Grenzregion
«Mir kommen die Tränen, nach der langen Absenz wieder beim Nepomuk zu stehen»

Sämtliche Grenzzäune im Aargau sind seit Samstag wieder weggeräumt. Die Menschen in den Grenzstädten sind erleichtert, dass nun der Alltag langsam zurückkehrt. Noch bis Mitte Juni gibt es allerdings Einschränkungen: Über die Grenze darf auch weiterhin nur, wer einen triftigen Grund hat.

Thomas Wehrli
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Janka Gefferth und Hannes Burger auf der Laufenbrücke in Laufenburg, die seit Samstag wieder passierbar ist.

Janka Gefferth und Hannes Burger auf der Laufenbrücke in Laufenburg, die seit Samstag wieder passierbar ist.

Thomas Wehrli

"Mir kommen die Tränen, nach der langen Absenz wieder beim Nepomuk zu stehen", sagt ein sichtlich gerührter Hannes Burger. Nepomuk, das ist die Figur mitten auf der Laufenbrücke in Laufenburg. Seit Mitte März war die Brücke nicht mehr begehbar; Metallgitter an beiden Brückenköpfen verhinderten den Zugang. "Laufenburg war noch nie so geteilt", sagt Janka Gefferth.

Auch die Zahnärztin aus badisch Laufenburg ist auf die Brücke gekommen, um die neue alte Freiheit zu feiern. Ihr Partner, der bekannte Aargauer Schriftsteller Christian Haller, ist wenige Minuten zuvor in sein Haus auf der Schweizer Seite zurückgekehrt - zum ersten Mal seit zwei Monaten. Denn Haller war Mitte März, kurz vor der Grenzschliessung, ins Badische zu seiner Partnerin gegangen. Da er wusste, dass er nicht mehr nach Deutschland einreisen kann, wenn er in die Schweiz zurückkehrt, blieb er seither dort, was seine Arbeit - er lektoriert gerade sein jüngstes Buch - nicht vereinfacht hat, wie er der AZ erzählte.

Hannes Burger, der als Präsident des grenzüberschreitenden Museumsvereins Schiff die Geschichte des Städtchen wie kaum ein zweiter kennt, weiss: "Eine derart kontakt- und kommunikationslose Trennung gab es nicht einmal im Zweiten Weltkrieg." Hier war die Brücke zwar auch mit Stacheldraht verriegelt, dieser stand aber in der Mitte der Brücke. "Jeden Tag kamen Menschen auf die Brücke, redeten miteinander und reichten sich durch den Zaun Lebensmittel."

Für Laufenburg waren die Grenzzäune noch etwas schlimmer als für andere Gemeinden, denn Laufenburg gehörte einst zusammen und versteht sich bis heute als "zwei Länder, eine Stadt", wie der offizielle Slogan der Stadt lautet. Das grenzüberschreitende Moment gehört "zur DNA von Laufenburg", sagt Hannes Burger. "Jeden Tag habe ich von meiner Wohnung aus die Brücke und die Grenzzäune gesehen", so Gefferth. Der Gang auf und über die Brücke habe sie je länger je mehr vermisst. "Die Trennung, die wir im Herzen längst überwunden haben, war von einem Tag auf den anderen wieder da."

Es sei eine verrückte Zeit gewesen, sagt Burger, da sei ein Virus gekommen und habe auseinander gerissen, was zusammengehört. Beide, Burger wie Gefferth, finden es richtig, dass Massnahmen gegen das Coronavirus ergriffen wurden und stellen auch die temporäre Grenzschliessung nicht per se infrage. "Ich hätte mir einfach gewünscht, dass auch bei uns, wie an anderen Grenzen, die Gitter mitten auf der Brücke aufgestellt worden wären, damit Begegnungen dennoch möglich geblieben wären", so Burger.

Wer nicht selber an der Grenze lebt, kennt die besondere Dynamik nicht.

