Herr Haller, wie geht es Ihrem Balkon?

Christian Haller: Danke der Nachfrage, dem Balkon geht es gut. Nachdem das Hochwasser vor zwei Jahren unsere Terrasse weggerissen hatte, mussten wir eine neue Lösung finden. Dank Beton und Armierungseisen steht nun ein Balkon und zwar auf sicherem Grund.

Auch das Leben baut auf einem Fundament auf. Man geht wie beim Balkon ganz selbstverständlich davon aus: Es trägt. Ein Trugschluss?

Das kann es sein. Als ich am Fenster stand und hinabblickte, wo einst unsere Terrasse gewesen war, als ich die Risse und Gefährdungen im Gemäuer sah, hatte ich die Empfindung, diese tiefgerissene Wunde des abgestürzten Hausteils sei wie ein Bild für die Befindlichkeit, in der ich mich damals befand.

Gibt es Sicherheit überhaupt?

Man geht davon aus, muss es wohl auch, um leben zu können. Man ist sich dabei oft nicht bewusst, dass die Fundamente des Lebens auch an einem Fluss liegen, jenem der Zeit. Wie der Rhein die Ufer umspült, arbeitet die Zeit an unseren Lebensgrundlagen. Und plötzlich bricht etwas weg, bringt das Leben ins Strudeln.

Sie schreiben in Ihrem neuen Roman, dass Sie nichts empfunden haben, als Sie die Zerstörung an Ihrem Haus sahen, dass Sie einfach funktionierten. Trägt der Mensch ein Notprogramm in sich?

Das weiss ich nicht. Ich habe in meinem Leben jedoch erfahren, dass in dem Moment, den ich als Katastrophe erkenne, ich nur die Notwendigkeit des Handelns spüre, um schlimmere Folgen zu vermeiden. Es ist ein Zustand einer gewissen Kälte, des Funktionierens. Das Verlustgefühl oder, je nach Ereignis, die Trauer, kommt jeweils erst später.

Je genauer die Ingenieure das Fundament des Hauses untersuchten, desto mehr Problemfelder und Fragestellungen entdeckten sie. Ging es Ihnen bei der Arbeit am neuen Buch auch so?

Natürlich, denn das Buch will ja genau das sein: ein Graben auf die eigenen Fundamente zu und eine Suche nach den Grundstrukturen, die in mir angelegt sind, die mich diesen einen Weg gehen liessen, der nicht schon vorgezeichnet ist. Fragestellungen wie: «Wie findet man seinen Weg?» oder «Was begegnet einem auf diesem Weg?» begleiten dauernd die Geschichte.

Sie geben Ihre Erinnerungen, selbst jene an die frühe Kindheit, in einer Präzision wieder, die erstaunt. Haben Sie ein derart gutes Erinnerungsvermögen oder ist vieles der literarischen Freiheit geschuldet?

Ich habe ein sehr gutes Erinnerungsvermögen. Gewisse Ereignisse haben sich eingebrannt, sind bis heute präsent geblieben. Ob alles genau so war, ist eine andere Frage. Denn Erinnerungen werden ständig neu formiert. Ruft man eine Reminiszenz ab, wird sie danach nicht mehr gleich abgelegt, sie wird mit einer Fiktionalisierung angereichert. Trotzdem bleiben es meine Erinnerungen und mit diesen arbeite ich, weil ich nur diese habe.

In Ihren Erinnerungen taucht ein Vater auf, der sich bisweilen in seiner Wut verloren hat, und eine Mutter, die dann nicht eingriff. Was wog für Sie schwerer?

Ein Kind hat keine Vergleichsmöglichkeiten, es lebt in der unmittelbaren Situation. Dass sich der Vater in eine Wut hineinsteigerte, konnte ich noch eher einordnen. Dass die Mutter danebensteht und nicht eingreift, war schwieriger zu verstehen. Aber man muss auch berücksichtigen: Die Zeit damals war eine ganz andere als die heute. Und körperliche Züchtigungen, auch in der Schule, gehörten ins Repertoire der erzieherischen Methoden.

