Zeitreise
Mittelalterfest in Rheinfelden: Zwischen Rittern und Burgfräuleins

Jetzt hat auch Rheinfelden sein Mittelalterfest. Doch weshalb fasziniert uns diese Epoche? Eine Annäherung.

Thomas Wehrli
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Rheinfelden bekommt ein Mittelalterfest. (Archivbild)

Rheinfelden bekommt ein Mittelalterfest. (Archivbild)

Keystone/GAETAN BALLY

Vorwärts in die Vergangenheit: Drei Tage gehört die Altstadt von Rheinfelden Söldnern, Rittern, Gauklern und holden Burgfräuleins. Zum ersten Mal führt die Stadt an diesem Wochenende ein Mittelalterfest durch – und liegt damit voll im Trend. Denn: Das Mittelalter zieht, Ritter auf Zeit zu sein, ist in. «In der Schweiz fängt der Boom gerade erst an», weiss Andreas Rettig aus Zeiningen. In Deutschland habe er bereits seinen Höhepunkt erreicht; an jedem Wochenende findet irgendwo ein Mittelaltermarkt statt.

Andreas Rettig und seine Frau Ela sind der Faszination Mittelalter ebenfalls erlegen und machen seit 2005 aktiv an zwei bis drei Mittelalterfesten pro Jahr mit. An diesem Wochenende stellen sie ihr Lager am Mittelaltermarkt in Eschbach (DE) auf. Die Frage stellt sich: Was macht die Faszination Mittelalter aus? Eine Annäherung in acht Fanfarenstössen.

Erster Stoss: die Verklärung. «Die Mittelalterfeste sind kein Abbild des realen Lebens in dieser Zeit», sagt Historiker Linus Hüsser. Im 19. Jahrhundert habe man begonnen, das Mittelalter romantisch zu verklären – «und diese Verklärung hält bis heute an». Diese Einschätzung teilt Marco Meier, CEO von The Brainfood. Sein Unternehmen bespasst das Mittelalterfest in Rheinfelden und hat 300 bis 400 Darsteller und Helfer im Einsatz. «Es ist eine romantisierte Art des Mittelalters.»

Zweiter Stoss: die Entschleunigung. Wenn Andreas und Ela Rettig ihr Lager eingerichtet haben, tauchen sie ab in eine andere Welt, in ein Raum-Zeit-Kontinuum, in dem der Zeit- und Leistungsdruck der realen Welt keinen Platz hat. «Der Alltag wird entschleunigt», sagt Rettig. «Wir schalten komplett ab und sind nur noch im Notfall erreichbar.» Den Wunsch, für einige Stunden der Hektik des 21. Jahrhunderts zu entrinnen, sieht auch Meier als einen der Gründe, weshalb das Mittelalter zieht. «Man taucht in eine Welt ab, in der Zeit noch nicht die Rolle gespielt hat, wie sie es heute tut.» Auch Ueli Mäder, Soziologieprofessor in Basel, taucht ab und an gerne für ein paar Stunden ins Mittelalter ein. «Das Geschehen fasziniert und kontrastiert unseren Alltag», sagt er. «Es schärft auch unseren Blick für das Gegenwärtige.»

Annäherung an die Wirklichkeit

Dritter Stoss: die Historie. Die Mittelalterfeste bilden die damalige Zeit nicht Eins zu Eins ab, sie sind vielmehr eine idealisierte Annäherung an die zum Teil brutale Wirklichkeit. In dieser Annäherung, das ist der Ehrgeiz aller Festival-Teilnehmer, will man so authentisch wie möglich sein. Die Kostüme fertigt Ela Rettig nach historischen Funden; als Stoffe kommen nur Leinen und Wolle infrage. Auch am Herd nimmt man es genau. Man feuert, wie es damals üblich war, und in den Topf kommen nur Zutaten, die man im Mittelalter hatte. «Pommes gibt es bei uns nicht», scherzt Rettig. Dafür weisse Bohnen, Linsen, Gemüsesuppen, Eintöpfe, Breie – und Brot als Sättigungsbeilage. «Fleisch war im Mittelalter ein Luxusgut», sagt Rettig und kam dementsprechend selten auf den Tisch.

Vierter Stoss: das Zu-Sehen. «Das Fest führt uns vor Augen, wie unsere Vorfahren lebten», sagt Mäder. Wie sie die Tiere hielten, Essen zubereiteten, Instrumente spielten, Werkzeuge herstellten, Gewänder woben, Güter tauschten. «Und wir können am Schauspiel teilhaben. Was für ein Genuss», so Mäder – und meint es durchaus wörtlich. Denn der Gaumen erlebt, wie die Speisen früher (wohl) zubereitet wurden. Die Feste erinnern auch an die dunklen Seiten des Mittelalters, an drakonische Strafen, an Pest, an den Tod. «Das wirkt etwas bedrohlich», so Mäder, «und erhöht vermutlich die Attraktivität.»

Fünfter Stoss: die Action. Sie gehört zu den Mittelalterfesten wie das Amen in der Kirche. Ritter, die sich duellieren, Söldner, die kämpfen. «Das Risiko für die Darsteller ist überschaubar», sagt Meier. Denn hinter den Kämpfen steckt viel Training. Ein Risiko bleibt aber – wie bei jeder Sportart. So kann man auch schon mal einen Ritter mit eingebundenem Arm sehen – die medizinische Versorgung erfolgt, zum Glück für den Versorgten, nach modernen Standards.

Sechster Stoss: die Vorbilder. Alimentiert wird die Faszination Mittelalter durch die Filmindustrie. «Das Mittelalter ist in den Medien sehr präsent», weiss Meier. Ob Robin Hood oder Braveheart – die Zuschauer tauchen im Kino in die raue Zeit der Vorfahren ab und wollen es, zurück aus der Vergangenheit, im realen Leben surreal miterleben.

Siebter Stoss: die Eingefleischten. An den Mittelalterfesten erlebt Meier, der pro Jahr sechs bis sieben Spektakel bespasst, zwei Arten Besucher. Zum einen die Ich-will-mir-das-mal-ansehen-Fraktion. Das sind häufig Familien, aber auch Jugendliche und Senioren. «Das Mittelalter fasziniert quer durch alle Schichten», weiss Meier. Die zweite Gruppe sind die eingefleischten Mittelalter-Fans. Sie ziehen von Festival zu Festival und gewanden sich selber mittelalterlich. «Dieser Teil hat in den letzten Jahren stark zugenommen», so Meier. Er schätzt, dass heute etwa jeder vierte Besucher mit dem Mittelalter-Virus infiziert ist.

Achter Stoss: der Virus-Check. Wer seine Mittelalter-Virus-Lastigkeit testen will, kann dies heute und morgen in Rheinfelden tun – kostenlos.