Gipf-Oberfrick
Nancy Holten im Interview: «Es macht mir Angst, wie die Leute reagieren könnten»

Der Aargauer Regierungsrat hat entschieden: Nancy Holten erfüllt alle Kriterien für eine Einbürgerung. Im Interview sagt die Holländerin, wie sie mit aufgerissenen Wunden umgeht, wie ihre Gefühle vor der nächsten Gemeindeversammlung sind und warum ihr der Gemeinderat jetzt leid tut.

Thomas Wehrli
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Die Holländerin Nancy Holten aus Gipf-Oberfrick erfüllt alle Kriterien zum Erhalt des Schweizer Passes. Das gab der Aargauer Regierungsrat am Donnerstag bekannt. Damit muss Holtens Wohngemeinde ihr Einbürgerungsgesuch erneut behandeln.

Am 15. November 2015 wurde dieses abgelehnt, weil Holten zu wenig integriert sei. Dagegen hatte Holten Einsprache erhoben. Der Grund für das Nein der Gemeindeversammlung: Die Veganerin und Tierschützerin war mit ihrer Haltung angeeckt. Doch genau diese - ihre Wertehaltung - dürfe beim Einbürgerungsentscheid keine Rolle spielen, so der Regierungsrat.

Nancy Holten, der Regierungsrat hat Ihre Beschwerde gegen den negativen Einbürgerungsentscheid gutgeheissen. Sind Sie zufrieden?

Nancy Holten: Teilweise. Ich habe gehofft, dass der Regierungsrat mich direkt einbürgert, was ja in seiner Kompetenz liegt. Er tat es nicht, hielt aber unmissverständlich fest: Ich erfülle alle Kriterien, um eingebürgert zu werden.

Handelt der Regierungsrat mutlos?

Es steht mir nicht zu, über jemanden zu urteilen. Ich habe mir einfach eine direkte Einbürgerung gewünscht, da ich ein Anrecht darauf habe. Der Regierungsrat hat es sich sicher etwas einfacher gemacht, indem er den Ball an die Gemeinde zurückgab. (Lacht) Jetzt tut mir fast schon die Gemeinde etwas leid.

Haben Sie je daran gezweifelt, dass Sie recht bekommen?

Ja, denn der Entscheid war begleitet von menschlichen Emotionen. Viele Menschen haben, gefragt oder ungefragt, ihre Meinung kundgetan. Das machte die Pass-Frage unberechenbar. Wäre allein der Gemeinderat oder der Regierungsrat für die Einbürgerung zuständig gewesen, wäre ich längst eingebürgert.

Nancy Holten
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Nancy Holten

Zur Verfügung gestellt

Der Regierungsrat hat sich für seinen Entscheid ein halbes Jahr Zeit gelassen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Lange habe ich sehnlichst auf Post aus Aarau gewartet. Im Frühling gab es eine Phase, in der ich jeden Tag nervös wurde, wenn gegen elf Uhr die Post zugestellt wurde. Ich sass da und dachte: Läutet es nun oder nicht? Im April hielt ich es nicht mehr aus und telefonierte mit dem zuständigen Departement. Die sagten mir, es werde noch einige Zeit dauern, bis der Entscheid kommt. Das half mir, mich zu entschleunigen.

Mahlt die Regierungsmühle zu langsam?

Die lange Frist lag wohl daran, dass mein Fall sehr speziell ist. Er bewegte viele Menschen, negativ wie positiv, und verlagerte eine Sachfrage auf die emotionale Ebene. Das war auch für den Regierungsrat neu. Er brauchte Zeit, seine Argumentation aufzubauen.

Ist der Entscheid des Regierungsrates auch eine Genugtuung für all die negativen Worte, die an der Gemeindeversammlung fielen?

Nein, das ist es nicht. Ich wollte nie jemanden angreifen oder in die Enge treiben. Ich verspüre keine Genugtuung, habe aber Freude daran, dass sich der Regierungsrat hinter mich stellt.

