«Herr Klingele, befinden wir uns im Städtle oder im Städtli?» Felix Klingele lacht ob der Frage und sagt: «Städtle». Der Laufenburger weiss, dass sich an dieser, insbesondere zur Fasnachtszeit in der Zweiländerstadt regelmässig gestellten Frage, immer wieder die Gemüter scheiden. Er setzt sich mit grossem Interesse mit der Geschichte der Grenzstadt Laufenburg auseinander, ist begeisterter Fasnächtler und als solcher unter anderem OK-Präsident der Städtlefasnacht. Für die Schweizer Seite ist das «le» am Schluss eher ungewohnt. «Es kommt aus dem SchwäbischAlemannischen», erklärt Klingele und macht damit auch gleich deutlich, dass die Stadt Laufenburg lange, bevor sie Napoleon 1803 auf zwei Länder aufteilte, zu diesem Sprachraum gehörte.

Eine der ältesten Zünfte

Mit der Narro-alt-Fischerzunft 1386 weist Laufenburg europaweit eine der ältesten Fasnachtzunft aus. Etwas, worauf nicht nur die Zunftmitglieder, sondern auch die politischen Behörden beidseits des Rheins immer wieder gerne und mit grossem Stolz verweisen. Im Laufe der Jahrhunderte wurde vieles zur fasnächtlichen Tradition erklärt, was ursprünglich gar nichts mit der närrischen Zeit zu tun hatte. Zunftmitglied Felix Klingele nennt als Beispiel den 11.11.: Der Martinitag gilt im rheinischen Karneval seit 200 Jahren als Fasnachtsauftakt und wird heute auch in der Schwäbisch-Alemannischen Fasnacht vielerorts zelebriert.

Im Mittelalter bis noch vor einigen Jahrzehnten, endete an diesem Tag das Pachtjahr, die Bauern mussten die Zinsen an die Obrigkeit abgeben. Anstelle von Geld wurden auch Naturalien, beispielsweise Gänse – daher auch die Bezeichnung Martinigans – abgegeben. Ausstehende Löhne wurden ebenfalls an diesem Tag ausbezahlt.

Um Martini herum begann zudem die Metzgete. Die leicht verderblichen Waren mussten innert Kürze zum Verzehr aufgetischt werden. Der närrische Ansatz mag daher rühren, dass mit Geld im Sack und genug Essen auf dem Tisch die Stimmung an diesem Tag besonders ausgelassen war. In Laufenburg treffen sich die Zünftler jeweils am 11.11. zum Martini-Gans-Essen.

Wie eng ist die christliche Religion mit der Fasnacht verbunden? Teilweise, so Felix Klingele. «Die Kirche gibt einmal die Termine vor.» Nicht jene der Fasnacht, sondern von Ostern. Zählt man von Ostersonntag 40 Fastentage (an den dazwischen liegenden sechs Sonntagen wird nicht gefastet, somit werden diese Tage nicht mitgerechnet) zurück, landet man auf dem Tag vom Aschermittwoch. Es ist der Beginn der Fastenzeit. Eine Zeit der Enthaltsamkeit, in der Fleisch, und bis Ende des 15. Jahrhunderts auch Milch, Butter, Käse, Eier, Schmalz und Fett nichts verloren hatten. So war man gezwungen sämtliche verderblichen der verbotenen Esswaren, aufzubrauchen. Streng und ernsthaft zu fasten, bedeutete also auch, temporär vegan zu leben.

Apropos Fett und Schmalz: Eine andere Bezeichnung dafür ist faiss oder faissen. Und genauso heissen auch die drei Donnerstage vor dem Fasnachtssonntag. «1802 ersuchte ein Ignaz Fleitz den städtischen Magistrat um Erlaubnis, an den drei letzten Donnerstagen der Fasnachtszeit je einen Umzug veranstalten zu dürfen», sagt Felix Klingele. Das zeige, dass schon vor mehr als 200 Jahren die drei Faissen bekannt waren.

Urchige, derbe Fasnacht

Die Laufenburger Fasnacht, vielmehr die schwäbisch-alemannische Fasnacht, ist laut Klingele gegenüber der Basler Fasnacht oder etwa dem rheinischen Karneval deutlich urchiger und derber. Ein Beispiel hierfür ist das «Häxefüür». An diesem nächtlichen Umzug vor dem Fasnachtssonntag nehmen heuer über 1500 gfürchige Figuren teil. Gerade einmal 15 Jahre jung ist das Hexenfüür. Somit etwas Neues in der ansonsten sehr von Tradition und Brauchtum geprägten Laufenburger Fasnacht.

Für Klingele ist es wichtig, dass an den ursprünglichen Bräuchen wie etwa der Tschättermusik, dem Narrenlaufen und den Fasnachtstagen festgehalten wird. Er betont aber auch, dass Platz für Neues und Veränderungen vorhanden sein muss. «Fasnacht soll mit den Leuten, die sie ausüben, leben. Neue Ideen in einem gewissen Mass braucht es, sonst sterben die Bräuche aus.»

Leicht verlegen reagiert er auf die Frage, was für ihn Fasnacht bedeutet: «Es tönt fast kitschig: Für mich ist Fasnacht Teil der Heimat. Eine gelebte Gemeinschaft. Sie schafft ein Zusammengehörigkeitsgefühl.»