Mittleres Fricktal

Nach Fusions-Nein: «Visionen soll man nie aufgeben»

Ausgeflogen: Die Fusion im mittleren Fricktal, die Markus Leimbacher als Projektleiter begleitet hat, ist seit Sonntag Geschichte. (Archiv)

Ausgeflogen: Die Fusion im mittleren Fricktal, die Markus Leimbacher als Projektleiter begleitet hat, ist seit Sonntag Geschichte. (Archiv)

Projektleiter Markus Leimbacher spricht im grossen Interview über das Scheitern der Fusion Mittleres Fricktal. Und warum er nicht die Notbremse gezogen hat.

Herr Leimbacher, hat die Projektleitung die Fusion falsch angepackt?

Markus Leimbacher: Die Projektleitung hat den Zusammenschluss sicher nicht falsch angepackt. Aber natürlich stelle ich mir im Nachhinein die Frage: Haben wir alles richtig gemacht?

Und wie lautet Ihre Antwort?

Ich würde aus heutiger Sicht das Projekt in jenem Moment abbrechen, als endgültig klar wurde, dass der Gemeinderat Obermumpf den Zusammenschluss nicht unterstützt. Das war am 1. Mai 2013 der Fall, als wir die Arbeitsgruppenberichte besprachen. Wir diskutierten damals das erste Mal über einen Abbruch der Übung. Ich hätte da den Mut haben müssen und darauf beharren: So macht es keinen Sinn, beerdigen wir das Projekt.

Weshalb zogen Sie die Notbremse nicht?

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Ich war wie viele Mitglieder der Projektleitung mit Herzblut dabei und hatte bis zum Schluss die leise Hoffnung, dass wir das Projekt doch noch durchbringen. Zudem vertraten die Gemeinderäte die Position: Die Stimmbürger haben einen Kredit beschlossen; wir müssen ihnen deshalb eine beschlussreife Vorlage vorlegen. Ob und was daraus wird, soll der Souverän entscheiden.

Die Opposition aus Obermumpf war sicher ein Stein auf dem Weg zur Fusion. Fehlte daneben nicht auch ein handfestes Argument für die Steiner?

Es gab Argumente für die Steiner, aber die waren schwierig zu vermitteln. Aus einer heutigen Betrachtung würde ich bei einer solchen Konstellation, bei der einer der involvierten Gemeinderäte Nein sagt und die Vorteile für eine andere Gemeinde wenig konkret sind, relativ früh einen Zwischenentscheid bei den Stimmberechtigten abholen.

«Nach menschlichem Ermessen ist im mittleren Fricktal in Sachen Zusammenschluss für längere Zeit Ende Feuer.»

Um früher zu sagen: Das wird nichts?

Der Zeitfaktor ist das eine. Zudem hätten wir uns so die Keule vom Sonntag erspart. Mit dieser im Nacken wird es jedes künftige Projekt schwer haben.

Die Keule bedeutet doch: In den nächsten 5 bis 10 Jahren geht im mittleren Fricktal in Sachen Fusion nichts mehr.

Das ist so, das Ergebnis aus Stein ist eine rote Karte und nach menschlichem Ermessen ist im mittleren Fricktal in Sachen Zusammenschluss länger Ende Feuer.

In Mettauertal gelang die Fusion, im mittleren Fricktal nicht. Was ist der grosse Unterschied?

Im Mettauertal wollten die Gemeinderäte aus fünf Gemeinden zu 150 Prozent eine gemeinsame Zukunft. Jeder zog am Karren. Dieser bedingungslose Willen, alles dem Ziel eines Zusammenschlusses unterzuordnen, war das Herzstück des Erfolgs. Diese Geschlossenheit gab es im mittleren Fricktal nicht, im Gegenteil: Drei Exekutiven wollten, eine explizit nicht.

Projekt Mittleres Fricktal

Diese vier Gemeinden des Mittleren Fricktals prüften die Fusion

Projekt Mittleres Fricktal

Liegt der Erfolg im Mettauertal auch daran, dass sich dort fünf Partner auf Augenhöhe mit ähnlichen strukturellen Voraussetzungen fanden?

Das war sicher kein Nachteil. Doch es gibt andere Beispiele, etwa die Fusion von Aarau und Rohr oder auch diejenige von Kaisten und Ittenthal, die zeigen, dass sich auch Gemeinden mit sehr differentem Potenzial zusammenschliessen.

Es scheint, die hohe Zeit der Fusionen ist vorüber.

Seit gut zwei Jahren kam in der Tat kein Zusammenschluss mehr zustande. Oft liegt es, wie im Fall des mittleren Fricktals, daran, dass die Gemeinden nicht geschlossen am Karren ziehen. Das spürt die Bevölkerung und reagiert darauf.

«Der finanzielle Spielraum wird sowohl beim Kanton als auch bei den Gemeinden enger.»

Fehlt nicht auch der Leidensdruck bei den Gemeinden?

Die politische Grosswetterlage spricht derzeit nicht für Gemeindezusammenschlüsse. Die meisten Gemeinden schreiben noch recht gute Abschlüsse. Solange keine finanzielle Not da ist, ist es fast unmöglich, den Blick über die Gemeindegrenzen hinaus zu öffnen. Der Wind kann aber auch schnell drehen.

Das heisst: Kommt Zeit, kommen die Fusionen zurück?

Davon bin ich überzeugt. Der finanzielle Spielraum wird sowohl beim Kanton als auch bei den Gemeinden enger. Damit wächst der Druck auf die Gemeinden und Zusammenschlüsse werden wieder zum Thema.

Wie sehen Sie die Zukunft der Gemeindelandschaft im Kanton Aargau?

Bis vor kurzem sagte ich: Mit den Zusammenschlüssen von Klein- und Kleinstgemeinden stossen wir an Grenzen, jetzt müssen wir uns an die grossen Räume machen. Heute stelle ich fest: Die Zeit für Agglomerationszusammenschlüsse rund um Aarau, Brugg und Baden ist noch nicht reif. Es wird auch in den nächsten Jahren bei Zusammenschlussprojekten von kleinen Gemeinden bleiben. In welchem Tempo dies passieren wird, darüber wage ich keine Prognose.

Im Fricktal geistert seit längerem die Vision herum, dass die Region dereinst nur noch aus fünf Gemeinden besteht. Eine Vision oder eine Illusion?

(Lacht.) Eine Visillusion. Im Moment mag ich nicht so richtig daran glauben, aber die Visionen soll man nie aufgeben. Für mich bleibt es eine Vision, allerdings bin ich Realist genug zu wissen: Diese Vision kann in den nächsten Jahren nicht umgesetzt werden.

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