Münchwilen
Nach Hiobsbotschaft: Jakem AG fährt Betrieb bis Ende Mai herunter

Vor zwei Monaten kam der Schock für 80 Mitarbeiter: Die Jakem AG in Münchwilen schliesst den Betrieb. Jetzt ist klar: Das Unternehmen fährt den Betrieb bis Ende Mai herunter. Ein Augenschein vor Ort.

Thomas Wehrli
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Markus Amsler vor einem Bild der Autobahntankstelle in Piotta – entworfen von Mario Botta, gebaut von der Jakem AG. twe

Markus Amsler vor einem Bild der Autobahntankstelle in Piotta – entworfen von Mario Botta, gebaut von der Jakem AG. twe

Thomas Wehrli

Die Hiobsbotschaft kam vor zwei Monaten überraschend: Bei der Jakem AG, einem renommierten Stahlbauer, der sich auf Brücken und Grossbauten spezialisiert hatte, gehen nach 63 Jahren die Öfen aus. Für immer. 80 Mitarbeiter verlieren ihre Stelle, die ersten Ende März, die letzten Ende Mai (siehe Box unten).

Von einem «tragischen Tag» sprach damals Willy Schürch, Gemeindeammann von Münchwilen, jener Gemeinde, in der die Firma ihren Hauptsitz hat und wo 95 Prozent der Mitarbeiter tätig waren.

Augenschein, Mitte April. Die Maschinen in der Produktionshalle stampfen, im Büro herrscht Hochbetrieb. Wenig deutet auf den ersten Blick auf das nahe Ende hin.

Auf den Zweiten schon. Viele Arbeitsplätze sind bereits verwaist, die Auszeichnungen und Zertifikate stehen im karg eingerichteten Sitzungsraum gestapelt an der Wand. Sie sind Mahnmal des einstigen Erfolges – und des Untergangs zugleich.

Markus Amsler, Geschäftsführer und Mitinhaber der Jakem AG, eilt aus seinem Büro, ruft der Sekretärin einen Termin zu, kommt ins Sitzungszimmer. Ein kräftiger Händedruck, ein kurzes Lächeln. Beim Einschenken des Mineralwassers geht ein Glas in die Brüche. «Scherben sollen ja Glück bringen», sagt er, lacht kurz auf, sammelt die Scherben ein. «Das muss das Glück im Unglück sein.»

Die Hälfte der Mitarbeiter hat eine neue Stelle

Das Aus der Jakem AG kostet 80 Mitarbeitern den Job; 95 Prozent arbeiteten am Hauptsitz in Münchwilen. Ein Drittel der Leute wurde Ende März entlassen, ein Drittel geht Ende April und das letzte Drittel Ende Mai. Zurück bleibt Markus Amsler mit fünf bis sechs Mitarbeitern; sie werden die Firma bis im Herbst räumen, sodass ein neuer Investor wieder Arbeitsplätze schaffen kann. Nach Abschluss der operativen Tätigkeit werden noch allfällige Garantiearbeiten ausgeführt, bevor die Gesellschaft schliesslich liquidiert werden kann.

«Knapp die Hälfte der Mitarbeiter hat bereits wieder eine neue Stelle», sagt Markus Amsler. Bei weiteren sehe es gut aus, andere seien gar noch nicht auf der Suche, weil sie eine Auszeit nehmen wollen. Was ihn besonders freut: «Bei einigen Mitarbeitern hatte ich wirklich Bedenken, dass sie wieder etwas finden. Sie haben etwas gefunden.»

Unterstützt werden die Mitarbeiter auf ihrer Jobsuche vom kantonalen Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA), das vor Ort ein betriebliches Arbeitscenter eingerichtet hat. Rund zehnmal waren die AWA-Mitarbeiter bislang in Münchwilen.

Im Jobcenter können sich die Jakem-Mitarbeiter Tipps für die Bewerbung holen und rechtliche Fragen klären. Da rund 60 Prozent der Mitarbeiter aus Deutschland und dem Elsass stammt, drehen sich viele Fragen um die Grenzgängerthematik, so etwa um die Frage, welche Ausgleichskasse im Fall einer Arbeitslosigkeit zahlen muss. Die Zusammenarbeit mit dem Kanton sei sehr gut, bilanziert Amsler. «Ohne das AWA hätte es nicht funktioniert.» Denn als Geschäftsleitung sei man ohnehin in einer ausserordentlichen Situation. «Die Leute da gleichzeitig gut zu beraten, wäre schwierig gewesen.»

Die Stimmung unter den Mitarbeitenden beschreibt Amsler als «den Umständen entsprechend gut». Man spüre aber natürlich bei den Mitarbeitern, die noch keine Stelle haben, eine grosse Verunsicherung. Es sei aber dem AWA gut gelungen, die Leute nach dem ersten Schock aufzufangen. Persönlich rechnet Amsler damit, dass 90 bis 95 Prozent seiner Mitarbeiter einen neuen Job finden werden. (twe)

Ein stetes Auf und Ab

Seine Augen wirken müde, wie er da auf die Fragen des Journalisten wartet, wirken getrieben zugleich. Erste Frage: Lernt man den Umgang mit dem Untergang? «Schon», meint Amsler nach kurzer Pause. «Aber es gibt immer wieder Rückschläge.» Immer dann, wenn etwas nicht so läuft, wie geplant; immer dann, wenn die Lösung in einer Frage greifbar scheint – und im letzten Moment doch verpufft, wie heisse Luft. «Es braucht alles mehr Zeit, als man denkt.»