(Quelle: Hannes Burger)

Der ehemalige Stadtrat von Laufenburg atmet tief ein, schaut nach links, schaut nach rechts. "Es ist einfach ein wunderbares, befreiendes Gefühl", sagt Burger dann. "Ich hoffe inständig, dass es nie mehr zu einer solchen Trennung kommt."

Vorerst bleibt die Trennung trotz der offenen Grenzen - am Samstag wurden sämtliche Grenzzäune im Kanton Aargau wieder entfernt und alle Übergänge geöffnet - aber noch bestehen. Denn ins andere Land reisen darf bis Mitte Juni trotzdem nur, wer einen triftigen Grund hat. Immerhin wurde der Katalog der triftigen Gründe auf das Wochenende hin stark erweitert. Seit Samstag dürfen sich auch Liebespaare ohne Trauschein wieder sehen. Darauf haben sich die Schweiz, Deutschland und Österreich am Freitag geeinigt. "Das Gleiche gilt für Personen, die Verwandte besuchen oder an wichtigen Familienanlässen teilnehmen wollen", schreibt das Staatssekretariat für Migration (SEM) auf seiner Homepage. Einreisen dürfen auch Personen, die im Nachbarland eine Liegenschaft unterhalten, Landwirtschafts- Forst- oder Jagdfläche nutzen oder Tiere versorgen müssen. Dies unter einer Bedingung: Wer über die Grenze will, muss beim Grenzübertritt eine Selbstdeklaration vorweisen.

So sah der Grenzübergang in Laufenburg am Freitag noch aus.

So sah der Grenzübergang in Laufenburg am Freitag noch aus.

Alex Spichale

Für Burger, Gefferth und die meisten Laufenburger ist also der Gang über die Grenze erst in einem Monat wieder möglich. Immerhin, sagt Burger, sei nun ein Gang an die Grenze wieder möglich und ein Schwatz über die Grenze hinweg. So stehen Burger und Gefferth an diesem "historischen Nachmittag", wie es Burger umschreibt, zwar zusammen, doch gleichzeitig liegt eine imaginäre Grenze zwischen ihnen. "Ich freue mich sehr auf den Moment, an dem ich auch wieder ganz normal über die Brücke gehen darf", sagt Gefferth. Denn in Laufenburg lebt man miteinander; das gilt für Vereine ebenso wie für den abendlichen Stammtisch oder den Einkauf.

Für Burger bleibt denn an diesem Samstag auch "ein Wermutstropfen" zurück. Gefferth lacht. "Die Freude überwiegt aber, dass die Brücke nun wieder uns gehört."

Im Landesinnern, auf Schweizer wie auf Deutscher Seite, haben nicht alle verstanden, weshalb die auf Zeit abgeriegelten Grenzen den Menschen an der Grenze derart Bauchweh bereitet haben. Burger kann das teilweise nachvollziehen. "Wer nicht selber an der Grenze lebt, kennt die besondere Dynamik nicht." Burger überlegt kurz, schaut dem Pärchen nach, das über die Grenze flaniert und am Schweizer Brückenkopf von zwei Grenzwächtern kontrolliert wird, sagt dann: "Es wäre so, als wenn man ein Dorf in der Schweiz einfach zweiteilt und mit Gittern abgrenzt."

Burger schüttelt den Kopf. "Das ist zum Glück Geschichte", sagt er, nimmt das Smartphone hervor, blättert in den Fotos und zeigt auf eines, das er am Samstagmorgen um 6.15 Uhr aufgenommen hat. Es zeigt den Heiligen Nepomuk mitten auf der Laufenbrücke, wie er zufrieden auf seine Brücke schaut. Im Hintergrund taucht die Sonne die Gebäude auf deutscher Seite in warme Rottöne. Zwei Länder, vereint in einer Stadt.

