In der Bildergalerie sind eine Handvoll Lächeln – das jeweils nächste Bild zeigt gleich die Auflösung.

Nun lächeln sie wieder um die Wette, die Damen und Herren Grossrats-Kandidaten. Es gibt derzeit kaum einen Kandelaber im Fricktal, an dem nicht ein Wahlgesicht prangt, an dem nicht ein Wahlhungriger ruft: «Friss mich, wähl mich!»

Ich gebe es zu: Ich fühle mich derzeit arg unwohl bei der Vorstellung, im Auto unterwegs zu sein und dabei in der Nase zu bohren (was ich natürlich nie tun würde). Denn wo ich auch gehe und stehe – ich werde beobachtet, stehe zum Teil Auge in Auge einem Menschen gegenüber, der von mir nur eines will: meine Stimme. Und, ja, auch das gebe ich zu: Ich fühle mich etwas verfolgt (nein, ich leide nicht an Paranoia) und genötigt, auch Gesichter ansehen zu müssen, in die ich eigentlich gar nicht blicken möchte.

Doch was macht es aus, dass ich gerne (oder eben nicht) in ein Gesicht blicke? Es sind vier Kriterien: Der persönliche Bezug – Gesichter, die ich kenne, haben bei mir einen Pluspunkt – oder Minuspunkt, wenn ich den Abgebildeten nicht mag. Dann kann es durchaus vorkommen, dass ich im Auto sitze und bei der Vorbeifahrt denke: «Depp!» Je nach Häufung der Plakate des Betreffenden hört sich dann das wie ein Tremolo an: «De,De,De,Depp.»

Alle Kandidaten des Bezirks Laufenburg

Zweitens sind mir Gesichter per se etwas sympathischer, wenn deren Inhaber nicht grundlegend andere (politische) Ansichten vertritt. Drittens hängt der Sympathiewert von der Qualität der Fotos ab – es ist zum Teil hanebüchen, wie unprofessionell die Fotos sind. Viertens – und das ist das zentrale Kriterium, man kann auch sagen: das Killerkriterium – blicke ich lieber in ein Gesicht, das mich anlächelt, das mir mit freundlicher Mimik zuruft: «Ich bin die, die du wählen willst. Du bist mein Wahlheld.»

Die Grins-Parade umfasst dabei sämtliche Facetten menschlicher Mundregungen. Die einen lächeln breit, andere verschmitzt, dritte verdrückt, bei vierten wirkt das Lächeln gequält. So als trete ihnen ihr Chef gerade auf die Füsse und sie hören sich sagen: «Nein, Chef, das tut gar nicht weh, nur weiter so.» Wieder andere blicken einen fast schon grimmig von den Plakaten herab an, als wollten sie einem sagen: Die Politik ist eine ernste Sache und ich bin der Ernst des Lebens. Da rufe ich zurück: Meine Stimme hast du nicht – im Ernst.

Der Zahn-Zeige-Quotient

Spannend ist auch ein Blick auf den Zahn-Zeige-Quotienten: Die einen halten die Lippen zusammengepresst, andere lassen die Zähne knapp erahnen und dritte lassen ihre Zähne regelrecht aufblitzen. Bei manch einem Zähne-Zeiger fragt man sich unweigerlich: Mit Perwoll gewaschen? Nein, per Photoshop aufgehellt. Bei anderen hingegen denkt man nur: Geh doch wieder mal zum Zahnarzt.

«Ha!», sagt sich der Hobby-Psycho-Dontologe beim Blick auf die blitzenden Beisser, kramt in seinem Wikipedia-Wissen und kann dann profund analysieren: Ein grosser Abstand zwischen den Schneidezähnen deutet auf ein grosses Selbstverwirklichungspotenzial hin, überlappende Schneidezähne dagegen auf gehemmte Menschen.

