Frick

Neo-Gemeinderat Eugen Voronkov: «Das Dorf wächst definitiv zu schnell»

«Ich finde jede Steuererhöhung ärgerlich»: Neo-Gemeinderat Eugen Voronkov.

«Ich finde jede Steuererhöhung ärgerlich»: Neo-Gemeinderat Eugen Voronkov.

Eugen Voronkov über Steuererhöhungen, Wachstum – und wie das Dorf touristisch vermarktet werden kann.

Der Gemeinderat von Frick will den Steuerfuss um drei Prozent erhöhen. Effektiv zahlen die Fricker ab 2018 jedoch sechs Prozent mehr Steuern. Denn im Zuge der Neuordnung der Aufgabenteilung zwischen Kanton und Gemeinden hat der Kanton zusätzliche Aufgaben übernommen. Um diese erfüllen zu können, wird die Kantonssteuer um drei Prozent erhöht. Im Gegenzug sollen die Gemeinden ihren Steuerfuss um drei Prozent senken.

Das sagen die Fricker: Was halten Sie von der geplanten Steuererhöhung von drei Prozentpunkten?

Die Steuerfusserhöhung kommt in Frick nicht bei allen Einwohnern gut an. Die SVP wettert laut gegen die Finanzpolitik des Gemeinderates und unterstellt ihm, er habe in den letzten Jahren mit zu grosse Kelle angerührt. Teil des Gremiums ist ab Januar auch der parteilose Eugen Voronkov; er gewann am Sonntag die Kampfwahl gegen SVP-Präsident Adrian Speckert und wurde in den Gemeinderat gewählt.

Eugen Voronkov, der Gemeinderat will den Steuerfuss um drei Prozent erhöhen. Das ist ein schönes Antrittsgeschenk für Sie!

Eugen Voronkov: Leider ist das überhaupt kein schönes Geschenk. Ich bin nicht erfreut und auch verärgert über die geplante Erhöhung.

Weshalb sind Sie verärgert?

Weil ich jede Steuererhöhung ärgerlich finde.

Überrascht Sie die beantragte Steuerfusserhöhung?

Nein, es überrascht mich nicht. Die Finanzen in Frick sind seit längerem unter Druck. Der Bau des Gemeindehauses, höhere Investitionen im Rahmen des Wachstums und der Wegzug von Firmen haben den finanziellen Druck weiter erhöht.

Die SVP moniert, der Gemeinderat habe in den letzten Jahren mit zu grosser Kelle angerührt. Teilen Sie diese Einschätzung?

Hier geht um wichtige Fragen: Welche Investitionen muss eine Gemeinde tätigen, wie werden diese finanziert, wie nachhaltig sind diese und was ist der Nutzen für die Bevölkerung. Diese Fragen müssen mit äusserster Sorgfalt geklärt werden. Es darf nicht ideenlos investiert werden, weil man beispielsweise einen Überschuss hat. Dann sollte man dieses Geld lieber der Bevölkerung lassen. Eine Gemeinde kann nicht nur von der Bevölkerung fordern, sondern muss auch für die Bevölkerung da sein. Frick ist auf gutem Weg, muss aber sich selber laufend hinterfragen.

Neues Gemeindehaus, «Rebstock»-Kauf, Ausbau des Mehrzweckgebäudes Racht: Will der Gemeinderat nicht zu viel auf einmal?

Ich war gegen den Ausbau des Gemeindehauses. Mir war damals schon nicht klar, warum es so viel kostet und wie man das bezahlen möchte. Der «Rebstock» ist im Vergleich zum Gemeindehaus ein «kleines» Projekt. Und im Unterschied zum Gemeindehaus wird der Rebstock wenigstens kleine Erträge erzielen.

Muss sich die Bevölkerung selber an der Nase nehmen, schliesslich hat sie zu allen Projekten Ja gesagt?

Es ist wichtig, dass das Zusammenspiel zwischen dem Gemeinderat und der Bevölkerung funktioniert. Es braucht absolute Transparenz und einen Dialog. Die Bevölkerung steht aber auch in der Verantwortung. Es braucht eine kritische Bevölkerung, die alles hinterfragt, im Zweifelsfall Nein sagt und auch an die Gemeindeversammlungen kommt! Beim Gemeindehausbau hat die Bevölkerung Ja gesagt, also wird sie dafür zahlen müssen. Ich würde gerne erfahren, welche Motive die Bürger hatten, Ja zum Gemeindehausausbau zu sagen.

