Gipf-Oberfrick
Nancy Holten: «Ich bin stolz auf meinen Körper»

Nancy Holten spricht im Interview über Mediengeilheit, sinnliche Fotos und den Weiterzug ihres Einbürgerungsgesuchs.

Thomas Wehrli
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Es hat nichts genützt: Zwei Wochen vor der Gmeind warb sie im Dorf um Unterstützung für ihre Einbürgerung.

Es hat nichts genützt: Zwei Wochen vor der Gmeind warb sie im Dorf um Unterstützung für ihre Einbürgerung.

Dennis Kalt

Nein zum Zweiten: Die Gipf-Oberfricker lehnten es am Freitag erneut ab, Nancy Holten einzubürgern – und sie taten es noch deutlicher als vor einem Jahr: 59 wollten ihr das Bürgerrecht zusichern, 203 lehnten dies ab. Zu verärgert sind die Gipf-Oberfricker über die Art und Weise, wie Holten für ihre Anliegen kämpft. Die Omnipräsenz in den Medien stört die Einwohner dabei fast mehr als die zum Teil militanten Aktionen der veganen Tierschützerin und Glockengegnerin.

Während sich Holten auf die Meinungsfreiheit beruft, berufen sich die Gipf-Oberfricker auf die Freiheit, Nein zu sagen – im Wissen, dass der Regierungsrat den Entscheid umstossen wird. Denn es gibt keinen triftigen Grund, der gegen die Einbürgerung der Holländerin spricht. Ein Redner brachte am Freitag auf den Punkt, was viele Gipf-Oberfricker denken: «Soll sie doch der Regierungsrat einbürgern. Dann war es nicht unser Entscheid gewesen.»

Frau Holten, sind Sie enttäuscht über den Entscheid, Sie nicht einzubürgern?

Nancy Holten: Sehr sogar. Ich sprach in den letzten Wochen viel mit den Leuten im Dorf und rechnete mit mehr Ja-Stimmen. Insgeheim habe ich sogar etwas gehofft, dass es diesmal reichen könnte.

Wie haben Sie die Versammlung erlebt?

Sie hatte zum Glück eine ganz andere Qualität als jene vor einem Jahr. Die Diskussion verlief sachlich. Der Gemeinderat war diesmal top vorbereitet und führte professionell durch das Geschäft. Das letzte Mal war der Gemeinderat überrumpelt und vielleicht auch etwas überfordert.

Hat Sie die Erinnerung an die Gmeind vor einem Jahr nervös gemacht?

Sehr sogar. Ich konnte einen Tag lang so gut wie nichts essen. Denn vor einem Jahr gab es einige verbale Entgleisungen. Die Angriffe zielten zum Teil unter die Gürtellinie. Und Redner, die meine Einbürgerung befürworteten, wurden ausgebuht. Eine schlimme Erinnerung.

Nancy Holten
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Nancy Holten

Zur Verfügung gestellt

Trotz der bevorstehenden Einbürgerung gaben Sie keine Ruhe und provozierten mit Aktionen wie jener gegen die Treibjagd weiter. War das klug?

Das habe ich mir nicht überlegt. Ich wollte und musste mich selber bleiben. Alles andere wäre eine verstellte Nancy gewesen. Ich wollte mich immer so zeigen, wie ich bin.

Eine Diplomatin hätte anders entschieden.

Wenn ich berechnend wäre, ja. Aber das bin ich nicht. Es ging mir nie um mich, sondern um die Sache. Ich habe mich den Tieren und der Umwelt verschrieben und setze mich für meine Werte ein.

Viele halten Sie für mediengeil. Machen Sie alles, nur um in den Medien zu kommen?

Gegenfrage: Sind alle Politiker, alle Schauspieler, alle TV-Stars mediengeil? Ist es ein schlechtes Attribut, wenn man seine Meinung offen sagt und auch in den Medien dafür einsteht? Ich finde nicht. Ich nütze die Medien, um möglichst viele Menschen für meine Themen zu erreichen.

Und dazu braucht es halbnackte Fotos in den Boulevardmedien?

Ich bin stolz auf meinen Körper, den darf ich auch zeigen. Ich habe auch dieses Foto, das mich mit meinem Kater zeigt, für den Tiereinsatz gemacht. Meine Botschaft: «So trage ich Pelz. Und nur so.» Wenn ich auf Instagram schaue, dann präsentieren sich die Stars noch auf ganz andere Art und Weise. Weshalb soll ich das nicht auch für einen guten Zweck tun?

Hätte es am Ergebnis etwas geändert, wenn Sie im Vorfeld der Gemeindeversammlung auf solche Aktionen verzichtet hätten?

Am Ergebnis nicht. Es wären aber wohl etwas weniger Nein-Stimmen gewesen.

Werden Sie beim Regierungsrat Beschwerde gegen den Entscheid einreichen?

Ja, das habe ich bereits vor der Versammlung so entschieden.

Wird der Regierungsrat die heisse Kartoffel ein zweites Mal nicht anfassen und das Gesuch erneut an den Gemeinderat zurückweisen oder wird er Sie diesmal direkt einbürgern?

Der Regierungsrat gab der Gemeinde eine zweite Chance. Sie hat sie nicht genutzt. Er wird mich nun vermutlich direkt einbürgern, denn es gibt keinen Grund, der gegen meine Einbürgerung spricht. Persönlich finde ich es schade, dass es nun so läuft; ich hätte das Bürgerrecht lieber von den Gipf-Oberfrickern erhalten.

Sie rechnen also damit, nächstes Jahr Schweizerin zu sein?

Ich wünsche es mir.

Sie leben seit 34 Jahren in der Schweiz. Weshalb kommt der Wunsch erst jetzt?

Ich war vorher absorbiert durch meine Kinder und meine Ehe. Es war nie ein Thema. Ich bin erst seit rund fünf Jahren politisch aktiv und sammle Unterschriften für Initiativen. Da fuchste es mich, dass ich nie mitstimmen konnte, und ich merkte: Ich will den Schweizer Pass.

Was wird für Sie anders, wenn Sie den Schweizer Pass haben?

Ich kann endlich am Flughafenzoll in der gleichen Kolonne anstehen wie meine Kinder. Bislang mussten wir getrennt durch den Zoll. Darauf freue ich mich sehr.

Werden Sie eine stolze Schweizerin sein?

Ich bin auch sonst eine stolze Person. Aber, ja: Ich werde stolz sein. Denn die Schweiz ist meine Heimat.