Alle Kandidaten des Bezirks Rheinfelden

Beurteilen lässt sich aber auch, wie echt das Lächeln in jenem Moment war, als der Fotograf auf den Auslöser drückte. Denn, das fand Guillaume Duchenne im 19. Jahrhundert heraus: Wer spontan lächelt, setzt zwei Muskeln ein. Der eine hebt den Mundwinkel; der andere die Wangen, sodass sich um die Augen Fältchen bilden. Bewusst steuern kann man aber nur den Mundwinkel-Muskel. Bei einem aufgesetzten Lächeln fehlen somit in aller Regel die Fältchen um die Augen. Allen Frauen sei daher gesagt: Fältchen sind nicht per se ein Horror, es gibt – analog zum guten und zum schlechten Stress – die Eu- und die Dis-Fältchen.

Der 13-Millisekunden-Deal

Wer nun denkt: Was solls, es ist ja nur ein Lächeln auf einem Plakat und das ist nun fürwahr nicht wahlentscheidend, dem sei gesagt: Der Mensch entscheidet in nur 13 Millisekunden, ob er einen anderen schön und sympathisch findet oder nicht. In den USA legten Forscher Probanden die Fotos von Kandidaten vor. Sie mussten nach einem Blick auf die Fotos sagen, ob der Kandidat gewählt wird oder nicht. Bei 70 von 100 Wahlsiegern lagen sie richtig.
Gut gelächelt, ist also halb gewonnen – und man tut dabei erst noch etwas für die Gesundheit und das Wohlbefinden. Das belegen etliche Studien. Zudem, das zeigt eine US-Untersuchung, lebt bis zu sieben Jahren länger, wer viel und breit lächelt.

Aber aufgepasst: Nicht jedes Lächeln, das einem derzeit von den Strassenlaternen herab anstrahlt, ist auch ein brüderliches! US-Psychologin Paula Niedenthal unterscheidet drei Haupt-Lächel-Arten. Zum einen ist da das Lächeln aus Freude; dieses sieht man vor allem bei jenen Kandidaten, die ihre (Wieder-)Wahl für sicher halten. Ihr Lächeln sagt: Danke, liebe Wähler, danke. Und vielleicht auch: Ja, ich weiss, ich bin der Grösste. Was uns direkt zu Lächel-Art Nummer zwei führt: dem Dominanzlächeln. Es streicht den sozialen Status hervor und signalisiert: Die Macht ist mein, du bist klein. Ein Meister dieses Lächelns war Bundesrat Moritz Leuenberger und auch Christoph Mörgeli beherrschte es, wobei er einsehen musste: Die Macht ist Schein.

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Die dritte Strahl-Art schliesslich ist das soziale Lächeln, das bekundet: Ich mag dich, ich bin dir freundlich gesinnt. Auch Schimpansen zeigen ihre freundlichen Absichten per Grimasse an – womit nun aber keinesfalls insinuiert sein soll, dass im Fricktal auch Schimpansen kandidieren.

Lächeln steckt an, haben Forscher herausgefunden. Das gilt augenscheinlich nur für das Live-Lächeln und nicht für das Lächeln ab Plakat. Denn sonst wäre ja das Fricktal derzeit ein einziges Dauer-Lächel-Land, was es definitiv nicht ist, wenn man in der Rushhour in die Fahrzeuge blickt und die wild fuchtelnden, sonderbare Worte absondernden Mitmenschen sieht.

Die Grossratskandidaten haben, ganz nebenbei bemerkt, Glück, dass sie nur ab den Plakaten dauerlächeln müssen und nicht von ihnen erwartet wird, dass sie sich – wollen sie gewählt werden – auch im wirklichen Leben als Rund-um-die-Uhr-Grinser präsentieren. Denn Dauerlächeln macht krank. Das hat Dieter Zapf von der Universität Frankfurt herausgefunden. Dauerlächler sind Burnout-gefährdeter und anfälliger für Depressionen.

All jenen, die ob der Dauer-Lächel-Parade um sie herum zunehmend in Depressionen zu fallen drohen, sei ermunternd zugerufen: Noch viereinhalb Wochen. Dann ist die Lächelfraktion wieder weg.

AZ Vimentis Wahlhilfe 2016