Schwaderloch
Mit ihrem ersten Dok-Film will sie dem Stricken den Mief nehmen

Yvonne Zollinger aus Schwaderloch, selbst eine verrückte Strickerin, lebt ihren Traum und bringt mit «total verstrickt» ihren ersten Dokumentarfilm ins Kino. Für ihr Projekt reiste sie auch nach England oder Holland zu einem Weltrekordversuch.

Susanne Hörth
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Die Fricktaler Dokumentarfilmerin Yvonne Zollinger.

Die Fricktaler Dokumentarfilmerin Yvonne Zollinger.

zvg

«Ineschteche, umeschlah, durezieh und abeloh ...» – Stricken, was sonst. Ein antiquiertes Hobby für alte Frauen. Von wegen. Gestrickt wird von Alt und Jung, von Weiblein wie Männlein. «Es ist eine Sucht, eine weit verbreitete Sucht. So aktuell wie eh und je», so Yvonne Zollinger.

Die Schwaderlocherin ist selbst vom Virus befallen. Schon sehr lange. Dennoch hat sie für ihr eben fertig gewordenes Werk nicht selbst zu Wolle, Garn und Nadeln gegriffen. Sie hat sich die Filmkamera geschultert und Leute begleitet, die stricken. Die Strickgruppe in Frick ebenso, wie die Guinness-Buch-Rekordhalter in Holland oder das Ehepaar in England.

Stricken geht in unseren Köpfen einher mit warmen Pullovern, kuschligen Jacken und dicken Wintersocken. Das soll auch so sein. Aber da wären ja auch noch die gestrickten Cupcakes, die bunt eingehüllte Basler Wettsteinbrücke, die gelismeten Baumkleider.

Die Liste ist schier endlos. So endlos wie die Ideenvielfalt, die Kreativität der Nadelkünstler. Rund um die Welt. Diese so «total verstrickte» Welt hat die Fricktalerin Yvonne Zollinger mit der Kamera eingefangen. Entstanden ist aus einem schier endlosen, faszinierenden Rohmaterial nun ein 20-minütiger Dokufilm, der nicht nur Frau, sondern auch Mann zu verblüffen vermag.

Handgestrickt wird in dem Dokufilm alles, handgestrickt ist der Kurzfilm jedoch in keiner Weise. «Als ich 50 geworden bin, fragte ich mich, welche Träume ich in der Jugend gehabt habe. Welche davon noch da sind, welche ich noch immer verwirklichen möchte», so Yvonne Zollinger.

«Ein Traum von mir war schon immer, Dokumentarfilme zu drehen.» Eine Idee – die einfachere – wäre jetzt gewesen, eine günstige Filmkamera anzuschaffen, deren Gebrauchsanleitung zu lesen und loszudrehen. Yvonne Zollinger wählte den schwierigeren, dafür professionelleren Weg.

Sie absolvierte an der Erwachsenenbildung Zürich einen intensiven, eineinhalb Jahre dauernden Dokumentarfilm-Lehrgang. In diesem von Profifilmemachern geführten Studiengang erfuhren die zwölf Teilnehmenden von der Pike auf, wie ein Film gemacht werden muss.

Ein Rundumprojekt

«Dazu gehörten das Erstellen des Dossiers, die Geldbeschaffung, die Vermarktung und natürlich die ganze Filmarbeit», so Yvonne Zollinger. Weiter muss der Filmer – gerade wenn er alleine für die Dreharbeiten im Einsatz ist – eins werden mit der Kamera. Technik, Belichtung, Tonqualität – alles muss stimmen.

Dazu will das oder der Gefilmte perfekt im Bild stehen. Zu der vielteiligen Aufgabe kommen nach dem Drehen die Filmbearbeitung, das Schneiden, Tonunterlegen und anderes dazu. «Spannend, herausfordernd und auch anstrengend», wird im Gespräch mit der Fricktaler Dokumentarfilmerin immer wieder spürbar.

«Wir mussten alle zu Beginn des Lehrganges unser Projekt angeben. Ich wusste bis fünfzehn Minuten vor der Präsentation meines nicht. Das ursprünglich angedachte kam leider mangels Einverständnis der angefragten Akteure nicht zustande», erinnert sich die Fricktalerin zurück.

Was kann sie, was macht sie gerne? «Stricken. Weil ich eine verrückte Strickerin bin. Alle kennen das, jeder verbindet damit eine Erinnerung.» Yvonne Zollinger lacht, ist nicht wirklich über die Verblüffung ihres Gegenübers bei der Erwähnung des Projekttitels überrascht.

«Ich wusste, ich will etwas, das alle kennen, in einem neuen Licht zeigen. Dem Stricken damit den Mief nehmen, der ihm halt nach wie vor anhängt. Ausserdem ist Stricken universell.»

Sehr bewusst hat sie mit einer Fricker Strickgruppe für ihren Film nicht nur exotische, sondern auch konventionelle Stricker ausgesucht. Das Konventionelle ist in «total verstrickt» ebenso wie wichtig wie das Schräge und Verrückte. Für ihren Film reiste sie viel. So etwa nach Holland. Dort begleitete sie mit der Kamera den Guinness-Buch-Rekordversuch «vom Schaf zum Schäfer».

Welche Dynamik in der Welt des Strickens herrschte, erfuhr sie von Drehort zu Drehort mehr. Die Filmemacherin erhielt immer neue Tipps über noch verrücktere Stricker. Etwa über jenes Paar in Nordengland, das eine ganz eigene Art der Nadelkunst pflegt. Das Paar strickt Bilder, genauer Illusionsstricken. «Immer mehr bestätigte sich mit dieser zunehmenden Eigendynamik, das, was ich eigentlich schon zu Beginn wusste: Der Mief, der dem Stricken anhängt, hat sich definitiv verflüchtigt.»

Nach Ende der Drehzeit, mit 13 Stunden Filmmaterial, «fehlte mir der Kick, fürs Weitermachen», so Zollinger. Fast wäre deshalb das Material in der Schublade verschwunden. Fast. Den Kick zum Weitermachen bekam die Schwaderlocherin von ihrer Lehrgangdozentin und Regisseurin Gitta Gsell. «Sie nahm mich untere ihre Fittiche.»

Die Herstellung eines Dokumentarfilmes ist teuer. «Für mich war es das Weihnachtsgeschenk, als ich am 24. Dezember 2013 erfahren habe, dass ich von Migros Kulturprozent einen namhaften Betrag zur Fertigstellung des Filmes erhalten habe», ist die Freude der Filmemacherin noch deutlich anzumerken.

Zwischenzeitlich ist aus den 13 Stunden Filmmaterial ein 20-minütiger Kurzfilm entstanden. «Total verstrickt» feiert am 28. Juni in Fricks Monti Premiere. Die Premiere ist öffentlich und gratis für alle Interessierten.

Und der Traum «Dokumentarfilmerin»? «Da bleibe ich dran», so Yvonne Zollinger. Ihr hat es also nicht nur den «Ärmel fürs Stricken reingenommen».