Einwanderer

Nicht das Geld lockte ihn: «In Deutschland ist der Patient eine Nummer»

Christian Helm: «Zu Hause bekamen wir Pfleger immer zu hören: Ich bin der Arzt, du nur der Pfleger.» In der Schweiz dagegen begegne man sich auf Augenhöhe.

Christian Helm: «Zu Hause bekamen wir Pfleger immer zu hören: Ich bin der Arzt, du nur der Pfleger.» In der Schweiz dagegen begegne man sich auf Augenhöhe.

Einwanderer Christian Helm zog bereits 2012 ins Fricktal - aber nicht aus finanziellen Gründen, sagt er. Seine Familie blieb anfangs in Bayern. Die Distanz wurde zur Belastungsprobe. Erst nach zwei Jahren folgte sie ihm.

Christian Helm kam zwei Jahre vor seiner Familie in die Schweiz. Er bewarb sich 2012 als Rettungssanitäter und Anästhesiepfleger und bekam die Stelle. Es waren weniger der finanzielle Anreiz, der ihn zum Schritt in die Schweiz bewog, als vielmehr der andere Zugang zum Patienten. «In Deutschland ist der Patient eine Nummer, die nach Sekunden getaktet behandelt und abgerechnet wird. In der Schweiz dagegen steht noch der Mensch im Zentrum – und das entspricht meiner Vorstellung von Medizin viel mehr.» Zudem könne er in der Schweiz mehr Verantwortung übernehmen und sein erarbeitetes Wissen besser einsetzen. «Zu Hause bekamen wir Pfleger immer zu hören: Ich bin der Arzt, du nur der Pfleger.» Hier begegne man sich auf Augenhöhe.

Familie Helm packt – Vorschau auf die Dok-Sendung vom 5. Juni: 

Quelle: SRF

Grüezi Schweiz - Dok Familie Helm

Christian Helm wohnte in der Zeit, in der seine Familie noch im bayrischen Germering lebte, bei Kollegen in Münchwilen zur Untermiete. Für ihn war es wichtig, sich von Anfang an zu integrieren. Kurz nach seinem Zuzug trat er der Feuerwehr («meine grosse Leidenschaft») in Stein bei. Helm sagt: «Ich will dem Land, in dem ich lebe, auch etwas zurückgeben.»

Distanz wird Belastungsprobe

Als Vivian 2013 auf die Welt kam, stellte sich unweigerlich die Frage: Kommt Christian zurück oder zieht die Familie nach? Denn für Sonja war klar: «Eine Beziehung auf Distanz macht auf Dauer keinen Sinn.» Zumal so alle familiären Pflichten an ihr hängen blieben. Die Distanz wurde mit der Zeit zur Belastungsprobe. Das manifestierte sich auch in Kleinigkeiten: «Wenn Christian alle drei Wochen nach Hause kam, wollte er am liebsten zu Hause sein – ich dagegen, die ja die ganze Zeit zu Hause war, wollte mit der Familie Ausflüge machen.»

«Grüezi Schweiz» – Trailer zur SRF-Dok-Serie:

Grüezi Schweiz - Trailer allgemein

Das «Projekt Schweiz» nahm ab Juni 2013 Fahrt auf. Kollegen sagten zu Christian: «Sei doch nicht blöd! Zieh mit deiner Familie nicht in die Schweiz, sondern nach Süddeutschland. Als Grenzgänger sparst du viel Geld!» Christian entgegnete ihnen: «Wenn ich in der Schweiz mein Geld verdiene, dann gebe ich es auch dort aus.»

Aus dem Urlaub werden Ferien

Christian suchte für seine Familie eine Wohnung in Stein, wo sie im Mai 2014 einzogen. Vor fünf Wochen, ein Jahr später, stand der nächste Umzug an – ins Eigenheim, eine Gartenwohnung, nach Frick.

Sie hätten sich gut eingelebt, sagen beide, und Sonja, die «Nachzüglerin», die nun bei der Spitex Teilzeit arbeitet, fügt schmunzelnd an: «Auch mit dem Schweizerdeutschen klappt es ganz gut.» Die Hausschuhe sind nun eben die Finken, der Urlaub die Ferien und der Hubschrauber der Helikopter. Ihre Kaderstelle vermisst sie schon noch etwas, mehr noch die Menschen, die sie zurückliess. Den Umstand, nur mehr Teilzeit arbeiten zu müssen und so mehr Zeit für die Kinder zu haben, dagegen schätzt sie sehr, «das ist ein grosser Luxus».

Die Schweizer erleben beide als «offen und hilfsbereit». Und höflich. Hier grüsse jeder jeden, etwas, das es in Deutschland nicht gab. Der Deutsche sei direkter, der Schweizer herzlicher, bilanziert Christian. Dass viele Schweizer die Deutschen nicht sonderlich mögen, davor warnten mehrere Kollegen die beiden. «Ich hatte nie ein Problem», sagt Christian. Was ihn jedoch stört, ist das Schubladendenken, das dahinter steckt. Wenn ihm jemand sage: «Du Schwob», dann antworte er ruhig: «Ja, es stimmt, ich komme aus Deutschland. Aber ich verdiene hier in der Schweiz mein Geld – und gebe es auch hier aus.»

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