Gipf-Oberfrick
Nach Oberstufen-Abstimmung: «Die Zeit fürs Lavieren ist um»

Ignaz Heim über den Kantersieg der IG «Pro Oberstufe Gipf-Oberfrick» und was er vom Gemeinderat erwartet.

Thomas Wehrli
Merken
Drucken
Teilen
Ignaz Heim erwartet, dass bis Ende Jahr eine Lösung auf dem Tisch liegt, wie die Oberstufe langfristig erhalten werden kann. twe

Ignaz Heim erwartet, dass bis Ende Jahr eine Lösung auf dem Tisch liegt, wie die Oberstufe langfristig erhalten werden kann. twe

Thomas Wehrli

Die Ansage ist klar: Gipf-Oberfrick will eine eigenständige Oberstufe behalten. Nur gerade 27 Stimmberechtigte votierten am Freitag für den Antrag des Gemeinderates, die Oberstufe mit jener von Frick zusammenzulegen. Die grosse Mehrheit sprach sich für die Selbstständigkeit aus – und beauftragte den Gemeinderat, mit Gemeinden Verhandlungen über die Entsendung von Schülern zu führen (az von gestern).

Der Erfolg geht vor allem auf das Konto der IG «Pro Oberstufe Gipf-Oberfrick». Ignaz Heim, einer der Wortführer, sagt im az-Interview, was der Entscheid bedeutet.

Herr Heim, der Gemeinderat hatte mit seinem Antrag keine Chance; der Gegenantrag der IG wurde im Verhältnis von 9:1 angenommen. Im Sport spricht man von einem Kantersieg. Worauf führen Sie das klare Ergebnis zurück?

Ignaz Heim: Auf zweierlei: Die IG hat sich nicht nur von Annahmen und Emotionen oder Regionalpolitik leiten lassen, sondern hat rasch erkannt, dass es klare Fakten sind, die für einen Erhalt der regionalen Oberstufe sprechen. Wir haben diese Fakten erarbeitet und daraus die Schlüsse gezogen. Wir haben aber auch die Tatsache richtig eingeschätzt, dass die Einwohner in der selbstständig geführten Oberstufe einen hohen Wert sehen und diese erhalten wollen.

Der IG gelang es ausgezeichnet, zu mobilisieren. Der Erfolg ist somit auch ein Mobilisations-Sieg. Hand aufs Herz: Hätten Sie auch an der Urne gewonnen, an der nicht nur hauptsächlich Pro-Oberstufen-Sympathisanten abgestimmt hätten?

An der Gemeindeversammlung vor zwei Jahren, als das Thema nur mit der Überraschung unseres Überweisungsantrags besprochen wurde, waren 217 Stimmberechtigte anwesend. Letzten Freitag 237. Es war also kein simpler Mobilisierungserfolg. Deshalb: Ja, unser Antrag wäre auch an der Urne erfolgreich.

Die IG steht auch für eine Tendenz der Betroffenheitspolitik. Man engagiert sich dort, wo eigene Interessen und Ansichten tangiert sind. Ist das eine nachhaltige Politik?

Nein, es geht nicht um unsere Kinder; diese haben grossmehrheitlich die Oberstufe in Gipf-Oberfrick verlassen. Es geht darum, dass die Mehrheit den Wert als Bildungsinfrastruktur erkannt hat, den die eigenständige und überschaubare regionale Oberstufe für die Attraktivität des Dorfes und die Grundausbildung geschaffen hat und diesen aus diffusen politischen Gründen nicht verlieren will.

Besteht aber nicht die Gefahr der totalen Blockade?

Auf keinen Fall. Wir haben jetzt schon zweimal die Blockade für eine gute Lösung mit den Mitteln der direkten Demokratie überwunden. Und wir haben dem Gemeinderat und der Schulpflege unsere Unterstützung angeboten. In der IG hat es einige Personen mit Erfahrung in Schulpflege und Regionalpolitik. So oder so, wir bleiben am Ball.

Die IG verpflichtete den Gemeinderat darauf, mit umliegenden Kommunen Gespräche zu führen. Konkret soll geklärt werden, ob eine Gemeinde bereit ist, ihre Oberstufenschüler nach Gipf-Oberfrick zu schicken. Was passiert, wenn alle angefragten Gemeinden sagen: kein Interesse?

