Fricktal/Haiti

Nach Hilfseinsatz auf Haiti: «Ich weiss nicht, ob es etwas Trostloseres gibt»

Das Ehepaar Robert und Christine Loosli-Amrhein hat einen dreimonatigen Hilfseinsatz geleistet. Wie man von Europa aus helfen kann, finden sie schwierig zu beantworten. Einfach Geld zu verteilen, sei sicher falsch.

Die Zustände in Haiti sind verheerend. Das einst reichste Land der Karibik ist heute das «Armenhaus» Südamerikas. 80 Prozent der Einwohner leben mit weniger als zwei Dollar im Tag, 50 Prozent gar mit weniger als einem. Das Fricktaler Ehepaar Robert und Christine Loosli-Amrhein hat drei Monate dort gelebt und gearbeitet.

Wie waren Ihre Eindrücke von Haiti und den Menschen?

Christine Amrhein Loosli: Ich weiss nicht, ob es etwas Trostloseres als Haiti gibt, es gibt Hunger, Armut und Korruption. Die Wurzeln der Trostlosigkeit liegen wohl in der blutigen Geschichte des Landes. Die Vorfahren der Haitianer waren Sklaven, welche die Franzosen aus Afrika anliefern liessen. Vor gut zwei Jahrhunderten wurde Haiti unabhängig von Frankreich. Die Zahlungen, die Haiti an Frankreich leisten musste, trieben das ehemals reichste Land der Karibik in den Ruin. Alles ist abgeholzt, Wind, Regen und Hurrikans tragen das Ihre dazu bei, um die Erosion voran zu treiben und das Land ebenfalls auszubluten. Nach den Franzosen gaben sich Diktatoren die Klinke in die Hand. Die Haitianer haben keine gemeinsame Kultur und keine gemeinsamen Werte, weil sie ein zusammengewürfeltes Volk sind. Es gibt nichts, was sie wirklich verbindet. Ihr Verhältnis zu den Weissen ist sehr ambivalent: Zum einen sind wir diejenigen, die sie verschleppt und ausgebeutet haben, zum anderen würde Haiti heute ohne die USA und die NGOs wieder im Blut versinken.

Warum waren Sie drei Monate dort?

Schon als Kind hatte ich den Wunsch, einmal einen grösseren Einsatz in einem Entwicklungsland zu leisten. Ich bin in einer Grossstadt im Ausland aufgewachsen und habe Armut und Hunger hautnah miterlebt. Eine Mitschülerin starb an den Folgen von Mangelernährung, während unsere Familie sich um ihr Überleben keine Sorgen machen musste. Es ist ein unglaubliches Privileg, als Schweizer geboren zu sein, etwas, das ich in keiner Form «verdient» habe. Die Chancen liegen etwa bei 1 zu 1000. Genauso gut hätte ich in Afrika oder eben in Haiti das Licht der Welt erblicken können. Aus diesem Privileg wächst auch Verantwortung.

Was haben Sie in Haiti gemacht?

Da ich keine medizinische Ausbildung habe, war es schwierig, etwas zu finden. Zufällig bin ich vor einigen Jahren auf Lemuel Swiss (siehe Info-Box) gestossen. Mein Mann hat mit zwei Haitianern Möbel für die Räumlichkeiten hergestellt, ich habe die Frauen zu Themen wie Ernährung, Verhütung, Gesundheit unterrichtet. Ausserdem war ich zuständig für Schreibarbeiten.

Wie muss man sich den Alltag der Haitianer vorstellen?

Das weiss ich nicht. Wir haben drei Monate im Schutz hoher Mauern und hinter Stacheldraht gelebt oder waren mit dem Auto unterwegs, weil alles andere zu gefährlich ist. Ich weiss nur, dass der Tagesablauf vom Sonnenlicht bestimmt wird, weil die Stromversorgung sehr willkürlich ist und oft tagelang ausfällt.

2010 war das grosse Erdbeben in Haiti. In welchem Zustand befindet sich das Land jetzt?

Das Erdbeben traf Port-au-Prince. Wir sind diverse Male durch die Hauptstadt gefahren, waren aber 120 Kilometer nördlicher untergebracht. Noch immer hausen Hunderttausende in Zeltstädten. Aber inzwischen sind die Zelte zerfetzt.

Wie sind Sie mit den klimatischen Bedingungen zurecht gekommen?

Hitze und Luftfeuchtigkeit sind gnadenlos. Aber wir sind erstaunlich gut damit klar gekommen. Man ist einfach immer schweisstriefend. Wenn man arbeitet, vergisst man es. Ende November lässt die Luftfeuchtigkeit nach und man schläft etwas besser. Mehr Probleme hatten wir mit dem Ungeziefer. Die Mücken, die Krankheiten übertragen, Kakerlaken, Vogelspinnen in der Dusche, unter der Treppe, an der Hausmauer, Ameisen im Zucker, Würmer im Mehl...

Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Hilfe gebraucht und geschätzt wurde und langfristig etwas bringt?

Ja, die Menschen, mit denen wir gearbeitet haben, sind unglaublich stolz, dass sich Weisse für sie interessieren und bemüht sind, ihr Leben zu verbessern. «Langfristig» gibt es in Haiti nicht. Die nächste Katastrophe kommt bestimmt. Selbst wenn die Frauen ausgebildet sind, ist es kaum möglich zu überleben. Die fähigsten Frauen erhalten zwar vom Verein eine fussbetriebene Nähmaschine, aber woher das Geld für Stoff nehmen? Und wer kann sich neue Kleider leisten? Tonnen alter Kleider aus den USA überschwemmen den Markt.

War Ihr Einsatz eine einmalige Sache oder planen Sie einen weiteren Hilfseinsatz?

Ich kann mir gut einen weiteren Einsatz vorstellen. Es muss nicht zwingend Haiti sein. Aber «unsere Frauen» würde ich schon gerne wieder besuchen.

Wie war die Rückkehr in die «sichere und reiche» Schweiz?

Eine heiss ersehnte Wohltat.

Haben Sie für sich etwas mitnehmen können aus Haiti und was?

Die Haitianer, die mit uns gelebt haben, sind fröhliche und genügsame Menschen. Weil es kaum Zerstreuung gibt, wird das Miteinander gepflegt. Am Abend sitzen sie zusammen, singen oder erzählen Witze. Ich glaube, wir haben eine gewisse Gelassenheit mitgebracht. Obwohl: Der Alltag holt einen so schnell ein…

Wie kann man von Europa aus am besten helfen?

Eine schwierige Frage. Falsch ist es, einfach Geld zu verteilen. Ich denke, dass Mikrokredite sehr sinnvoll sind. Es gibt nur Geld, wenn ein vernünftiges Projekt steht. Zudem wird der Kreditnehmer geschult im Umgang mit Finanzen und muss sich an Rückzahlungstermine halten. Wer Lemuel Swiss spenden möchte, wirft sein Geld sicher nicht aus dem Fenster. Die Verantwortlichen leben bescheiden und sind auf das Wohl ihrer Schäfchen bedacht. Noch besser ist es, Produkte von Lemuel aus der Schneiderei oder dem Webatelier zu kaufen. Leider liegt die Website zurzeit ein bisschen flach, aber bald sollte der Online-Shop wieder funktionieren.

Was wünschen Sie sich für Haiti?

Dass das Land sein Müllproblem löst. Ganze Siedlungen stehen auf Müllbergen, Bäche und Flüsse sind Müllhalden, in denen Mensch und Tier um das Überleben ringen. Wer nicht gesehen hat, wie Müll, Mensch und Tier ineinander verschmelzen, kann sich das nicht vorstellen.

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