Laufenburg
Nicht einmal der Bundesrat bot seine Hilfe an

Eine fast unendliche Geschichte steckt hinter dem Gebäude Nummer 99 an der Unteren Wasengasse. Die Sanierungen in der Laufenburger Altstadt wecken wenig schöne Erinnerungen bei Geri und Marcel Tröndle.

Susanne Hörth
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Einsturzgefahr

Einsturzgefahr

In der Laufenburger Altstadt werden zurzeit die beiden Liegenschaften Nummer 100 und 101 an der Wasengasse umfassend saniert. Für Geri und Marcel Tröndle werden Erinnerungen an wenig schöne, von vielen Sorgen belastete Jahre wach.

Ihr Altstadthaus stösst an das zurzeit entkernte Gebäude Nummer 100 an. Wer heute das wunderschöne Zuhause des Ehepaars sieht, würde nicht glauben, dass es lange Jahre als das schiefe Haus von Laufenburg bezeichnet wurde. «Wie haltet ihr das bloss aus»? Eine Frage mit lautem Nachhall.

Immer und immer wieder wurden Tröndles dies in den Jahren ab 1979 gefragt. Auszuhalten gab es viel, sehr viel. Ein kaum bewohnbares Haus, Sanierungskosten von rund 1,3 Millionen Franken, jahrelange Gerichtsstreitigkeiten und ein noch längerer Umbau ist Teil einer scheinbar endlosen Kette. Dass sich das Paar heute gemeinsam mit zwei seiner Kinder ein Bijou zum Leben und Wohnen teilt, ist nur möglich, «weil wir es gemeinsam durchgestanden haben», so Marcel Tröndle.

Schon seit Generationen befindet sich das Haus an der Unteren Wasengasse im Besitze der Familie Tröndle. Das im Mittelalter erbaute Haus hat viel erlebt, überstand unter anderem auch den Brand in der Altstadt vor rund vier Jahrhunderten. Den Flammen zum Opfer gefallen waren hingegen die gegen Westen, Richtung Wasentor angebauten Liegenschaften. Die Häuser wurden zwar wieder aufgebaut, aber nicht mehr anschliessend an das Tröndle-Haus. So kam es, dass jenes zu einem Eckhaus wurde.

Das schiefe Haus

War es der Mauerdruck der von unten anstossenden Häuser? Lag es am Baugrund? Wer weiss. Tatsache war auf jeden Fall, dass sich das Haus zu neigen begann. 1979 musste wegen akuter Einsturzgefahr sogar eine Stahlkonstruktion das Gebäude stützen.

Wer damals einen Blick in die teilweise auseinandergerissenen Holzverbindungen im Estrich wagte, konnte feststellen, dass die Stahlträger nicht nur Haus Nummer 99, sondern auch das angebaute mit der Nummer 100 stützen mussten. Die für die Stützkonstruktion auflaufenden Kosten von 50 000 Franken schoss die Laufenburger Stadtbehörde zwar vor, verlangte das Geld aber zurück.

Die Stahlkonstruktion war für vier Jahre bewilligt, stand aber insgesamt zehn Jahre. «Uns fehlte das Geld, um unser Haus sanieren zu können», so Marcel Tröndle.

Erdrückende Sorgen

Ein geologisches Gutachten des Kantons Aargau hatte bereits 1978 ergeben, dass der Untergrund der Häuserzeile stabil und somit nicht für die Verschiebung verantwortlich gemacht werden könne. Die Abklärungen zeigten, dass der obere Teil des Hauses abgerissen und neu aufgebaut werden musste.

Die Kostenabklärungen präsentierten die stattliche Summe von 1,3 Millionen Franken. «Ich wusste nicht, wie ich das hätte bezahlen können», macht Marcel Tröndle deutlich, dass die Sorge um das Zuhause seiner Familie, aber auch die erdrückenden Kosten ein ruhiges Schlafen nachts nicht mehr zuliessen. Das wäre aber dringend nötig gewesen, denn das Ehepaar Tröndle arbeitete tagsüber hart.

Hart, vor allem, um ihr Daheim finanzieren zu können. Marcel Tröndle liess nichts unversucht, um Unterstützung bei den veranschlagten Kosten zu erhalten. Vergebens. Weder von der Stadt Laufenburg noch vom Kanton – Tröndle hatte den Regierungsrat angeschrieben – war Hilfe zu erwarten. Selbst ein Brief an den damaligen Bundesrat Kurt Furgler nützte nichts. «Eine Antwort habe ich nie erhalten.»

Einfach zu resignieren, war aber nicht im Sinne der Tröndles. Sie fanden eine Bank, die ihnen die umfassende Sanierung finanzierte. Tagsüber ihren Berufen nachgehen, abends beim Hausumbau tatkräftig mit anpacken, das folgte für das Ehepaar in den folgenden Jahren.

Während der ganzen Umbauphase bewohnten Tröndles ihr Haus. «Wir mussten morgens den Handwerkern mitteilen, wie viele Personen sich im Gebäude befinden. Dies, damit die Retter bei einem Einsturz im Bilde sind, nach wem sie alles suchen müssen», erinnert sich Geri Tröndle an eine schwierige Zeit zurück.

Wenig gemütlich war das Wohnen in jeder Beziehung. So wachte Geri Tröndle eines Morgens auf einem völlig durchnässten Kopfkissen auf. Um gegen den durch die Decke dringenden Regen geschützt zu sein, hiess es künftig, mit Regenschirm ins Bett zu gehen. «Wir konnten uns nebst den hohen Sanierungskosten keine Wohnung leisten», erklären die Tröndles, warum sie trotz des kaum noch bewohnbaren Hauses nicht nach einer temporären Lösung suchten. Sie haben es überstanden, wohnen heute in einem Vorzeigeobjekt der Laufenburger Altstadt.

In diesen Tagen wurde bei den bis auf die Grundmauern ausgehöhlten Gebäuden Nummer 100 und 101 die Balken eingezogen. Wenig wohl fühlte sich dabei insbesondere Geri Tröndle. Die früheren Ängste rund um ihr eigenes Haus kommen wieder hoch. Gleichwohl sind sie und ihr Mann froh, dass nebenan endlich etwas geht. Bei zusammengebauten Liegenschaften können die Mängel des einen auch immer zu Schäden des anderen führen.