politischen Weg wählten die beiden SVP-Grossräte Christoph Riner und Tanja Primault-Suter, die vom Regierungrat mit einer Interpellation die Zahl der Fälle, die Gründe für die hohen Kosten und die Gegenmassnahmen wissen wollte. Die Antwort der Regierung liegt seit Freitag vor (die az berichtete). Sie zeigt, dass es im Aargau 29 Notfallplätze für Kinder und Jugendliche gibt und diese zu 75 Prozent ausgelastet sind. Die hohen Kosten erklärt der Regierungsrat insbesondere mit der «sehr intensiven Betreuung rund um die Uhr».

Mit der Antwort der Regierung ist Riner «nur teilweise zufrieden». Insbesondere ärgert ihn, dass die Regierung in ihrer Antwort nur die Tages- und Monatspauschalen aufführt und nicht aufzeigt, wie sich diese Pauschalen zusammensetzen. «Genau das wollten wir aber wissen», sagt Riner. In diesem Punkt unterstützt ihn Steinacher. «Die Kosten haben die Gemüter enorm erhitzt.» Er hätte sich deshalb in diesem Fall eine «volle Transparenz der Kosten» gewünscht.

Trauerfeier für die ermordete Mutter

Trauerfeier für die ermordete Mutter (27. November 2015)

Freunde, Bekannte und Klassenkameraden der betroffenen Kinder nahmen in Gipf-Oberfrick Abschied von der ermordeten afghanischen Mutter.

Wie Riner begrüsst auch Steinacher, dass der Regierungsrat eine Kostenreduktion prüfen will, wie dieser in seiner Interpellationsantwort schreibt. «Dies ist gerade in Zeiten, in denen an allen Ecken gespart werden muss, richtig.» Steinacher macht sich allerdings keine allzu grossen Hoffnungen, dass viel Geld eingespart werden kann. «Eine Notfallbetreuung ist wichtig und kostet.» Sparpotenzial ortet er allenfalls bei der Zahl der Heime, die Notfallplätze anbieten. Heute sind es deren vier – Brugg, Oberrohrdorf, Seon und Aarau.

«Ich habe ihn mit blutigem Fuss auf dem Bänkli sitzen sehen»: So reagieren Nachbarn und Gemeindeammann auf die Bluttat von Gipf-Oberfrick.

«Ich habe ihn mit blutigem Fuss auf dem Bänkli sitzen sehen»: So reagieren Nachbarn und Gemeindeammann auf die Bluttat von Gipf-Oberfrick. (4.11.2015)

Riner sieht in der Auslastung der Heime einen Ansatzpunkt. Er argwöhnt zudem: «Ich werde das Gefühl nicht los, dass hier viele gutes Geld verdienen.» Die hohen Kosten für die Notfallplätze in Brugg seien das eine, so Riner. «Aber dass das Heim im Solothurnischen 8060 Franken pro Monat und Kind kostet, will mir einfach nicht in den Kopf.» Der SVP-Politiker betont: «Es braucht Notfallplätze.»

Das Wohl der Kinder sei das Allerwichtigste. «Aber ich bin überzeugt, dass man das Angebot optimieren und kostengünstiger anbieten kann.» In der Bereitschaft der Regierung, die Kosten zu überprüfen, fühlt sich der SVP-Politiker in seiner Einschätzung, die Kosten seien hoch, bekräftigt. Er will der Regierung genau auf die Finger schauen, sprich: beobachten, ob sich in der Kostenfrage etwas tut. Wenn nicht, «werden wir wieder intervenieren». Reagieren wollen Riner und Primault auch auf die Antwort der Regierung. Sie werden beim Kanton nachfragen, ob dieser ihnen die Kosten aufschlüsselt. Tut er es nicht, «prüfen wir eine weitere Interpellation».