Fricktal

Nach 100 Tagen im Amt – das sagt der neue Gemeindeammann von Kaisten: «Die Bürger wollen sich einbringen»

Arpad Major (rechts), der das 14-köpfige OK des Jugend- und Dorffestes 2017 präsidierte, bei der Einweihung des neuen Postautos.

Arpad Major (rechts), der das 14-köpfige OK des Jugend- und Dorffestes 2017 präsidierte, bei der Einweihung des neuen Postautos.

8 der 32 Fricktaler Gemeindeammänner kamen Anfang Jahr frisch in den Gemeinderat. Die AZ startet damit die Serie «100 Tage im Amt». Den Anfang macht Arpad Major, der neue Gemeindeammann von Kaisten.

120 Männer, 42 Frauen, 1 Mission: die Zukunft der 32 Fricktaler Gemeinden zu gestalten. Anfang Jahr sind 162 Gemeinderäte in die neue, vierjährige Legislaturperiode gestartet. Für 34 von ihnen begann damit ein neuer Abschnitt: Sie wurden im Herbst neu in die Exekutive gewählt.

Gestartet sind alle 162 Gemeinderäte mit viel Idealismus, grossen Zielen und etlichen Vorsätzen in die Legislatur. Nicht alle aber werden die vier Jahre durchziehen, werden Ende 2021 noch im Amt sein.

Die ersten beiden Rücktritte sind bereits erfolgt: Rosmarie Bühler, Gemeinderätin in Hornussen, tritt aufgrund von «persönlichen Differenzen im Gemeinderat» im Juni zurück. Auch Sibylle Lüthi, Gemeindepräsidentin von Kaiseraugst, tritt per Mitte Jahr aus persönlichen Gründen zurück. «In den letzten Monaten war die Arbeit sehr aufreibend und unbefriedigend», sagte sie Anfang März zur AZ.

Nach dem Rücktritt von Lüthy werden noch 31 der im Herbst gewählten Gemeindeammänner im Amt sein. Für acht von ihnen – zwei Frauen und sechs Männer – begann Anfang Jahr eine neue Ära: Sie übernahmen die Führung ihrer Gemeinde neu.

Sie sind am 11. April seit 100 Tage im Amt. Die AZ nutzt den Ablauf der 100Tage-Schonfrist und fühlt den acht neuen Gemeindeammännern den Puls.

Den Anfang der Serie macht Arpad Major. Der 62-jährige FDP-Politiker gehörte dem Gemeinderat bereits von 2002 bis 2010 an, davon sechs Jahre als Vizemann. Er trat 2010 zurück, weil er danach beruflich einige Jahre für die BASF nach Hongkong ging.

Nach seiner Rückkehr in die Schweiz kandidierte Major 2016 erneut für den Gemeinderat und wurde klar gewählt. In diesem Jahr folgte er Franziska Winter als Gemeindeammann.

Herr Major, welche Bilanz ziehen Sie nach 100 Tagen?

Arpad Major: Die neue Legislaturperiode in leicht veränderter Zusammensetzung des Gemeinderates startete meiner Ansicht nach sehr gut. Die bewährten und eingespielten Prozesse konnten vertieft werden und unser neues Mitglied hat sich schnell eingearbeitet.

Die Zusammenarbeit mit der Verwaltung verläuft reibungslos und garantiert einen kontinuierlichen Übergang. Die vorwiegend positiven Rückmeldungen aus der Bevölkerung stimmen zuversichtlich und zeigen, dass wir von den Wählern akzeptiert werden.

Sie haben also noch nicht genug und bereuen Ihren Entscheid, kandidiert zu haben?

Nein, diesen Entscheid bereue ich nicht! Die neue Arbeit im Gremium ist sehr bereichernd, vielfältig und bringt mich dem Dorf näher. Meine Kollegen vom Gemeinderat und die Mitarbeiter der Verwaltung unterstützen mich in meiner anspruchsvollen Arbeit.

Der Gemeinderat muss als Kollegium zusammenwachsen, um optimal zu agieren. Wie weit ist dieser Prozess?

Mit nur einem neuen Gemeinderat im Kollegium hat sich in der Zusammenarbeit nicht sehr viel verändert. Unser neuer Kollege hat sich schnell und effizient in seine Ressorts eingearbeitet und fügt sich gut in den Rat ein.

Wie führen Sie?

Ich pflege einen «partizipativen» Führungsstil und versuche, alle möglichen Meinungen, auch wenn sie anfänglich nicht meiner eigenen Überzeugung entsprechen, zu berücksichtigen. Die Diskussionen im Gremium sind immer sehr offen und konstruktiv – nach aussen hin treten wir mit einer Meinung auf.

