Fricktal

Nach dem Weltkrieg kämpfte die Mutter um die Liebe

Eduard Slania (5. v.l.) unterrichtete in Oeschgen zwischen 1941 und 1945 andere Lagerbewohner. zvg

Eduard Slania (5. v.l.) unterrichtete in Oeschgen zwischen 1941 und 1945 andere Lagerbewohner. zvg

Die Geschichte beginnt während des 2. Weltkriegs. Ein polnischer Offizier zieht in den Krieg und findet die Liebe – ausgerechnet im Fricktal: Eine fricktalisch-polnische Familiengeschichte, mit Happy End.

Als der polnische Offizier Eduard Slania am 1. September den Befehl erhielt, einzurücken, wusste er nicht, wo sich das Fricktal befand und er ging nicht davon aus, sein weiteres Leben dort zu verbringen. Im Gegenteil. Beim Abschied sagte er zu seiner Mutter: «Sorge dich nicht, in vier Wochen bin ich wieder zu Hause.» Doch die polnische Armee wurde vom Überfall der deutschen Wehrmacht überrascht und in Richtung der russischen Grenze getrieben.

«Für die Soldaten gab es zwei Möglichkeiten: russische Gefangenschaft oder Flucht», gibt die Oberfrickerin Daniela Slania die Erinnerungen ihres Vaters Eduard wieder. Er entschied sich mit vielen anderen Soldaten für die Flucht über Ungarn und Rumänien ins damalige Jugoslawien.

Von Frankreich ins Fricktal

Noch immer spielte sich die Geschichte fernab des Fricktals ab. In Split sammelten sich die Flüchtigen, organisierten sich, reisten mit dem Schiff nach Frankreich und dort schloss sich die 2. Polnische Schützendivision der Französischen Armee im Kampf gegen Deutschland an. Im Clos du Doubs wurde das 45. Französische Armeekorps inklusive der 2. Polnischen Schützendivision eingekesselt. Als sie die Aussichtslosigkeit ihres Kampfes erkannten, ersuchten sie um Aufnahme in der Schweiz.

Diese öffnete im Juni 1940 die Grenzen für die rund 25000 französischen und 13000 polnischen Soldaten. Sie wurden entwaffnet und in zentrale Internierungslager gebracht. Im Laufe der Zeit wurden diese Lager dezentralisiert. Ende November wurden 250 internierte Polen ins Fricktal gebracht, zunächst ins Barackenlager Wölflinswil-Bächlimatt, ein halbes Jahr später wurde das Lager nach Oeschgen verlegt. So kam Eduard Slania ins Fricktal.

Vielfältiger Einsatz in der Schweiz

In den Lagern wurden die militärische Organisation aufrechterhalten. Die Schweizer Behörden setzten die polnischen Internierten für unterschiedliche Arbeiten ein: Strassenbau, Brückenbau, Bunkerbau, Urbarmachung von Land. «Die Arbeit hielt die Internierten davon ab, durchzudrehen», weiss Daniela Slania, «sie erhielten ja kaum Nachrichten aus ihrer Heimat und von ihrer Familie.» Die Arbeitseinsätze der Polen kompensierte aber auch die Absenz der einheimischen Männer, die alle im Dienst waren.

Zwar wurden die Lager bewacht, der Kontakt mit den Einheimischen ergab sich aber dennoch. «Draussen bei der Arbeit, am Sonntag in der Kirche, dann und wann auf Festen», so Daniela Slania. Auf diese Weise begegnete mein Vater schon bald ein erstes Mal der Oberfrickerin Irma Vogel. «Es gab auch Frauen, die den polnischen Soldaten freiwillig die Wäsche machten. Überhaupt herrschte ein gutes Einvernehmen mit den Einheimischen», beschreibt Daniela Slania das Zusammenleben im Fricktal, wie sie es aus den Erzählungen ihrer Eltern kennt.

Ausreisebefehl und Rückkehr

Bei Kriegsende allerdings erging der Befehl, dass die Internierten das Land verlassen müssen. «Befehl war Befehl», pflegte mein Vater zu sagen, erinnert sich Daniela Slania. Er ging – und blieb trotzdem in der Nähe. Im Elsass. Die Liebe zu Irma Vogel war längst entfacht. «Eine Heirat, der einzige legale Grund zu bleiben, war jedoch nicht möglich. Mein Grossvater war kürzlich gestorben und es galt noch das Trauerjahr», erzählt Daniela Slania aus ihrer Familiengeschichte.

Wie viele der internierten Polen in der Schweiz geblieben sind, ist nicht endgültig geklärt. Das Historische Lexikon der Schweiz spricht von 500, das Polenmuseum in Rapperswil von rund 1000. «Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es noch viele mehr waren», so Daniela Slania.

Drei Jahre war Eduard Slania im Elsass tätig. Unterrichtete in einer polnischen Kolonie, gründete Sportvereine und wurde verehrt. In der Schweiz kämpfte unterdessen Irma Vogel für seine legale Wiedereinreise – und war schliesslich dank Glück und persönlicher Beziehungen erfolgreich. «Mein Vater durfte nun offiziell in die Schweiz zurückkehren und meine Eltern durften heiraten. Dieser Schritt hatte allerdings zur Folge, dass meine Mutter das Bürgerrecht verlor.»

Dennoch schafften es Eduard und Irma Slania, die Sägerei von Irmas Vater und den Bauernbetrieb zu führen. «Wie es ihnen gelang, weiss ich bis heute nicht», erzählt die Tochter, «wahrscheinlich war es nur möglich wegen des engen Zusammenhalts im Dorf.»

Tatsächlich bemühte sich Eduard Slania nach der Heirat sofort um Integration. Er wurde Mitglied in Männerriege und Männerchor. Zugute kam der jungen Familie sicher auch, dass Irma schon in der vierten Generation in Gipf-Oberfrick wohnte. «Viele andere Kinder von polnischen Internierten haben mir erzählt, dass sie sich in ihrer Jugend in der Schweiz gemobbt gefühlt hätten», hat Daniela Slania durch ihre Tätigkeit in der Kommission der Nachkommen internierter Polen erfahren. «Ich kann dies für mich selber aber nicht bestätigen. Ich hatte niemals Probleme.»

Reisen nach Polen

1953 wurde Irma Slania die Schweizer Staatsbürgerschaft dann zuerkannt. Drei Jahre später kam Tochter Daniela zur Welt. «Als Polin», wie sie erzählt, «mein Vater und ich wurden erst 1958 eingebürgert.» Mit dem Schweizer Pass waren auch Reisen nach Polen möglich. «Als Pole wäre er Gefahr gelaufen, bei der Einreise wegen Fahnenflucht verhaftet zu werden», erklärt Daniela Slania. Regelmässig reiste die Familie später nach Polen zu den Verwandten, die den Krieg überlebt hatten.

Die Reisen nach Polen haben bei Daniela Slania zunächst zwiespältige Gefühle ausgelöst. «Als Jugendliche fühlte ich mich gespalten. Es war, als ob ich kein Zuhause hätte», erzählt sie im Gespräch. Erst viel später habe sie es geschafft, in ihrer Herkunft das Positive und die beiden Herkunftsländer als Geschenk zu sehen. «Jetzt möchte ich gerne auch die polnische Staatsbürgerschaft erhalten.»

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