Zunächst: Ein kurzes E-Mail an die Gemeinden erfüllt den Antrag nicht. Es müssen echte Gespräche geführt werden. Sollte der Gemeinderat wiederum unter Geheimhaltung agieren, wird die IG über ihre eigenen Kontakte darauf hinarbeiten, dass mit Fakten und konkreten Lösungsvorschlägen diese Gespräche geführt werden. Mal ehrlich: Ganz einfach ist es nun für den Gemeinderat nicht mehr; alle Regos-Gemeinderäte haben den Auftrag, konkret Lösungen zu erarbeiten, damit die regionale Oberstufe erhalten bleibt. Da muss schon «ein wenig» koordiniert, also miteinander gesprochen, werden. Die Zeit fürs Lavieren ist um; der Auftrag ist klar: Bis Ende Jahr soll die Lösung auf den Tisch, wie die eigenständige Oberstufe auf lange Sicht erhalten werden kann.

Sie sind optimistisch, dass sich eine Gemeinde finden wird?

Ja; es sind kleinere Gemeinden, die einen neuen Sek-Real-Schulungsort suchen müssen. Unsere Oberstufe passt auf deren Bedürfnisse nicht zuletzt auch aus pädagogischen Gründen also bestens und die Kostenunterschiede zur Fricker Oberstufe sind ja vom Tisch.

Die Gemeinde trägt dann aber das Risiko, dass sie die Personalkosten für eine Klasse selber übernehmen muss, wenn die Mindestschülerzahl nicht mehr erreicht wird.

Das Risiko besteht, ist aber verkraftbar und betrifft nur ein einzelnes Jahr, vielleicht zwei, weil sich die Schülerzahlen immer wieder ändern. Die Mehrkosten bei der Aufgabe der Oberstufe sind für immer.

Nach heutigen Berechnungen fehlt im Schuljahr 2019/20 ein Realschüler. Glauben Sie dieser Prognose?

Diese Schätzungen berücksichtigen Zuzüge, Stufenwechsel und Übertritte – zum Beispiel Zuweisungen aus pädagogischen Gründen – aus anderen Gemeinden nicht. Es kann gut sein, dass «dieser» Realschüler schon den Umzug in eine der Regos-Gemeinden vorbereitet. Die Grösse der Abteilungen kennt man erst, wenn die Schüler und Schülerinnen angemeldet sind.

Der Gemeinderat spricht von 140 000 Franken, welche die Gemeinde übernehmen muss – für jede Klasse, welche die Mindestschülerzahl nicht erreicht. Malt die Gemeinde da schwarz?

Das ist übertrieben und falsch. Ein Reallehrer mit 20 Dienstjahren kostet inklusive Lohnnebenkosten sehr gut gerechnet 155 000 Franken bei einem 100-Prozent-Pensum. Bei einer zu kleinen Klasse ist das Pensum maximal 90 Prozent. Die Gemeinde trägt heute schon einen Drittel der Lohnkosten. Sie müsste gegebenenfalls also nur zwei Drittel zusätzlich übernehmen, also 93 000 Franken.

Sie glauben nicht, dass es so weit kommt?

Wenn Gemeinderat und Schulpflege sich voll und konstruktiv engagieren in den Gesprächen mit den Gemeinden, wird es nicht so weit kommen.

Wenn doch: Wird der Kanton auf stur stellen oder dann doch eine Ausnahmebewilligung geben?

Das Ziel ist, dass eine Ausnahmebewilligung in Zukunft gar kein Thema mehr ist.

Wer muss die Kosten tragen, wenn eine Klasse die Mindestschülerzahl nicht mehr erfüllt? Nur Gipf-Oberfrick? Oder müssen sich die drei anderen Regos-Gemeinden Ihrer Ansicht nach beteiligen?

Sie beteiligen sich an den Kosten über das Schulgeld, das sie für die Schülerinnen aus ihren Gemeinden zahlen. Das ist heute schon so.

Was passiert, wenn nun eine der Talgemeinden sagt: Wir treten aus dem Verband aus und schicken unsere Schüler nach Frick?

Der Grund, weshalb dies zum Thema wurde, waren die Unterschiede der Schulgelder. Dieser Grund ist vom Tisch. Weshalb soll eine Gemeinde austreten wollen, wenn doch alle die hohe Qualität der regionalen Oberstufe heute loben? Sollten die Einwohner einem solchen widersprüchlichen Vorschlag zustimmen? Wohl kaum.