Was hat Sie in den ersten 100 Tagen im Amt am meisten überrascht?

Auch wenn mir bewusst war, dass mein Amt in der Öffentlichkeit sehr wohl wahrgenommen wird, war ich doch positiv überrascht, wie stark das Interesse der Bevölkerung an unseren Entscheidungen ist. Die Bürger wollen und können sich in das Geschehen einbringen, was ich als sehr gut empfinde.

Was war der grosse Aufsteller in den ersten drei Monaten?

Die Rückmeldungen aus der Bevölkerung waren mit sehr wenigen Ausnahmen positiv. Andere Meinungen wurden sachlich und konstruktiv eingebracht und trugen wesentlich zu unserer Entscheidungsfindung bei. Ein sehr gelungenes Beispiel war die Veranstaltung zur Strategie der Gemeindeliegenschaften, wo kontrovers, aber sehr sachlich diskutiert wurde.

Was haben Sie so nicht erwartet?

Das Interesse der gesamten Bevölkerung am Wohlergehen unsers Dorfes nehme ich als Gemeindeammann viel mehr wahr als ich es früher als Gemeinderat empfunden habe. Die Bürger machen mich auf Dinge im Dorf aufmerksam, sei es bei einer Veranstaltung oder bei einem eher zufälligen Gespräch im Dorf.

Wie wurden Sie im Dorf als neuer Gemeindeammann aufgenommen?

Aus meiner Sicht wurde ich gut aufgenommen und ich habe auch das Gefühl, dass ich von der Mehrheit unterstützt werde. Insgesamt ist dies aber sicher schwierig zu beurteilen, weil man die negativen Stimmen ja weniger mitbekommt.

Viele langjährige Gemeindeammänner sagen, der Respekt vor Amtspersonen lasse zu wünschen übrig. Haben Sie diese Erfahrung auch bereits gemacht?

Die heutige, schnelllebige Zeit bringt es mit sich, dass die individuellen Meinungen und Bedürfnisse einen höheren Stellenwert haben als vielleicht früher. Die Meinungen werden schneller und eventuell forscher formuliert.

Negative Formulierungen werden meist sehr allgemein gehalten und drücken eher ein Unwohlsein gegenüber Ämtern aus, als dass sie die Amtsperson selber betreffen.

Gab es schon negative Erlebnisse mit Mitbürgern?

Es gab sicher Meinungsverschiedenheiten, aber diese wurden sachlich und konstruktiv vorgebracht. Dass einige Gespräche emotionaler waren und die Entscheidungen des Gemeinderates nicht nur auf Zustimmung treffen, ist verständlich.

Sie werden auch mit schwierigen und aufbrausenden Mitbürgern umzugehen haben. Was ist Ihr (Geheim-)Rezept?

Ich habe da sicher kein Geheimrezept. Aber, wie schon gesagt, sollte man zwischen der sachlichen und der emotionalen Ebene unterscheiden, das heisst aus solch einem Gespräch die sachliche Argumentation rausfiltern und bewerten und die emotionale Komponente nicht personalisieren.

Das heisst nicht, dass man keine Gefühle zeigen sollte, sondern dass man sie mit Respekt gegenüber der anderen Person formulieren sollte.

Mit dem Innenblick der ersten 100 Tage: Wie ist Ihre Gemeinde aufgestellt?

Man darf sicher sagen, dass Kaisten in unserer weiteren Umgebung mit einer sehr gut funktionierenden Infrastruktur, einem aktiven Dorfleben und einer effizienten Verwaltung stark aufgestellt ist und einen höchst lebenswerten Wohnraum bietet.

Wo orten Sie den grössten Handlungsbedarf?

Die Sicherung der Zukunft unseres Dorfes ist meiner Ansicht nach die herausforderndste Aufgabe, gilt es doch, weit vorausschauend die Weichen richtig zu stellen – so bei den Finanzen und der Siedlungsplanung, um zwei sehr wichtige Aspekte zu nennen.

Was sagen Sie einem potenziellen Zuzüger, der Sie fragt: Was hebt Ihre Gemeinde von anderen ab, weshalb soll ich in Ihre Gemeinde ziehen?

Kaisten bietet sehr gute Wohnbedingungen im ländlichen Gebiet, mit gut funktionierender Infrastruktur, aktivem Dorfleben mit sehr vielen Vereinen. Die Gemeinde hat ausgeglichene Finanzen und damit einen genügend grossen Spielraum für die Sicherung der Zukunft. Klar nach unserem Motto: «Kaisten – eifach guet!»

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