Sie brachen, so schreiben Sie in einem kurzen Satz, als junger Mann den Kontakt zu den Eltern ab. Liessen Sie ihn wieder zu?

Ja, der Kontakt fand sich auf gute Art wieder, führte sogar zu einem freundschaftlichen Verhältnis gegenseitigen Respekts.

In Ihrem Roman gibt es eine Szene, die mir als Leser besonders unter die Haut ging: Sie sehen Ihren Vater im Auto des Grossvaters – und er bricht zusammen. Hat Sie dieser Moment verändert?

Es war für mich ein traumatischer Moment. Bis dahin war mein Vater für mich stets ein Symbol von Verlässlichkeit, von Wissen, von Stärke. In diesem Moment brach das Bild in sich zusammen. Warum ich den Moment, der ja ein zufälliger war, erleben musste, weiss ich nicht. Er veränderte mein Leben schlagartig.

Prägt dieser Moment noch heute?

Er ist Teil von mir, längst vernarbt zwar, aber immer spürbar. Von diesem Moment an wollten die Buchstaben nicht mehr so wie ich, verdrehten sich. Die Legasthenie kam in diesem Augenblick zum Vorschein. Noch heute vertauschen sich manchmal die Buchstaben, ohne dass ich es merke.

Das ist für einen Wortkünstler, einen Menschen der Buchstaben, doppelt schwierig. Wie gingen Sie mit der Schreib- und Leseschwäche um?

Man kann aus einem Defekt immer auch eine Stärke machen. Am Anfang war es nur katastrophal, meine schulischen Leistungen waren im Keller. Ich musste mir eine Strategie zurechtlegen, um mit diesem Defekt durch die Schule zu kommen. Ich musste den Defekt kompensieren. Eine Strategie war: Wenn ein Diktat angesagt war, lernte ich den Text auswendig schreiben. (Lacht.) Ich hörte dem Lehrer gar nicht zu und schrieb bisweilen mehr, als er diktiert hat.

Sie setzen den Schlusspunkt unter diesen ersten Roman von zwei noch folgenden just an jener Stelle, als der Erzähler durch eine Notiz von Pipa, der Freundin, aus seinem abgekapselten Schreibraum geholt wird – und ihn die Angst ereilt, Pipa zu verlieren. Weshalb genau da?

Weil dort die erste Zäsur erfolgt ist. Die Strategie des Ich-Erzählers, sich immer einen Rückzugsort zu schaffen, an dem er sich der Gegenwart entziehen kann, kommt genau an dem Punkt zu einem Ende. Dem Ich-Erzähler bleibt nichts anders übrig, als aus den verborgenen Ufern herauszutreten und einen Weg über den Fluss in die Gegenwart zu finden. Er muss sich der Welt stellen.

Und wie war dieses Heraustreten?

Dies zu untersuchen, wird meine nächste Aufgabe sein. Doch so viel lässt sich sagen: Es war nicht einfach. Doch es ist wie bei diesen Rückzugsgebieten im neuen Roman, die der Ich-Erzähler sich schafft. Wenn ich etwas will, dann setze ich alles daran, es auch zu erreichen. Das ist bis heute so geblieben. Ohne diese Fähigkeit könnte ich keinen Roman schreiben. Man kann es Biss nennen, man kann es als grosse Disziplin beschreiben. Wenn ich etwas anfange, dann will ich es bei allen Schwierigkeiten doch zu Ende bringen.

Was hilft, daran zu bleiben?

Für mich ist es die Bestimmung. Die Literatur war für mich die einzige sich zeigende Möglichkeit, mich in dieser Welt zurechtzufinden. Für mich war sehr früh klar, dass ich nur diesen einen gangbaren Weg habe – und dass kein anderer mir offensteht.

Dieser Weg war voller Weggabelungen. Nicht immer erwischten Sie im ersten Anlauf die für Sie bestimmte Abzweigung. Brauchte es Grösse, umzukehren?

