Kolumne

Mauern: verhindern, überwinden oder bemalen

Die US-Regierung unter Donald Trump will an der Grenze zu Mexiko eine Mauer bauen. Beim Gedanken daran sträuben sich der Kolumnistin Regula Laux die Nackenhaare. (Archivbild)

Die US-Regierung unter Donald Trump will an der Grenze zu Mexiko eine Mauer bauen. Beim Gedanken daran sträuben sich der Kolumnistin Regula Laux die Nackenhaare. (Archivbild)

Regula Laux schreibt in ihrer Kolumne über Wände und Mauern an Ländergrenzen und in den Köpfen der Menschen.

Every wall is a door» – zunächst klingt dieser Satz des amerikanischen Poeten Ralph Waldo Emerson (1803–1882) wie ein Paradoxon. Wände trennen, sie sperren ein oder grenzen aus. Diejenigen, die Wände ziehen, setzen klare Signale.

Es gibt verschiedene Assoziationen mit Mauern oder Wänden: Gefängnismauern, Gartenzäune, Festungen … Ich gebe zu, mir persönlich gelingen kaum positive gedankliche Verbindungen. Ausser vielleicht Kletterwände, bei denen es darum geht, sie zu überwinden, oder die wunderschönen, alten und verfallenen Steinmauern, aus denen das Unkraut seinen Weg sucht.

Die wohl absurdeste, schwachsinnigste und gleichzeitig traurigste Assoziation stellt für mich die von Donald Trump geplante Grenzmauer zwischen den USA und Mexiko dar. «Fantastisch», so sein Kommentar, als er kürzlich die Mauer-Prototypen verschiedener Baufirmen vor Ort inspizierte. Mir sträuben sich die Nackenhaare beim Anblick dieser acht Mauerstücke, akkurat nebeneinander aufgereiht in militärisch anmutender Symmetrie. Unweigerlich weckt es Erinnerungen an die Mauer um die DDR, die Deutsche Demokratische Republik, bei der mich jedes Mal ein mulmiges und beklemmendes Gefühl ergriff, wenn ich meine Freunde und Verwandten auf der «anderen Seite» besuchte.

Sie hätten nur ausgeführt, was ihnen aufgetragen war – so die häufigste Begründung bei der Aufarbeitung der Ereignisse rund um die DDR. Schon damals fragte ich mich, wie es kommen kann, dass so viele Menschen eigenständiges Denken, ja gar das Gehirn abschalten und stets «Dienst nach Vorschrift» verrichten. Doch aus Fehlern kann man lernen – so meine Hoffnung. Dass sich aber heute, fast 30 Jahre nach dem Fall der DDR-Mauer, Architekten und Baufirmen darum reissen, die nicht nachvollziehbaren Mauer-Ideen von Donald Trump umzusetzen, lässt mich arg zweifeln an der Lernfähigkeit der Menschen. Geht es hier nur um den persönlichen Profit oder gibt es wirklich Leute, die glauben, mit einer Mauer die Probleme lösen zu können?

Doch zurück zum für mich hoffnungsvollen Einstieg dieser Kolumne: «Every wall is a door.» Bedeutet wohl auch, dass sich bei jeder noch so massiv wirkenden Wand eine Tür findet. Bei den Recherchen zu unserem Buch rund um Street Art, Urban Art und Graffiti stellten wir tatsächlich fest, dass Wände – in unserem Fall bemalte oder besprayte Wände – Türöffner sein können. Türöffner zum Nachdenken über gewisse Themen, Türöffner zum Kennenlernen von Menschen, zum Austauschen von Standpunkten. In der Street Art verhelfen die Murals, die Wandgemälde, zum Netzwerken über Ländergrenzen und Ideologien hinweg.

So wird unser Buch «Every wall is a door – Urban Art: Künstler, Werke, Storys» heissen. Wir verbrachten viel Zeit damit, Street Art-Werke und Künstler in vielen Städten zu fotografieren und zu porträtieren. Und es öffneten sich uns und damit hoffentlich auch den Leserinnen und Lesern viele neue Türen …

Wenn Donald Trump tatsächlich seine Mauer-Pläne verwirklicht, was ich von Herzen nicht hoffe, so bleibt der winzig-kleine Trost, dass die neu errichtete Mauer viele Künstler inspirieren und ihnen als kilometerlange Leinwand dienen wird. Sehr zynisch, ich weiss, aber zumindest das lasse ich mir nicht nehmen!

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