Rheinfelden

Neujahrslied der Sebastiani-Brüder schafft einen besonderen Jahresabschluss

Die Sebastiani-Bruderschaft pflegt in Rheinfelden einen Brauch aus dem Mittelalter.

Die Sebastiani-Bruderschaft pflegt in Rheinfelden einen Brauch aus dem Mittelalter.

Das Brunnensingen in der Rheinfelder Altstadt bildet jeweils einen besonderen Jahresabschluss.

«Das Lied hat eine mittelalterliche Melodie», erklärt Markus Klemm, seit 1988 einer von zwölf Jüngern der Sebastiani-­Bruderschaft, «nur die Texte sind verschieden». Verschieden deshalb, weil die Bruderschaft das Lied bereits an Heiligabend, zu Ehren Marias gesungen hat und nun heute in der Silvesternacht den Heiligen Sebastian um Beistand in Kriegs-, Pest- und Todesgefahr anruft. Jede Strophe endet mit dem Wunsch «Gott gebe euch allen ein gutes neues Jahr». Die 1541 anlässlich eines wiederholten Pestausbruchs mit rund 700 an der Seuche Gestorbenen gegründete Sebastiani-Bruderschaft hält am in der Schweiz einmaligen Brauch fest. Obwohl die Schrecken der Pest schon lange gebannt sind, hat der Brauch offenbar nichts von seiner Faszination eingebüsst. «Das Brunnensingen ist sehr beliebt», weiss Markus Klemm, dienstältester Jünger der Bruderschaft, «es geht immer eine grosse Schar mit».

Nur die Pestlaterne erhellt die Gassen

Mit dabei ist auch die Regionalpolizei. Ihre Aufgabe besteht einerseits in der Verkehrsregelung, andererseits darin, die ­Ladenbesitzer in der Altstadt auf das Löschen der Schaufensterlichter aufmerksam zu machen. Denn der Rundgang soll in völliger Dunkelheit stattfinden. Dafür wird auch die Strassenbeleuchtung vorübergehend ausgeschaltet. «Da stehen alle dahinter – die Stadt, die Behörden», so Klemm, «was wiederum zeigt, dass der Brauch sehr beliebt ist».

Das einzige Licht, das in der Nacht strahlen soll, ist die Pestlaterne. Diese holen die zwölf Männer der Sebastiani-Bruderschaft in der Stadtkirche Sankt Martin. Das Alter der Laterne kann Klemm nicht genau datieren. Wahrscheinlich handelt es sich um eine Nachbildung der originalen Pestlaterne aus dem 16. Jahrhundert. Ihren Zweck erfüllt sie heute noch: Ein Licht zu sein in dunkler Zeit.

Sebastian ist der Schutzheilige gegen die Pest. Seit dem Mittelalter gilt er als letzte Zuflucht der Pestkranken, weshalb die Bruderschaft in Rheinfelden nach ihm benannt ist. Die Lieder sollen den Segen bringen, der vor weiteren Pestausbrüchen schützt. Aber warum werden sie an den Brunnen gesungen? «Es war unklar, wo die Pest herkam», erklärt Markus Klemm, «eine Meinung war, dass sie aus dem Wasser kam.» Und deshalb, sagt er, «wird gesungen, damit das Wasser rein bleibt».

Die selbst gestellte Aufgabe der Bruderschaft aus dem Jahr 1541, die Kranken zu pflegen und die Toten zu beerdigen, steht glücklicherweise nicht mehr im Fokus. Doch der karitative Gedanke ist erhalten geblieben, indem diese jeweils im Sommer einen Öffentlichkeitsanlass mit älteren und gehbehinderten Einwohnern von Rheinfelden durchführt – als «Dienst an der Allgemeinheit», so Klemm.

Die Sebastiani-Bruderschaft schlägt ihre Nachfolger immer selber vor. Gemäss Statuten eines Buches aus dem 19. Jahrhundert, das auf einer früheren, nicht mehr vorhandenen Schrift basiert, muss es sich dabei um «ehrbare Rheinfelder Bürger» handeln. Die zudem in Rheinfelden verwurzelt sein müssen sowie zwischen Weihnacht und Neujahr keinen Urlaub machen. Und, ebenso wichtig: Sie müssen gut singen können.

Das Brunnensingen am 31.Dezember beginnt um 21 Uhr und dauert eine gute Stunde. Es wird mit einem Orgelkonzert in der Kirche St. Martin beschlossen.

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