Noch 12 Tage. Dann rollen sie ins Fricktal, die Grossen der Radsportszene. Ein Nairo Quintana wird dabei sein, ein Peter Sagan, ein Bauke Mollema, ein Richie Porte, ein Rui Costa. Und Christopher Froome, der am Sonntag den Giro d’Italia gewonnen hat und aktuell wohl der umstrittenste Radprofi ist?

Für seine Fans ist er der Grösste, für seine Kritiker ein (bislang) genial agierender Doping-Sünder. Manche nennen ihn, seinen eigenwilligen Wipp-Bewegungen auf dem Velo geschuldet, auch «Wackel-Dackel». Nein, er steht nicht auf der Meldeliste, welche die Tourorganisatoren am Dienstag veröffentlicht haben.

Noch 12 Tage. Zeit um sich auf die dritte Etappe der Tour de Suisse, die von Oberstammheim, gleich neben Unterstammheim ZH gelegen, nach Gansingen führt, einzustimmen – oder besser: um einzurollen, einige Test-Höhenmeter zu absolvieren und die Kette zu ölen. Oder die Kehle. Die AZ präsentiert 12 Zahlen rund um die Fricktaler Tour-de-Suisse-Etappe 2018.

728

Ein langes Ausharren geht zu Ende.

Just 728 Tage wird es am 11. Juni, wenn die dritte Etappe in Gansingen endet, her sein, dass die Tour de Suisse letztmals im Fricktal Halt gemacht hat. 2016 führte die – dannzumal ebenfalls – dritte Etappe von Grosswangen nach Rheinfelden. Es wurde ein Volksfest, das erst noch mit einem Fast-Schweizer-Doppel-Sieg gekrönt wurde. Michael Albasini wurde Zweiter, Fast-Lokalmatador Silvan Dillier (siehe zwei Zahlen weiter unten) Dritter. Nur einer war damals eine Radumdrehung schneller als die beiden Schweizer: Peter Sagan. Daraus lassen sich zwei Schlussfolgerungen für die diesjährige Zielankunft in Gansingen ziehen: Im Fricktal werden die Schweizer Fahrer auch diesmal punkten, denn sie fühlen sich hier, man möge die Ausdrucksweise entschuldigen, sauwohl – was uns Fricktaler natürlich wenig überrascht. Zweitens ist es zu empfehlen, Peter Sagan kurz vor Gansingen ins hintere Spitzenfeld zu verbannen, damit er diesmal nicht das Sagen hat.

2

Aller guten Dinge sind 2.

Die Tour de Suisse machte bereits einmal in Gansingen Halt. 2012 war es, als die fünfte Etappe, die über 192,7 Kilometer führte, in Gansingen endete – mit einem Herzschlagfinale. Im Sprint setzte sich Vladimir Isaichev dann durch. So darf es am 11. Juni wieder sein, sagt sich die Radsportfan – mit zwei Einschränkungen: Erstens darf das Wetter besser mitspielen als vor sechs Jahren (es regnete), was Tour-Direktor Olivier Senn, selber Gansinger, an der Etappen-Pressekonferenz ein «verbesserungswürdig» entlockte. Und zweitens, ganz wichtig: Es muss kein Russe sein, der gewinnt. Ein Schweizer, das wäre ganz schön.

1

Im Rennen ist 1 (Fast-)Lokalmatador.

Nun, wir Fricktaler sind ja ein grosszügiges Völklein – zumindest dann, wenn es uns in den Kram passt. So auch, wen wir aus der Radsportszene unter den Begriff Lokalmatador subsumieren und wen nicht. Im Fall von Silvan Dillier sind wir gerne grosszügig, es sind schliesslich auch nur gut 20 Kilometer von Schneisingen ins Fricktal. Für einen «Gümmeler» ein Klacks. Silvan Dillier, 27, als Sieger in Gansingen zu erleben – das wäre ein Traum, der durchaus Realität werden könnte. Olivier Senn jedenfalls zählt ihn ebenso zu den potenziellen Siegesanwärtern wie einen Peter Sagan. Und von Emanuel Hüsler, Präsident des lokalen Tour-de-Suisse-OKs, bekam er jüngst einige Tipps, wo er angreifen könnte.

29,32

Zieldurchfahrten, 2 Schlaufen à 29,3 Kilometer, 1 Zielankunft.

Das Besondere an der Gansinger-Etappe ist, dass man die Fahrer – je nachdem, wo man steht – zwei- bis dreimal sieht. Nicht etwa, weil man schon zu tief ins Glas geschaut hat, sondern weil sie wirklich zwei- bis dreimal vorbeiflitzen. Denn der Tour-Tross absolviert zweimal eine 29,3 Kilometer lange Schlaufe, die von Gansingen über Remigen und Leuggern zurück nach Gansingen führt. Wenn also ein Fahrer bei der ersten Zielpassage schweissgebadet die Arme hochreisst, ein erschöpftes «Yeahhhh» hervorpresst – dann können Sie ihm getrost zurufen: «Go, Silvan, go!»

550

Der Höhepunkt liegt auf 550 Metern.

