Fricktal
Nach Vorwurf: Flüchtlinge in Kirchengebäuden unterbringen?

Gemeindeleiter weisen die Vorwürfe, die Kirche handle im Asylbereich nicht, zurück. Man plane aktiv, wo man Asylbewerber unterbringen kann und steht auch mit vielen in Kontakt.

Thomas Wehrli
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Im Juli 1765 wurde der Grundstein für die neue Kirche gelegt, im Juli 1776 wurde sie eingeweiht; damals allerdings noch mit dem alten Turm, den die Wittnauer nie mochten.

Im Juli 1765 wurde der Grundstein für die neue Kirche gelegt, im Juli 1776 wurde sie eingeweiht; damals allerdings noch mit dem alten Turm, den die Wittnauer nie mochten.

Thomas Wehrli

Christophe Darbellay, Wortführer der CVP, forderte in der «Basler Zeitung» von den Kirchen Taten statt nur «hehre Worte» in der Asyldebatte. «Wenn die Kirche so offen sein will», so der Parteipräsident, «müsste sie auch bereit sein, beispielsweise in jeder Pfarrei oder Kirchgemeinde zwei bis drei syrische Flüchtlinge aufzunehmen.»

Das tönt gut – und die Darbellay’sche «Handeln statt reden»-Maxime wird von vielen Gemeindeleitern und Pfarrern im Fricktal auch unterstützt. Nur: Viele Kirchgemeinden haben derzeit keine leerstehenden Gebäude und Räume, in denen sie Asylsuchende unterbringen könnten.

«Alles besetzt», heisst es beispielsweise in Gipf-Oberfrick, Frick, Oeschgen, Eiken, Sisseln, Münchwilen oder Wittnau. «Der einzige Raum, der nutzbar wäre, ist der Pfarrsaal», sagt Bernhard Lindner, Gemeindeleiter von Oeschgen. «Der eignet sich für eine Unterbringung nun wirklich nicht.»

Und in den eigenen vier Wänden? Martin Linzmeier, Gemeindeleiter in Gipf-Oberfrick, zögert kurz. Nehme die Situation weiter an Dramatik zu und gebe es keine Alternativen, «kann ich mir vorstellen, mit meiner Familie ernsthaft darüber zu diskutieren». Eine solche, temporäre Gastfreundschaft könne ja «durchaus auch eine Bereicherung sein».

Hilfe bei Unterkunftssuche

Das «Kein Platz»-Credo heisst aber nicht, dass die Kirchen im Nichtstun respektive im Wort-Tun verharren wollen. In Oeschgen will Lindner mit seiner Kirchenpflege überlegen, ob es in der Gemeinde andere Gebäude oder Wohnungen gibt, die sich als Asylunterkunft eignen könnten.

Wird man fündig und willigt der Eigentümer ein, kann sich Lindner auch eine «aktive Unterstützung» bei der Betreuung durch die Kirche vorstellen.

Diese Unterstützung gibt, im Rahmen seiner Möglichkeiten, Christoph Küng bereits. In seiner Gemeinde, Wittnau, hat der Kanton neun Eritreer in einem Wohncontainer untergebracht.

Mit den Männern steht der Gemeindeleiter in Kontakt – was gar nicht so einfach ist: «Da sie weder Deutsch noch Englisch sprechen und ich ihrer Sprache nicht mächtig bin, muss jeweils ein Landsmann übersetzen», erzählt Küng. Das Dolmetschen passiert per Handy.

Küng ist überzeugt: «Es ist wichtig, dass die Nächstenliebe, die in der Kirche gepredigt wird, auch im Alltag gelebt wird.» Nur so sei die Kirche glaubwürdig. Nur eben: «Nicht immer gibt es eine simple Lösung.» Dieses Spannungsfeld zwischen Wort und Tat auszuhalten, «ist nicht immer einfach».

Aufruf an die Pfarreien

Eine (Behelfs-)Brücke kann da der Aufruf zum Helfen sein. Die reformierte Kirchgemeinde Frick hat ihren Mitgliedern in den zehn angeschlossenen Gemeinden im Mai den Brief von Kirchenratspräsident Christoph Weber-Berg weitergeleitet – ein Aufruf, sich zu melden, wenn man freien Wohnraum anzubieten hat. Zwei Pfarreimitglieder haben sich bei Pfarrerin Verena Salvisberg gemeldet. Die Landeskirche kläre nun ab, ob sich die Objekte für die Unterbringung eignen würden.

Einen ähnlichen Appell plant die katholische Landeskirche. Laut Kirchenratspräsident Luc Humbel werde man die Kirchgemeinden und Pfarreien voraussichtlich im September per Brief dazu aufrufen, freie Unterkünfte zur Verfügung zu stellen.

Denn «der Gedanke, dass Flüchtlinge im Kanton Aargau in Zelten überwintern müssen, ist unerträglich». Vor dreieinhalb Jahren startete die Landeskirche bereits einmal einen solchen Aufruf – das Echo war verhalten.

Verena Salvisberg ärgert noch etwas anderes: Der implizite Vorwurf von Darbellay, dass Worte oder Zeichen nichts sind. «Das stimmt nicht.» Zusammen mit den katholischen Pfarreien Frick, Gipf-Oberfrick und Oeschgen organisiert die reformierte Kirchgemeinde Frick einmal pro Monat vor der Buchhandlung Letra in Frick eine stille, halbstündige Mahnwache für Menschen, die auf der Flucht sind.

Ein «stetes Erinnern wider das Vergessen», so Salvisberg. Auch Bernhard Lindner ist überzeugt: «Worte sind wichtig.» Denn es gebe viele Gegen-Worte, «und diesen entgegenzutreten, ist der erste Schritt zum Handeln.»

Geärgert hat Martin Linzmeier die «billige Polemik», mit der viele Politiker auf Kosten der Flüchtlinge Wahlkampf betreiben. Und Luc Humbel meint spitz: Christophe Darbellay sei ja Mitglied einer Pfarrei. «Es gibt nichts, was ihn hindert, dort seine Forderung umzusetzen.»