Fricktal
Martin Erb: Ein Hörtest wichtiger für die Biodiversität

Martin Erb (56) ist Geschäftsführer der Tilia Baumpflege AG und Inhaber des Landwirtschafts- und Verarbeitungsbetriebes ArboVitis im Fricktal. Mit seinem Team produziert er 16 verschiedene Hochstammprodukte und 3 verschiedene Weine.

Sabina Galbiati
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Martin Erb
10 Bilder
Martin Erb auf dem Weg zum erntereifen Geschwisterchen - ein gut 50-jähriger Chriesibaum oberhalb von Frick
Dieser fast 100-jährige Chriesibäum hat ausgedient
Auch wer hoch hinaus will, kann nur ernten, was er säht
Diese Hänge auf der anderen Seite des Fricktals standen einst voller Hochstamm-Obstbäume
Das blaue Tuch fängt die Früchte auf, wenn sie die Pflücker vom Baum fallen lassen
Weil es in den vergangenen Monaten soviel regnete, sind viele Chriesi aufgeplatzt
Martin Erb (links) säubert mit seinem Team die frisch geernteten Chriesie von Stielen und Blättern
Jede Pflanze hat ihr Erkennungsmerkmal
Sind die Früchte ersteinmal aufgeplatzt, faulen sie, während andere noch nicht richtig reifen konnten

Martin Erb

Sabina Galbiati

Niederstammkulturen sind lukrativer, pflegeleichter und erzielen höhere Qualität. Warum die Hochstämmer im Fricktal dennoch kultiviert werden sollten, verrät ein Hörtest.

Herr Erb, woher kommt Ihre Liebe zu den Hochstammkulturen des Fricktals?
Martin Erb: Ich bin selber auf einem kleinen Bauernhof hier in der Region aufgewachsen. Die Ernte war die geselligste Zeit des Jahres. Die Arbeit mit den vielen Erntehelfern machte mir riesig Spass.

Und was bedeuten die Bäume für das Fricktal?
Damals galt: Ein gutes Chriesijahr ist ein wirtschaftlich gutes Jahr. Die Bauersfamilien verdienten mit den Früchten einen willkommenen Zustupf. Damit konnten sie sich eine Maschine oder eine Anschaffung leisten, die sonst nicht möglich gewesen wäre. Das war in den 60ern, 70ern. Später in den 80ern nahmen die Bestände rapide ab.

Offenbar liegt den Bauern kaum etwas an den hochgewachsenen Bäumen.
Das stimmt nicht ganz! Die Alkoholverwaltung förderte ab den 60er-Jahren die Rodung, weil sie den Konsum von Alkohol eindämmen wollte. Für jeden gefällten Obstbaum zahlte sie den Bauern einen Betrag aus und unterstützte damit wesentlich die Abholzung dieser Bäume.

Aber man muss ja nicht zwingend Schnaps brennen.
Nein, aber der Schweizer Schnaps war viel billiger als im Ausland Gebranntes. Hinzu kommt, dass sich die Landwirtschaft im Laufe der Zeit mechanisiert hat. Hochstämmer waren ab den 70ern, 80ern einfach nicht mehr rentabel, sondern standen nur im Weg. Zudem musste die Schweiz die tiefen Preise fürs Obst vom Ausland übernehmen. Heute bezahlt der Markt für ein Kilo Brennkirschen noch gut einen Franken. Pro Stunde gewinnt man maximal 10 Kilo vom Hochstämmer. Sie können selber rechnen.

Die Hochstammkulturen sind für die Bauern eigentlich ein Verlustgeschäft?
Natürlich. Diese Bäume brauchen viel mehr Pflege, die Ernte ist aufwendiger und man braucht vor allem Geduld, bis so ein Baum eine anständige Grösse erreicht. Niederstammkulturen lassen sich viel besser mit Maschinen bearbeiten, sei es bei der Ernte oder wenn man sie gegen Schädlinge schützen will.

Kommt hinzu, dass die Qualität der Früchte bei 10-Meterriesen schlechter ist.
Für Tafelobst, das eine hohe Qualität haben soll, machen Niederstämmer in der Tat mehr Sinn. Für Brennobst oder verarbeitete Produkte, wie Saft, Konfitüre oder Wähen macht die Grösse des Baumes jedoch keinen Unterschied. Im Geschmack unterscheidet sich die Qualität nicht.
Die Hochstämmer sind also eigentlich überflüssig. Brennobst kann der Bauer auch von kleinen

Bäumen gewinnen und ist dabei erst noch effizienter.
Das ist so, ja. Aber sie brauchen bloss den Hörtest zu machen. Laufen sie durch den Wald oder über ein Feld, wo hohe Obstbäume stehen und Sie werden die Biodiversität hören können. Kirschbäume sind, wie auch alle anderen Bäume, Lebensraum für unzählige Vögel und Insekten. Verschwinden die Bäume, verschwinden auch die Tiere.

Nicht alle Menschen freuen sich über Insekten, sondern wären froh, es gäbe weniger.Das mag sein. Für die Natur mit ihren vielfältigen und hochkomplexen Kreisläufen wäre das allerdings verheerend. Abgesehen davon bedeutet es auch eine massive Verarmung unserer Landschaft, wenn wir nur noch Monokulturen im Auge haben.