Diese Geduld aufzubringen, fällt Amsler nicht immer einfach. Es ist ein Auf und Ab, das sich auch in der Psyche widerspiegelt. Als «gemütsschwankend» bezeichnet er seine Verfassung in den letzten Wochen. Im Hoch, wenn etwas klappt; im Tief, wenn es harzt. Die Familie sei sein Rückzugsort, erklärt der zweifache Familienvater, die Bewegung helfe ihm, den Kopf durchzulüften, ihn freizubekommen. «Diese Zeit muss man sich nehmen», rät er allen, sollten sie auch einmal in eine Ausnahmesituation geraten. «Denn die grösste Gefahr ist, dass man nie innehält, dass man sich selber völlig vergisst.» Das aber sei kontraproduktiv, denn so drohe die Gefahr, dass man selber kippe. «Und damit ist gar niemandem gedient.»

Frage: War der Entscheid, die Firma aufzugeben, richtig? «Ja», sagt Amsler, sagt es mit einer solchen Vehemenz, dass er für einen Moment selber erstaunt scheint. «Es war der richtige Entscheid – zum richtigen Zeitpunkt», fährt er fort. «Wir bringen das Volumen, das es braucht, um die Firma zu kostendeckenden Preisen auszulasten, nicht mehr hin.»

Angriffe auf Onlineplattformen

Die Billigkonkurrenz aus dem nahen Ausland, insbesondere aus Italien, ist einer der Hauptgründe für das Aus. Deren Preise sind 20 bis 30 Prozent tiefer. «Da können wir nicht mithalten.» Ein zweiter Grund: Die Überkapazitäten in der Stahlbaubranche, die sich wiederum in einem tödlichen Preiskampf manifestieren.

Frage: Was sagt er zu den Online-Kommentaren, samt und sonders anonym verfasst, dass er und die Geschäftsleitung die Firma an die Wand gefahren haben? «Diese Vorwürfe treffen mich», gesteht er, weil sie aus seiner Sicht «unhaltbar» sind, weil sie «unqualifiziert» sind. «Woher nehmen sich Leute, die nicht dahinter sehen, das Recht, solche Vorwürfe in die Welt zu setzen?», fragt Amsler zurück, seine Augen blitzen auf. Eine Antwort wartet er nicht ab, winkt ab, schüttelt den Kopf. In diesem Moment wirkt Amsler, der Vater, der Patron, der Manager, verletzlich. Und verletzt.

Stille. Die Maschine im Erdgeschoss stampft nicht mehr, die Vibrationen sind mit einem Schlag weg. Die plötzliche Ruhe lastet schwer, das erneute «Anfahren» beruhigt. Noch ist es nicht soweit. Während oben, im ersten Stock, die Planung der Geschäftsaufgabe der Firma auf Hochtouren läuft, werden in der Produktion die letzten Aufträge fertiggestellt. Die Montagen beginnen nächste Woche und sollten bis Ende Mai abgeschlossen sein.

Vermietung als Zwischenlösung

«Bei den Aufträgen sind wir im Fahrplan», bilanziert Amsler. Beim Immobilienverkauf ebenfalls. Ein ernsthafter Interessent sei vorhanden, «unterschrieben ist aber noch nichts». Als Zwischenlösung wird sich ab Mai auf rund einem Viertel der Fläche eine «Firma mit Kapazitätsproblemen» einmieten. Als schwierig entpuppt sich indes der Verkauf der grossen Maschinen. «Man spürt die Unsicherheit auf dem Markt», sagt Amsler. «Die Mitbewerber sind extrem zurückhaltend im Kauf neuer oder gebrauchter Maschinen.»

Letzte Frage: Wie sieht es mit der eigenen Zukunft aus? Markus Amsler zuckt mit den Schultern. Für solche Überlegungen bleibe derzeit wenig Zeit. Er werde in den nächsten Wochen eine Standortbestimmung machen, «aber bis im Herbst ist das nicht das zentrale Thema», obwohl Amsler verheiratet und mit zwei Kindern im Alter von 9 und 11 Jahren auf einen neuen Job angewiesen sein wird. So lange wird er zusammen mit fünf, sechs seiner Leute dafür sorgen, dass die Firma ordentlich zurückgefahren wird. Dazu gehört auch, dass sämtliche Garantiearbeiten noch ausgeführt werden. Erst anschliessend kann die Firma liquidiert werden.

Das ist, das weiss man von anderen Firmenschliessungen, nicht selbstverständlich. Nur allzu oft handeln die Chefs, die keine mehr sind, nach dem Motto: nach mir die Sintflut.

Die Zeit drängt. Markus Amsler verabschiedet sich, eilt zum nächsten Termin. Ein Abgang mit erhobenem Haupt.

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