Werden Sie als neuer Gemeinderat auf die Ausgabenbremse stehen?

Es geht um vernünftige Ausgaben. Eine Gemeinde muss ihre Einnahmen überlegt und nachhaltig einsetzen. Auch muss der Gemeinderat gewisse Entwicklung voraussehen und darauf reagieren. Jetzt, bei der geplanten Steuererhöhung, ist auch der Zeitpunkt, die Ausgaben und Einnahmen der Gemeinde detailliert zu prüfen.

Braucht die Gemeinde mehr Einnahmen?

Ja, definitiv. Frick braucht mehr Einnahmen.

Wie soll das gehen?

Es darf nicht sein, dass die Einnahmen einzig durch Steuererhöhungen und stärkeres Bevölkerungswachstum realisiert werden. Es braucht Rahmenbedingungen, damit KMU nach Frick kommen. Das Gewerbe muss gestärkt werden für neue Arbeitsplätze. Eine grosse Chance sehe ich auch im Tourismus.

Echt?

Ja, das Fricktal ist eine extrem spannende Region, die eine interessante Geschichte hat. Es braucht kulturelle und gesellschaftliche Events, um Leute, die Geld ausgeben möchten, nach Frick zu locken. Das belebt wiederum unsere Hotels und Restaurants. Im Moment passiert zu wenig in diese Richtung.

Sie wollen das Dorf attraktiver machen. Ist das nicht einfach eine leere Floskel?

Ich mache Ihnen ein Beispiel: Einige ehemalige und aktive Spieler vom FC Frick – ich inklusive – wollten ihre Kameradschaft pflegen und auch etwas erleben. Wir haben einen Club gegründet, den Pitcher Club, und treffen uns vier Mal pro Jahr für einen Event. Bei diesen Events geht es oftmals in kleine Gemeinden, die etwas zu bieten haben: Museen, Käsereien, Brauereien oder Stadt-Führungen. Sobald wir dort sind, gehen wir essen, kaufen Souvenirs, mieten Velos oder gehen in die Bäckerei. Die Gemeinden sind attraktiv für uns als Touristen und das Gewerbe profitiert. Kultur, Sport und Erlebnisse werden in Zukunft an Stellenwert gewinnen. Frick sollte den Anschluss nicht verpassen.

Das schnelle Wachstum sorgt in der Bevölkerung für Ängste und Skepsis. Teilen Sie diese Ängste?

Angst ist immer ein schlechter Ratgeber, aber Skepsis ist angebracht. Es braucht ein vernünftiges und kein massloses Wachstum. Vom vernünftigen Wachstum soll aber nicht nur die Bevölkerung, sondern auch das Gewerbe profitieren. Es sollen aber nicht wie beim masslosen Wachstum nur neue Gebäude entstehen, sondern die bestehenden saniert und die Energieeffizienz gesteigert werden. Ich gebe allen Eigentümern, die gewillt sind, neue Wohnungen zu bauen, auch zu bedenken, dass der Markt irgendwann kippt und ihre Wohnungen freistehen werden. Wann es kippt, ist schwierig vorauszusagen, das kann aber sehr bald sein.

Wächst Frick zu schnell?

Frick wächst definitiv zu schnell. Der Verkehr drückt teilweise auf die Lebensqualität.

Wie wollen Sie das Wachstum als Gemeinderat steuern?

Es gibt Wege, um dieses Wachstum zu bremsen. So hat die luzernische Gemeinde Hochdorf das Gemeindewachstum begrenzt. Dadurch sind Um- und Einzonungen in nächster Zeit nicht möglich. Als weiteres Instrument könnte die Gemeinde die freien Flächen kaufen und dort Begegnungszonen oder Parks einrichten. Wo ein Wille ist, ist immer auch ein Weg – dazu braucht es aber alle: die Bevölkerung, das Gewerbe und selbstverständlich den Gemeinderat.

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Autor

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

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