Waren die letzten sechs Monate für Sie ein Spiessrutenlauf?

Ich wurde oft auf die Einbürgerung angesprochen. Leider, muss ich fast sagen, denn das erinnerte mich immer wieder an den ausstehenden Entscheid. Seit dem Telefon mit dem Departement lebte ich nach der Devise: Ich lasse die Sache los und warte auf den Entscheid.

Nun ist er da; Sie haben den Brief eben geöffnet. Wie ist das Gefühl jetzt?

Eigentlich sehr gut. Etwas Angst macht mir, wie die Leute reagieren werden. Die einen werden sagen: super. Andere: Oh weh, jetzt ist sie wieder in allen Medien. Ich darf nicht auf diese Leute achten, sondern ich muss auf mich hören. Und meine innere Stimme sagt: Die Schweiz ist meine Heimat, ich habe ein Recht auf den Pass.

Auf die Leute geschaut hat der Gemeinderat. Er hat die Einbürgerung zuerst befürwortet, stellte sich im Beschwerdeverfahren dann aber gegen Sie. Sind Sie enttäuscht?

Nein, der Gemeinderat hat nur seinen Job gemacht und die Mehrheit der Bevölkerung vertreten. Das ist seine Aufgabe. Was für mich wichtig ist: Der Gemeinderat hat das Einbürgerungsgesuch ursprünglich klar befürwortet.

Der Regierungsrat sagt: Wertefragen wie jene, ob man für oder gegen die Haltung von Nutztieren sei, dürfen bei einer Einbürgerung keine Rolle spielen. Ein Sieg für die Meinungsfreiheit?

Sicher. Es wäre für mich schlicht nicht nachvollziehbar gewesen, wenn man mir den Schweizer Pass aufgrund meiner Tierliebe nicht zugestanden hätte.

Ihr Einbürgerungsgesuch kommt nochmals an die Gmeind – es sei denn, Sie ziehen es zurück.

Das werde ich nicht tun.

Gab es in den letzten Monaten nie den Moment, an dem Sie sich sagten: Blasius; wenn mich der Regierungsrat nicht direkt einbürgert, dann lasse ich es bleiben?

Doch, diese Momente gab es. Ich wollte mir das ganze Prozedere nicht nochmals antun. Jemand sagte mir dann: «Jetzt hast du so viel investiert; es wäre schade, wenn du nun aufgibst.» Das hat mich überzeugt. Ich lasse es laufen – und schaue, was passiert.

Sie könnten Ihre Chancen erhöhen, wenn Sie nun leiser auftreten.

Ich weiss, aber das werde ich nicht tun. Ich lasse mir den Mund nicht verbieten. Ich hoffe, dass an der nächsten Gemeindeversammlung möglichst viele teilnehmen und neutral entscheiden. Dann sprechen die Fakten für sich.

Was erwarten Sie vom Gemeinderat? Ein Ja oder ein Nein?

Der Gemeinderat tut mir megaleid. Es war nie in meinem Sinn, ihm Probleme zu bereiten. Ich vertraue darauf, dass er das Richtige tut.

Wie ist Ihr Gefühl für die nächste Gemeindeversammlung?

Deutlich besser. Ich denke, Zeit heilt wirklich Wunden. Klar, es gibt auch Menschen, die nicht vergessen können. Die Frage ist: Sind sie an der Gmeind in der Mehrheit? Ich hoffe nicht.

Gehen Sie selber noch einmal in die Hölle des Löwen?

Ich werde kurzfristig entscheiden, ob ich an der Versammlung teilnehme. Das wird davon abhängen, wie stark ich mich in diesem Augenblick fühle.

Wenn ja, dann aber ohne Kinder, wie beim letzten Mal?

Es war ihr eigener Entscheid, dass sie mitkamen, weil sie mich unterstützen wollten. Ob sie mich nochmals begleiten, falls ich gehe, überlasse ich ihnen.