Porträt

Nach 20 Jahren im Fricktal zieht es Pfarrer Chukwu nach Baar

Anthony Chukwu in der Barockkirche St. Johann, Laufenburg. mbi

Anthony Chukwu in der Barockkirche St. Johann, Laufenburg. mbi

Zu seinem 50. Geburtstag macht sich der Nigerianische Pfarrer Anthony Chukwu ein ganz besonderes Geschenk - einen ganzen neuen Lebensabschnitt. Er übernimmt mit Baar die grösste Pfarrei des Bistums Basel.

Auf den 1. Oktober übernimmt Anthony Chukwu in Baar als Pfarrer die grösste Pfarrei des Bistums Basel. Der Nigerianer warnt vor zu viel Struktur in der katholischen Kirche der Schweiz. In seiner Heimat schätzt er die Kirche als tragende Gemeinschaft.

Seine Augen leuchten und das Weiss seiner Zähne blitzt, wenn er lacht. Seit 1993 ist der dunkelhäutige Nigerianer Anthony Chukwu im aargauischen Fricktal zu Hause, nach einer Stellvertretung zuerst als Pfarrer in der kleinen Gemeinde Sulz, später im benachbarten Städtchen Laufenburg.

Seine Gläubigen möchten ihn nicht mehr missen. Sie schätzen seine bedächtige Art, wie er seine Worte setzt, seine fundierten Predigten, seine Fähigkeit, auf Menschen zuzugehen und sie zu begeistern.

Wenn er seine afrikanischen Trommeln hervorholt und während des Gottesdienstes spielt, für einen Fasnachtsgottesdienst eine farbenfrohe Guggenmusik engagiert und er eine perfekt gereimte Fasnachtspredigt hält, herrscht Freude in der Kirche. Dann steckt er die Schweizer mit seiner afrikanischen Fröhlichkeit an, die er hier so sehr vermisst.

Dabei schätzt der Seelsorger, der seine Studien in Nigeria (Philosophie), Innsbruck (Theologie) und Basel (Psychologie) absolvierte, ausdrücklich die Schweiz. Seine Worte «Ich fühle mich sehr privilegiert, hier arbeiten zu dürfen» kommen aus seinem tiefsten Inneren. «Ich estimiere den Wohlstand und die Tatsache, dass hier viele Leute mit möglichst wenig Angst friedlich zusammenleben. Immer wieder finden sich Menschen, die sich für eine gute Sache einsetzen», so der Seelsorger.

Zu starke Strukturen

Der Nigerianer traf in der Schweiz auf eine katholische Kirche, die ganz anders ist, als die er in seinem Heimatland erfahren hatte. In der Schweiz ist alles plan- und überschaubar und mit verschiedenen Gremien stark strukturiert. Pfarreirat, Kirchenpflege, Seelsorgeverband, Synode und Mitarbeiter des Bistums sorgen sich um Gläubige und Pfarreien. «Manchmal stelle ich fest, dass gewisse Gremien zu rasch entscheiden, um in der Öffentlichkeit gut da zu stehen, als dass sie sich Zeit nehmen, um eine echte Lösung zu erarbeiten», so Chukwu. In Nigeria wächst die Kirche von unten. «Wir sind eine arme und zugleich eine reiche Kirche», so der Seelsorger. «Es ist in meiner Heimat für jeden eine Ehre, sich für die Gemeinschaft zu engagieren, während in der Schweiz die einzelne Person, das Individuum, viel stärker als die Gemeinschaft gewichtet wird.»

So sorgt sich an seinem Heimatort in der im Süden Nigerias gelegenen 12 000 Einwohner zählenden Gemeinde Arondizuogu der Frauenbund darum, dass der Pfarrer zu essen bekommt. Denn der Pfarrer bezieht keinen Lohn.

Andere kümmern sich bei Pfarreifesten um den Abwasch, Männer um Reparaturen. Der Pfarrer wohnt nie allein. Das Pfarrhaus ist immer stark bevölkert, zum Teil mit Schülern, die beim Pfarrer wohnen und von hier aus in die Schule gehen. Von den Kindern bis zu den Erwachsenen sind alle in der Pfarrei integriert. «Wenn sich ein Wohlhabender für eine Gemeinschaft engagiert, wird er auf Händen getragen, wenn er sich nicht engagiert, wird er jedoch verachtet», sagt Chukwu.

Anders gelagert sind auch die Schwerpunkte in der Kirche. Fragen und Probleme wie Pflichtzölibat, Frauenordination oder Pfarreiinitiative, die in der Schweiz die katholische Kirche zum Teil seit vielen Jahren bewegen, sind in seinem Heimatland unbekannt. «Wir haben genügend Priester und die Auslese junger Priester ist sehr, sehr streng», betont Chukwu. «Ein wichtiges Problem ist jedoch Aids. Ich habe in Nigeria erlebt, wie unmittelbar nach dem Gottesdienst eine Gruppe in Uniform gekleideter Aids-Fachleute vor die Gemeinde trat, Jung und Alt vor dieser Krankheit warnte und anschliessend für eine Beratung zur Verfügung stand. Diese Information bewegte sich auf der Linie der katholischen Moral wie Treue und Enthaltsamkeit. Verhütung mit künstlichen Mitteln war tabu.

Neues wagen

Doch was bewegt den fast 50-Jährigen, der mit 45 Jahren an der Universität Basel seine Ausbildung in Klinischer Psychiatrie mit dem Doktortitel abschloss, auf den 1. Oktober in die zehnmal grössere Pfarrgemeinde nach Baar zu wechseln? «Nach 20 Jahren als Seelsorger im Fricktal möchte ich etwas Neues beginnen. Da bietet sich mein 50. Geburtstag für einen neuen Lebensabschnitt direkt an. Zudem hat mich der Bischof gebeten, eine andere Pfarrei zu übernehmen. In Freiburg im Uechtland habe ich einen Lehrgang für Kirchenmanagement besucht. Dieser war vom Verbandsmanagement Institute VMI der Universität Freiburg durchgeführt worden. Meine dort erworbenen Kenntnisse möchte ich nutzen. Diese kann ich mit dem 16-köpfigen Team der Pfarrei Baar, die zudem über unzählige ehrenamtliche Helferinnen und Helfer verfügt, anwenden. Es freut mich sehr, eine Pfarrei anzutreffen, die mit verschiedenen Gruppierungen und Anlässen alle Altersgruppen vom Kind bis zu den Senioren anspricht.»

Auf die Frage nach seinen Zielsetzungen und Visionen antwortete er, dass er mit dem Pfarreiteam eine SWOT-Analyse erstellen will, die Stärken und Schwächen, aber auch die Chancen der Pfarrei erarbeiten, um ihr Umfeld positiv zu beeinflussen. Ganz wichtig ist ihm, dass man Gutes tut und darüber spricht. «Vielleicht gewinnen wir damit viele Menschen, die gar nicht wissen, was die Kirche alles tut und warum sie Steuern zahlen», so der Seelsorger.

Am 1. Oktober wird Anthony Chukwu mit einem breiten Lachen und einer grossen Begeisterung seine neue Aufgabe übernehmen. Ob er einst in seine Heimat zurückkehrt, lässt er offen. «Als Afrikaner lebe ich in der Gegenwart, im Hier und Jetzt. Die Zukunft kann noch warten.»

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