Am Rhein in Stein AG
Messer in Hinterkopf gerammt: Bundesgericht hebt Urteil auf

Das Bundesgericht hat die Beschwerde des Asylbewerbers teilweise gutgeheissen, der 2011 in Stein AG sein Taschenmesser einem jungen Mann ins den Hinterkopf gerammt hatte. Das Aargauer Obergericht muss damit ein neues Urteil fällen.

Philipp Zimmermann
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Zu den Messerstichen zwischen dem irakischen Asylbewerber und dem Deutschen kam es hier am Rhein in Stein AG. (Symbolbild)

Zu den Messerstichen zwischen dem irakischen Asylbewerber und dem Deutschen kam es hier am Rhein in Stein AG. (Symbolbild)

TeleM1/Keystone

An der Rheinpromenade am Grenzübergang «Holzbrücke» in Stein AG kam es am Abend des 20. Mai 2011 zu einer folgenschweren Auseinandersetzung: Zwei Asylbewerber, ein 21-jähriger Iraker und ein 22-jähriger Iraner, sassen alkoholisiert auf einer Bank, als gegen 21 Uhr ein 22-jähriger Deutscher in Begleitung seiner Freundin und einer weiteren jungen Frau vorbeilief. Der Iraker rief ihnen «schöne Frauen» oder Ähnliches zu. Der junge Deutsche, ein Chemielaborant mit Irokesenschnitt, wie die «Basler Zeitung» berichtete, fühlte sich provoziert – und konterte: Er nannte die Mutter des Irakers eine «Hure» oder «Schlampe».

Über 100 Meter lange Blutspur

Es kam zu einer Messerstecherei und Schlägerei, bei der die drei Männer Verletzungen davontrugen und eine über hundert Meter lange Blutspur zurückblieb, wie Tele M1 berichtete. Deutlich am schlimmsten erwischte es den Deutschen. Der Iraker hatte ihm ein 8,5 Zentimeter langes und einseitig geschliffenes Schweizer Taschenmesser mit voller Wucht in den Hinterkopf gerammt. Die Klinge brach ab. Der Chemielaborant zog sie selbst aus seinem Kopf.

Wer zuerst das Messer gezogen hatte und wer möglicherweise aus Notwehr gehandelt hatte, blieb vor dem Bezirksgericht Rheinfelden unklar. Es verurteilte den Iraker deshalb vor wegen Raufhandels und einfacher Körperverletzung zu 20 Monaten bedingt. Das Obergericht dagegen sprach ihn der versuchten vorsätzlichen Tötung schuldig und erhöhte das Strafmass auf eine Haftstrafe von 63⁄4 Jahren.

Nicht ausreichend begründet

Dagegen erhob der Asylbewerber Beschwerde und zog vor Bundesgericht. Dieses hat seine Beschwerde teilweise gutgeheissen und hält fest, das Urteil des Obergerichts sei nicht ausreichend begründet. Die Richter aus Lausanne nehmen dabei Bezug auf die Frage, ob sich die Hinterkopf-Verletzung durch Notwehr rechtfertigen respektive entschuldigen lasse. Das Obergericht ging einerseits davon aus, dass der Iraker zuerst mit dem Messer auf den Deutschen zuging. Andererseits verweise es auf das Urteil des Bezirksgerichts, wonach sich nicht mehr feststellen lasse, wer als erster auf den anderen losging. Das Bundesgericht hat das Urteil deshalb aufgehoben und an das Obergericht zurückgewiesen. Dieses muss den Fall neu beurteilen.

Stich in Hinterkopf hätte tödlich sein können

In mehreren anderen Punkten wies das Bundesgericht die Rügen des Irakers dagegen ab oder ging gar nicht erst auf sie ein. So hatte dieser bestritten, auf den Deutschen eingestochen zu haben, obwohl der Iraner das so ausgesagt hatte. Zudem bestätigte das Bundesgericht die Argumentation des Obergerichts, dass der Deutsche nur durch Zufall nicht lebensgefährlich verletzt worden sei. Der Iraker habe damit rechnen müssen, dass ein Stich mit dem Schweizer Taschenmesser in den Hinterkopf ebenso wie in den Hals- oder Nackenbereich hätte tödlich enden können. Das Bundesgericht verwies dabei auf mehrere frühere Urteile, gemäss denen tödliche Verletzungen mit einem Taschenmesser sehr wohl möglich sind.

(Urteil 6B_661/2014)