Die Aargauer Grenzübergänge während der Corona-Pandemie in Bildern:

Mitte März wurde der alte Grenzübergang auf der Rheinbrücke zwischen Laufenburg (CH) und Laufenburg (D mit Gittern abgesperrt.
33 Bilder
Zwei Grenzwächter bringen an der Absperrung Informationen an.
Seit Mitte März kommt auch in Rheinfelden nur noch über die Grenze, wer einen triftigen Grund hat.
An den Grenzzäunen – hier in Bad Säckingen – haben Paare ihren Protest gegen das verordnete Getrenntsein deponiert.
Der Verkehr wurde am Grenzübergang Koblenz kanalisiert - die Folge waren lange Staus.
Einen Mega-Stau gab es am Montag, 16. März 2020, nachdem Deutschland die Grenze schloss. Nicht wenige standen drei Stunden oder länger im Stau.
Über die Grenz durften nur noch Grenzgänger oder Warentransporte.
Für jeglichen Verkehr gesperrt wurde der Grenzübergang Bad Zurzach - Rheinheim.
Grenzübergang Rheinheim - Bad Zurzach
Der geschlossene Grenzübergang Bad Zurzach-Rheinheim, mit Blick von der Schweizer Seite nach Deutschland.
Nach einigen Wochen, Anfang Mai, wurde der Grenzübergang Bad Zurzach-Rheinheim teilweise wieder geöffnet, aber nur für Berufspendler.
Der Grenzübergang Bad Zurzach-Rheinheim Anfang Mai.
Der Grenzübergang Bad Zurzach-Rheinheim während der Corona-Pandemie - hier wieder teilweise geöffnet Anfang Mai 2020.
Diese Massnahme entlastete den Verkehr am Nadelöhr des Grenzübergangs Koblenz-Waldshut.
Der Grenzübergang Koblenz-Waldshut - täglich queren über 1000 Lastwagen die Rheinbrücke.
Der Bund macht mit Verzollungseinnahmen ein Millionengeschäft – das Dorf Koblenz erhält nichts, muss aber mit Staus leben.
Der Grenzübergang Waldshut-Koblenz auf der deutschen Seite.
Der Grenzübergang Kaiserstuhl-Hohentengen – Blick von der Schweizer Seite. Er war während der Coronakrise komplett gesperrt.
Grenzübergang Kaiserstuhl-Hohentengen: Blick von der Schweiz nach Deutschland.
Grenzübergang Kaiserstuhl-Hohentengen: Blick von der Schweiz nach Deutschland.
Der gesperrte Grenzübergang Leibstadt-Dogern beim Wehrkraftwerk am Rhein.
Unübersehbar: Die Warnung vor dem Coronavirus am Grenzübergang Leibstadt-Dogern.
Auch für Fussgänger und Velofahrer war der Grenzübergang Leibstadt-Dogern nicht passierbar.
Der Grenzübergang bei Albbruck nach Schwaderloch ist zurzeit eh wegen Bauarbeiten geschlossen
Der Grenzübergang Laufenburg Ost ist nur für Berufspendler geöffnet - nicht aber für Lastwagen des Warenverkehrs
Mitte März wurde der alte Grenzübergang auf der Rheinbrücke zwischen Laufenburg (CH) und Laufenburg (D mit Gittern abgesperrt.
Die abgesperrte Laufenbrücke zwischen badisch Laufenburg und dem aargauischen Laufenburg
Der Grenzübergang am Wehr des Kraftwerks Laufenburg. Er wird im Sommerhalbjahr von Fussgängern genutzt.
Der Grenzübergang Stein aus Schweizer Perspektive.
Der Grenzübergang Bad Säckingen-Stein aus deutscher Perspektive.
Der Grenzübergang Dogern-Leibstadt von der deutschen Seite aus gesehen.
Grenzübergang Rheinfelden mit Blick von der deutschen Seite.
Grenzübergang Rheinfelden mit Blick von der Schweizer Seite.

Mitte März wurde der alte Grenzübergang auf der Rheinbrücke zwischen Laufenburg (CH) und Laufenburg (D mit Gittern abgesperrt.

Thomas Wehrli