Aber welchen Gewinn haben wir von einer schönen Landschaft? Sie kann die Rechnungen der Bauern nicht bezahlen.
Man könnte sie aber touristisch vermarkten. Das Fricktal ist landschaftlich sehr attraktiv im Gegensatz zu unseren benachbarten Regionen. Dazu zähle ich auch Frankreich und Deutschland. Gerade bei Wanderern sind Landschaften, wie das Fricktal - nicht zuletzt wegen den Hochstämmern - heiss begehrt. Zudem kann «Kultivieren» auch bedeuten, eine grössere Artenvielfalt zu erzeugen. Das war früher noch der Fall.

Was können Grossverteiler machen, um Hochstämmer zu erhalten?
Mein Verhältnis zu den Grossverteilern ist zwiespältig. Ich traue ihnen nicht, weil sie die Preise lenken können und die tiefen Preise den Kunden in die Schuhe schieben. Ich glaube aber, dass es die Grossverteiler sind, die die Kunden erziehen, die dann letztlich nicht mehr adäquate Preise bezahlen wollen.

Dafür haben wir beim Grossverteiler aber die schönsten Kirschen.
Viele dieser Qualitätsvorschriften sind unsinnig. Aber im Laden sieht es halt einfach schön aus. Das ist wie mit den pfahlgeraden Salatgurken und den Tomaten, die nie faul werden. Industrialisierte Grossbetriebe können solche Standards viel einfacher einhalten.

Dennoch kaufen die Grossverteiler extra Hochstammchriesi, um die Bestände zu fördern.
Vorsicht! Diese Placeboübung nützt nichts bei den Preisen, die der Grosshandel bezahlt. Die einzige Lösung wäre, wenn man den Bauern einen anständigen Preis für ihre Arbeit bezahlt. Es nützt etwas, wenn die Kirschen für drei, vier Franken pro Kilo verkauft werden können, wenn der Bauer davon leben kann.

Machen Sie mit ihrem Geschäft ArboVitis dank den Früchten der Hochstämmer Gewinn?
Wir haben beispielsweise 2011 20'000 Flaschen Chriesisaft produziert. Damit wir unseren Erntehlfern einen Mindestlohn bezahlen und sie anständig verpflegen können, müssen wir für eine 4,75 dl Flasche Kirschsaft 8 Franken verlangen. Dafür sind es dann aber nicht nur Hochstammkirschen sondern am Ende hat man ein 100-prozentiges Bioprodukt in der Flasche.

Zahlen letztlich die Gemeinden den Aufpreis, den die Konsumenten berappen müssten?
So einfach ist es nicht. Es gibt Gemeinden hier in der Region, die einen einmaligen Betrag für die Pflanzung eines Hochstämmers bezahlen. Wiederum andere Gemeinden bezahlen Jährlich Subventionen.

Was wünschen Sie sich für die Region?
Dass ihre Vielfalt erhalten bleibt. Jede Lebensart, ob Tier oder Pflanze, hat ihre Daseinsberechtigung. Ihr direkter Nutzen für den Menschen darf dabei keine Rolle spielen. Ich wünsche mir auch, dass sich die Bewohner des Fricktals hier wohlfühlen Dank der Natur und nicht nur, weil es billige Chriesi zu kaufen gibt.

Nicht nur Regen macht den Hochstämmern zu schaffen

Fricktal Mäuse, Feuerbrand, Blattläuse, Menschen: Hochstammbäume kämpfen gegen viele Feinde. Lukrative Ideen zum Schutz der «Riesen» sind gefragter denn je.

In den letzten 50 Jahren verschwanden Schweiz weit über 80 Prozent der Hochstammbäume. 15 Millionen standen einst hierzulande. Von den übriggebliebenen haben einige Museumsstatus. Sie tragen Apfelsorten, die es so an keinem anderen Baum mehr gibt. Der Durchschnittskonsument fühlt sich von der Artenvielfalt beinahe erschlagen: gut 1000 Apfelsorten, 400 Birnensorten, 400 Kirschsorten und 250 Pflaumenarten stünden ihm alleine in der Schweiz zur Auswahl, würde er seine Früchte direkt bei den Bauern kaufen.
Schneiden, spritzen, untenrum mähen und ernten: Ein Hochstämmer braucht viel Pflege. Im Schnitt rechnet man für einen ausgewachsenen Baum mit 100 Franken Aufwand pro Jahr. Erst im 15. Lebensjahr wirft er seine volle Ernte ab. Ein Kirschbaum bringt es dann auf 50 bis 100 Kilo Früchte, Apfelbäume auf 150 bis 300 Kilo pro Jahr. Erste Früchte tragen die Bäume jedoch bereits ab dem dritten, vierten Jahr.
Das hätten sich die Fricktaler vor 150 Jahren kaum vorgestellt. Damals pflegte man im Tal hauptsächlich Reben. Tatsächlich gab es im 18. und 19. Jahrhundert im ganzen Kanton Aargau mehr Reben als im Wallis.

Lukrative Lösung
Heute gibt es zahlreiche Methoden, zum Schutz der Hochstammbäume. Statt sie zu Opferlämmern zu erklären, sollte man ihre Vorzüge besser vermarkten.
Beispielsweise eignen sich die hochgewachsenen Nussbäume nach 50 Jahren zur Holzgewinnung. Einziger Nachteil: Er kann dann nicht mehr als Nistheim für seltene Vogelarten dienen. Trotzdem wäre die Holzgewinnung ein kluger Kompromiss, sagen Experten.

Ernteprognose 2012
2012 wollen die Kirschen nicht so recht. Der viele Regen und die fehlenden Bienen haben ihnen zuschaffen gemacht. Im Vergleich zu 2011 lässt sich heuer lediglich ein Drittel der Menge ernten.
Bei den Äpfeln hingegen, verspricht das Jahr 2012 ein gutes Erntejahr zu werden.