Auf der Schlaufe rund um Gansingen kraxeln die Fahrer auch auf zwei Berge hinauf. Berge? Nun, zugegeben, weder der Bürersteig noch der Hagenfirst sind mit 550 respektive 530 Metern über Meer besonders hoch – aber es gibt hier dennoch je eine Bergpreiswertung zu gewinnen.

15:50

Der magische Zeitpunkt.

Um 15:50 Uhr müssen sie spätestens in Gansingen sein, wenn sie die Fahrer live erleben wollen. Denn auf diesen Zeitpunkt hin ist die erste Zieldurchfahrt terminiert. Pech haben sie, wenn die Fahrer schneller unterwegs sind als mit dem prognostizierten Schnitt von 41 km/h. Denn dann sehen sie die Fahrer, zumindest bei der ersten Zieldurchfahrt, nur noch von hinten davon flitzen. Ohnehin empfiehlt es sich frühzeitig anzureisen – um in die einmalige Rennstimmung einzutauchen. Oder um das eine oder andere Werbeschnäppchen zu machen. Die Werbekolonne, dies sei allen Ich-will-Mützen-Getränke-Rucksäcke-Riegel-Jägern gesagt, passiert Gansingen um 14:50 Uhr.

182,8

Eine Etappe für alle.

Als «Etappe für alle» beschrieb Tour-Direktor Olivier Senn die 182,8 Kilometer, welche die Fahrer von Oberstammheim nach Gansingen zurücklegen. Will heissen: Es kommen viele Fahrer als Sieger infrage. Falls nun der eine oder andere selber Ambitionen hat, falls er, wie ich, sich vorgenommen hat, sein Rennrad wieder mal zu entstauben – Pardon: es zu fordern, so kann er sich gerne an der vermutlichen Siegerzeit orientieren: Vier Stunden und 35 Minuten. «Das schaffen wir, oder?», sage ich zu meinem Rad. Mein Bianchi schaut mich nur mitleidig lächelnd an...

100

Die Zahl der Zahlen: 100 Prozent, 100 Länder, 100 Jahre.

Dass die Fahrer in Gansingen 100 Prozent geben werden (oder zumindest jene, die um den Tagessieg kämpfen) ist klar. Ebenfalls, dass das 15-köpfige OK um Emanuel Hüsler bis zum Renntag noch 100 Prozent geben muss – und auch wird. Denn schliesslich will man sich nicht nur den TV-Zuschauern in den über 100 Ländern, in die die Tour übertragen wird, von der Sonnenseite zeigen, sondern auch den wohl rund 10 000 Zuschauern in und um das Dorf. Erst recht, weil es noch einen ganz speziellen Grund zum Feiern gibt: Der VMC Gansingen, der die Etappenankunft organisiert, wird in diesem Jahr 100 Jahre alt – und feiert das rund um die Etappenankunft mit einem grossen, viertägigen Fest. «Gansingen wird im Ausnahmezustand sein», prognostiziert Emanuel Hüsler – und wer die Gansinger kennt, der weiss: Und wie!

200

Ein Dorf steht zusammen.

Alleine könnte der jubilierende VMC Gansingen die Etappenankunft nicht stemmen. Muss er auch nicht, denn das ganze Dorf steht zusammen und stemmt mit. Auf rund 200 Helfer kann das OK zurückgreifen. Sie werden dafür sorgen, dass im Fahrerdorf wie im Fanbereich alles rund läuft – und dass den Festwirtschaften das Bier – Pardon: das Isostar nicht ausgeht.

1

Der Sieger bekommt 1 Flasche, die es in sich hat.

Den Siegerpreis hat der einheimische Kunstdrechsler Robi Oeschger angefertigt. Es ist eine Holzskulptur, die den Cheisacherturm zeigt. In ihrem Innern verbirgt sich Hochprozentiges: eine Flasche Schnaps. Am Zapfen prangt eine 100. Keine Angst, nicht der Inhalt ist 100-prozentig. Die 100 steht für das Jubiläum – und für die Leistung, welche derjenige erbringen muss, der den Preis mitnehmen will. Also, Gas geben, Silvan Dillier (siehe bei 1, Lokalmatador).

21

18+3 Teams sind am Start.

Am Start sein werden bei der diesjährigen Tour neben den 18 UCI World Teams, die teilnehmen müssen, wieder drei Wild-Card-Teams. Bei 7 Fahrern pro Team ergibt dies ein Feld von 147 Fahrern. Speziell im Auge behalten muss man aus Schweizer Sicht, so man denn die Nummer der Vorbeiflitzenden erkennen kann, die 21 (Michael Albasini), die 41 (Mathias Frank), die 13 (Stefan Küng) – und natürlich die 43 (Silvan Dillier).

12

Das Spektakel geht weiter.

Nach dem Rennen ist vor dem Rennen: Am 12. Juni startet die vierte Etappe in Gansingen. Vorher bietet sich die perfekte Gelegenheit, den Fahrern über die Schultern zu schauen – zumindest bei den Kleineren wie Nairo Quintana (167 cm) kann man das durchaus wörtlich nehmen. Natürlich kann man auch, bei Bedarf, das eine oder andere Autogramm abstauben. Gestartet wird um 12.40 Uhr.