30 Jahre lang war mir jeweils ein bestimmter Samstagabend im März heilig. Ein einziges Mal war ich – gopfridschtutz – tatsächlich durch «höhere Macht» verhindert, in den Zauber unterm Chapiteau auf der Fricker Ebnet einzutauchen. Jenes Jahr ohne «Nock»-Premiere hat schon ein bisschen wehgetan. Heuer nun sollte sich die Vorfreude durch die angekündigte verkürzte Saison bis Juni hinziehen. Das Gedicht «Rondel del l’adieu» des französischen Schriftstellers Edmond Haraucourt beginnt mit der Zeile «Partir c’est mourir un peu...».

Jetzt, wo «mein Nock» einfach so verschwindet, sitze ich da mit einer Träne im Knopfloch. Nein, das ist untertrieben: Tränen kullern aus meinem Herzen. Zugegeben – das tönt ziemlich sentimental. Soll es, muss es, ist Zirkus doch auch ein Synonym für Sentiments. Zum weltweit wohl häufigsten aller Zirkus-Programmtitel, «Menschen – Tiere – Sensationen», gesellen sich für mich nahtlos «Emotionen».

Dreifachsalto unter der Kuppel

Als Journalistin habe ich über den «Knie», den «Royal», den «Monti», den «Stey», den «Fliegenpilz» geschrieben – mein zirzensisches Herzblut aber gehörte dem «Nock». Er war besonders authentisch, aufrichtig, ist sich über all die Jahre treu geblieben: Zwar ging er öfter mal hoch hinaus – etwa mit einem brasilianischen Dreifachsalto unter der Kuppel –, aber er verzauberte ohne übertrieben viel Schnickschnack.

Auch wenn mir jetzt die moralische Exekution von veganen Promis und selbstgerechten Tierschützern droht, so gestehe ich, dass mir einst auch die Elefanten- und Raubtiernummern sehr gefielen; später waren es dann die Kamel-, Lama- und Esel-Dressuren. Sie mochte ich besonders, weil diese Vierbeiner nie so ganz taten, was der Zweibeiner in ihrer Mitte von ihnen erwartete. Die Pferde – zunächst unter Leitung von Vater Franz, aber bald schon unter jener von Tochter Franziska – garantierten Jahr für Jahr für Glanzpunkte im Programm. Einige Jährchen lang habe ich allerdings Franziskas finstere Miene im Sattel der hohen Schule moniert und – pssst – Mutter Verena Nock-Hochstrasser hat mir recht gegeben. Selbst nicht Artistin, ist sie durch und durch eine Zirkusmutter, die gute Seele der Wohnwagen-Burg.

In den späteren 80er-Jahren gab es vor der Premiere jeweils eine Pressekonferenz mit anschliessendem Nachtessen im «Platanenhof». Damals wurde der Grundstein gelegt für meine Treue zum «Nock» und die freundschaftliche Verbundenheit mit der Familie. Nicht nur einmal habe ich mir überlegt, wie es wäre, wenn ich eine Saison lang mitreisen würde, zum Beispiel als Büffethilfe. Inmitten der Familie Nock wäre ich sehr gut aufgehoben gewesen.

Zum Träumen gebracht

Welche Erinnerungen mir nach 30 Jahren geblieben sind? Da muss ich passen, weil ich zu viel gelacht, zu häufig den Atem angehalten, viel zu viel gestaunt habe, um mich an einzelne Höhepunkte, all die spannenden, unterhaltsamen, grandiosen Momente konkret erinnern zu können. Unvergesslich bleibt mir zum Beispiel Verena junior «Vreneli» als Schlangenmensch und die Begegnungen mit Eugene Chaplin. Der Sohn des grossen Charlie hatte zwischen 2003 und 2010 Regie geführt. In einem Interview hatte er mit folgendem Satz aus dem Herzen gesprochen: «Zirkusartisten bringen uns zum Träumen. Und obwohl ihre Arbeit sehr hart ist, bleiben sie immer mit beiden Beinen auf der Erde, auch wenn sie Stars werden. That’s a most amazing thing.»

So bleibt mir nur, mich mit einem Seufzer an einen Schlager zu erinnern: «Sag beim Abschied leise Servus, nicht Lebwohl und nicht Adieu, diese Worte tun nur weh. Doch das kleine Wörter’l Servus ist ein lieber letzter Gruss, wenn man Abschied nehmen muss…» Servus unvergesslicher «Nock».

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