«Das ist für mich», ruft jemand hinter der noch verschlossenen Türe, als ich morgens um Viertel vor sieben bei der Wohngruppe zur Quelle der Stiftung für Menschen mit Behinderung im Fricktal (MBF) klingle.

Der 29-jährige Jan Grenacher strahlt über das ganze Gesicht, als er die Türe öffnet, er habe sich schon seit einer Woche darauf gefreut, sich von einer Reporterin durch den Tag begleiten zu lassen.

Ganz der Gastgeber bietet er mir noch einen Kaffee an, er selber sei schon seit 6 Uhr wach und habe bereits gefrühstückt. Bevor wir um 7.08 Uhr den Zug nehmen, muss er nur noch die Zigaretten bei Betreuerin Caroline abholen. 10 Stück bekommt er pro Tag, die er sich durch den Tag selber einteilt. «Leider rauche ich, seit ich 16 bin. Ich würde gerne aufhören, aber das ist etwas schwierig, weil ich süchtig bin.»

Beim Vorbeigehen zeigt er mir noch sein Zimmer. «Eigentlich sind es zwei, ein Büro und ein Schlafzimmer», sagt er. Im Büro steht eine Fitnessbank. Jan ist nämlich sehr sportlich. «Mit dem Schweizer Behindertensport bin ich kürzlich in die Skiferien und im Herbst machen wir dann eine Velotour durchs Engadin. Bei gutem Wetter fahre ich auch mal mit dem Velo zur Arbeit.»

Staubsauger und Rasenmäher

Heute fahren wir jedoch mit den acht anderen Bewohnern der WG mit der S-Bahn nach Stein ins Hauptgebäude der Stiftung MBF. Jan Grenacher, der mit einer geistigen Behinderung geboren wurde, gehört zum Hausdienst.

Seit acht Jahren reinigt er die diversen Wohngruppen der Stiftung MBF. Heute ist zuerst die WG zum Weiher in Laufenburg dran und später die WG «Weiss» in Stein. In der WG zum Weiher wohnt seine Freundin. Seit vier Jahren sind die beiden ein Paar. Als Jan vor ihrem Zimmer staubsaugt, zeigt er auf das Foto, das an der Zimmertüre hängt. Er sagt stolz: «Das ist mein ‹Schätzeli›.»

Jede Woche hat Jan ein anderes Ämtli, diese Woche ist er mit dem Staubsaugen dran. Ausserdem formuliert die Wohngruppe Jahresziele. Jan’s Jahresziel ist es, den Garten instand zu halten. Er muss selber abwägen, ob das Gras trocken genug ist, um gemäht zu werden und entscheiden, wie kurz er es mähen möchte, damit der Rasen nicht austrocknet. Und er muss regelmässig den Rasenmäher kontrollieren und reinigen. «Ich mache gerne etwas draussen an der frischen Luft.»

Um 12 Uhr ist Mittagspause. Die Reinigungsgegenstände werden in der Wohngruppe gelassen, denn seine Arbeitskollegin und der Gruppenleiter Thomas Schwarz machen nachmittags hier weiter. Die anderen haben frei.

Jan hat sich freigenommen, um mit mir Zug zu fahren, das ist sein grösstes Hobby. Er habe kein schlechtes Gewissen, dass die anderen nachmittags nur zu zweit sind, das sei ihm auch schon so ergangen. Die Putzmittel werden noch eingeschlossen bevor alle Pause machen, «weil man es sonst mit Sirup verwechseln könnte.»

Nach dem Mittagessen bleibt noch etwas Zeit, bevor wir unsere Zugreise antreten. Jan Grenacher hat alles genaustens geplant: «Zuerst fahren wir mit dem Interregio nach Zürich, dann mit der S-Bahn nach Wädenswil. Dort steigen wir in die Südostbahn nach Biberbrugg. Von Biberbrugg fahren wir über Arth-Goldau nach Luzern, wenn wir Glück haben mit dem Voralpenzug. Und von Luzern aus können wir zurück.»

Bis wir aber um 13.30 Uhr in den Interregio steigen, führt mich Jan noch durch die verschiedenen Stationen der Stiftung MBF. Sein guter Freund und Mitbewohner Bernhard Hilpert sortiert gerade die Kleiderbügel der Manor, das habe Jan auch zwei Jahre lang gemacht. In der Verpackungsgruppe werden gerade Kaffeemuster verpackt. Und in der Montage setzt man Elektroklemmen zusammen. Jan erklärt alles und was er nicht weiss, fragt er die jeweiligen Gruppenleiter.

Die Aussicht geniessen

Schlussendlich haben wir etwas viel Zeit in den Werkstätten vertrödelt und müssen uns beeilen, um den Zug zu erwischen. Kurz bevor er abfährt, kommen wir am Perron an. «Jetzt hatten wir aber Glück», sagt Jan und lacht.

In Zürich steigen wir in die S-Bahn um, aber kurz bevor sie abfahren sollte, ertönt eine Durchsage, die S-Bahn falle wegen einer Stellwerkstörung aus. Wir steigen aus, Jan eilt schnurstracks zum Informationsschalter und verkündet mir ein paar Minuten später, dass wir auf Gleis 7 einen anderen Zug nehmen können, der auch in Wädenswil hält.

Danach klappt die Reise samt den Verbindungen wunderbar. «Es ist meine Lieblingsstrecke, wegen der schönen Steigung und der Aussicht», sagt Jan. Spätestens, als wir auf Höhe Feusisberg bei strahlend blauem Himmel auf den Zürichsee hinunter blicken, weiss ich was er gemeint hat. Alle Passagiere lauschen, wenn er erklärt, woran wir gerade vorbei fahren.

Bei Arth-Goldau kreuzen zum Beispiel die Gleise der Südostbahn die der SBB. Und kurz davor sind wir an einer alten Lokomotive der Rhätischen Bahn vorbei gefahren. Auch die Destinationen der Züge, die uns kreuzen, kennt er.

Jan Grenacher sagt: «Ich wäre gerne Lokführer geworden, aber das ist etwas zu schwierig. Jetzt ist es mein grösster Traum, mal beim Reinigungsdienst der SBB arbeiten zu können. Dafür muss ich aber noch etwas schneller arbeiten.»

Um sich schon etwas vorzubereiten, geht er bisweilen regelmässig nach Feierabend am Basler Bahnhof in den Ausgang und unterhält sich mit den Reinigungsangestellten.

Als wir in Biberbrugg eine halbe Stunde Aufenthalt haben, schlägt Jan vor, etwas trinken zu gehen. Im Bahnhofrestaurant bestellt er eine Cola und bewundert die Bilder der amerikanischen Lastwagen, die an den Holzwänden hängen. «Lastwagen gefallen mir auch. Aber vor allem finde ich Eisenbahnen toll, schon seit ich zwei Jahre alt bin.» Deswegen sei auch die Lage seiner WG, direkt am Bahnhof Rheinfelden «super praktisch».

Auf dem Weg zum Perron, wo der Voralpenzug in einigen Minuten ankommen wird, geht Jan wieder im Stechschritt voraus. Als ich ihn leicht keuchend darauf anspreche, dass er ein ganz schönes Tempo vorlegt, grinst er breit. «Lieber zu schnell, als zu spät», sagt er.