Gipf-Oberfrick
Mit allen Wassern gewaschen: Fricktaler war Kapitän grosser Schiffe

Christian Baumann aus Gipf-Oberfrick war als Kapitän grosser Schiffe zu See gefahren. Auf einer Schifffahrt von Kaiseraugst nach Kemps und zurück nach Basel realisierte er, dass er auf dem Schiff arbeiten möchte - und blieb dort jahrelang.

Florian Binder
Merken
Drucken
Teilen
Der Kapitän Christian Baumann an Land in Gipf-Oberfrick.

Der Kapitän Christian Baumann an Land in Gipf-Oberfrick.

fbi

Die Holztüre des frisch renovierten Bauernhauses öffnet sich und aus dem Schatten des Eingangs tritt ein älterer Herr mit weissem Bart und grünen Hausschuhen.

«Guten Tag, kommen Sie herein», sagt der Herr mit den getönten Brillengläsern, der Christian Baumann heisst und in Gipf-Oberfrick wohnt – wenn er, der Weitgereiste, denn einmal in der Schweiz ist.

Die Aussenwände des Hauses erstrahlen in Weiss, der Vorplatz ist sauber gewischt, von Unkraut befreit und über dem Hauseingang kreuzen sich zwei alte hölzerne Werkzeuge aus der Landwirtschaft, ein Rechen und eine Heugabel.

Die Handgeste signalisiert: Bitte nach Ihnen und so steigen wir die Treppe nach oben und treten ein in das Wohnzimmer, das sich ebenfalls aufgeräumt und schlicht eingerichtet präsentiert. Hier hat alles seinen Platz, nur nicht das Überflüssige. An den Wänden hängen kleine gerahmte Bilder. Wir nehmen Platz am Tisch und Baumann serviert Kaffee mit Rahm und Zucker.

Baumann, der nicht nur zwölf Jahre in der Schulpflege Frick gearbeitet hat, sondern auch seit acht Jahren das Präsidium des Gemeindeverbands Bezirk Laufenburg innehat, berichtet von einem entscheidenden Moment während eines Schulausflugs, der den Rest seines Lebens bestimmen sollte:

1964 ging seine Klasse auf eine Schifffahrt von Kaiseraugst nach Kemps und zurück nach Basel, und dort, an Deck der «MS Strasbourg», realisierte der junge Baumann: «Ja, das ist es. Ich möchte auf dem Schiff arbeiten! Denn die Schule habe ich satt.»

Ein recht ungewöhnlicher Berufswunsch, doch seine Eltern unterstützten ihn bei seiner Berufswahl, stellten aber die Bedingung, dass er die Lehre auf dem Rhein und nicht zur See machen sollte. So begann er seine Lehre als Binnenschiffer auf dem Rhein im Jahr 1967 und beendete sie als gelernter Matrose 1970.

«Wir fuhren nach Rotterdam und Antwerpen, dem deutschen Kanalsystem entlang auf dem Neckar, dem Main und der Mosel.»

Jahre später wird ihn sein Weg unter anderen Vorzeichen wieder an seinen früheren Ausbildungsort zurückführen, doch vorerst packte den jungen Mann das Reisefieber und er entschloss sich nun, zur See zu fahren und die Welt zu erkunden.

«Ich wechselte auf die «MS Alpina», unser Fahrgebiet war Nordamerika - Brasilien/Argentinien, wo ich in Buenos Aires meinen 20. Geburtstag feierte», sagt Baumann.

Viel geschlafen hätte er während der Europareisen nicht, nach dem Verladen des Schiffes und zwischen dem Ein- und Auslaufen in die Häfen nachts sei die Mannschaft noch an Land und in den Ausgang gegangen.

Schnell war dem ambitionierten jungen Mann aber klar, dass es nicht nur bei der Stellung des Matrosen bleiben sollte: Da er eine Offizierslaufbahn anstrebt, geht Christian Baumann 1972 nach Bremen und schliesst 1975 das Studium der Nautik an der Fachhochschule ab.

Nach der Ausbildung in Bremen arbeitet er sich in den nächsten Jahren auf verschiedenen Schiffen langsam bis zum 1. Offizier hoch und hält schliesslich in Händen, wovon er schon seit langer Zeit geträumt hat: Das Kapitänspatent, das ihn zum Führen grosser Schiffe berechtigt.

Baumanns Augen funkeln, als er von den ausgedehnten Reisen erzählt, die ihn dazumal als 1. Offizier um die halbe Welt führen. Es geht nach Japan über Europa bis an Ostküste Amerikas und nach West- und Südamerika.

Probleme mit Piraten gab es damals auch schon, doch nie in dem Ausmass wie heute. «Das ist ja organisiertes Verbrechen», meint Baumann, «die Kapitäne und Reedereien engagieren schwer bewaffnete Sicherheitsfirmen, die die Schiffe schützen sollen. Zu meiner Zeit gab es diese Scharmützel nicht. Aber auch 1975/1976, als wir als eines von etwa 300 Schiffen im Hafen von Lagos in Nigeria ankerten, musste man nachts aufpassen, dass niemand an Bord kam und die Ladung stahl.»

Arbeit an Land

Wahrscheinlich wäre es mit diesem Leben immer so weiter gegangen – doch Rückenprobleme zwingen Baumann umzudenken und seinen Arbeitsplatz an Land zu verlegen.

Er kehrt zurück an den Hafen von Basel, dort, wo er Jahre vorher seine Lehre auf dem Schulschiff «Leventina» begonnen und abgeschlossen hatte.

Er ist zuständig für die Logistik des Schwerguts, plant Verladung, Lagerung und Disposition der Waren. Ende der 1980er-Jahre wechselt er in die Verwaltung der Rheinhäfen Baselland und wird dort Sicherheitschef.

Wie erlebte er, der von sich sagt, «dass der Virus des Reisens in ihm steckt», die Arbeit auf dem Land? «Als ich die Seiten wechselte, wusste ich: Du hast das Patent und kannst immer wieder zurück, aber die Arbeit im Hafen war befriedigend und ich habe sie gern gemacht.»

Da er nun nicht mehr wochenlang «draussen» ist, lässt sich auch mit seiner Frau die Familie planen und wenig später kommt Nachwuchs auf die Welt.

Als Interimschef überführen Baumann und sein Team 2007 die Rheinhäfen Basellandschaft in die Fusion mit der Rheinschifffahrtdirektion Basel zu den Schweizerischen Rheinhäfen, die ab nun eine öffentlich-rechtliche Anstalt sind.

Baumann freut sich nach der Pension auf das Reisen. Die Füsse hochzulegen, kommt für ihn nicht infrage. Bald geht es zum dritten Mal nach Island. Dort will er das Land erkunden – auf dem Rücken eines Pferdes.