Ehrlichkeit den eigenen Irrtümern gegenüber. Mein Lebensweg war nicht vorgezeichnet, er musste immer neu gefunden werden. Ich oszillierte von der Archäologie über das Theater langsam zur Verschriftlichung. Auch hier fand ich mich nicht auf Anhieb zurecht. Ich schrieb zuerst Gedichte, dann Märchen, dann Belletristik. Dieses Suchen war immer auch mit vielen Zweifeln und Unsicherheiten behaftet. Sie waren wichtig für den Prozess des Findens.

Dieses Finden ereilt Sie bisweilen wie ein Blitz: Sie bleiben stehen und wissen auf einmal, was zu tun ist. Erlebten Sie solche Momente oft?

Ja, solche Momente erlebe ich bis heute immer wieder. Auf einmal ist die Antwort da, ich weiss von einer Sekunde auf die andere, was zu tun ist. Es ist ein starkes Gefühl, etwas tun zu müssen, das mir keine Wahl mehr lässt. Die Entscheidung, Zoologie zu studieren, war ein solcher Moment. Ich wollte nie studieren, doch plötzlich spürte ich: Du musst. (Lacht.) Ich habe das Studium nie bereut.

Gab es einen Entscheid, den Sie bereut haben?

Diese Frage ist müssig. Ich kann sie nicht beantworten, weil mein Leben ja dann ganz anders verlaufen wäre. Jede Entscheidung schliesst anderes aus und diesen Ausschluss muss man akzeptieren. In unserer Welt wollen viele Menschen sich stets alle Optionen offenhalten. Es ist aber eine der grossen gesellschaftlichen Lügen zu glauben, man habe stets alle Optionen. Wenn man genau hinsieht, werden einem immer nur die Anfänge gegeben. Den grossen Rest muss man selber bewältigen.

Bei der Erarbeitung Ihres Buches sind Sie in den Erinnerungen vielen Personen wieder begegnet. Wissen Sie, was aus Ihnen in der Realität geworden ist?

Sicher, zu vielen habe ich bis heute Kontakt.

In vielen dieser Begegnungen und Beziehungen schwingt eine Angst vor dem Verlassen-Werden mit. Woher rührt sie?

Es sind früh angesetzte Strukturen, die sich im Leben als Ängste auswirken. Sie begleiten den Ich-Erzähler. Er kompensiert diese Ängste, indem er sich bewusst nicht in Situationen begibt, in denen er verlassen werden kann oder bricht eine Beziehung ab, damit es nicht zum Verlassen-Werden kommt.

Keine gesunde Strategie. Kann man sie ablegen?

Man möchte schon, nur können tut man nicht. Alles, was frühkindlich angelegt ist, trägt man sein Leben lang mit. Was man aber tun kann: Sich mit diesem «Urtümlichen» auseinandersetzen, sich mit ihm bekannt machen. Dann weiss man: «Ach, du bist es wieder» und kann besser mit der Situation umgehen. Sich selber kennen zu lernen, auch in seinen Defekten, bietet die Chance, besser mit diesen Defekten zu leben. Lässt man sie einfach wirken, können sie auch in der Gegenwart eine verheerende Wirkung haben.

Dieses Sich-in-sich-Begegnen setzt ein Reflexionspotenzial voraus.

Sicher und es setzt ein Du voraus: Man kann sich ohne ein Du nicht kennen lernen, man muss ein Gegenüber haben. Am Anfang steht dabei die Bereitschaft zu Selbstreflexion. Nur wenn man prüft, was man ist, was man macht, beginnt man zu leben und wird nicht mehr gelebt.

Man kann auch von Worten verlassen werden, gerade im Alter. Haben Sie als Schriftsteller davor Angst?

Ich mache mir darüber Gedanken, darum komme ich nicht herum. Ich bin ja täglich mit der Sprache beschäftigt. Ich merke selber, wie sich das Denken verlangsamt, mir Wörter, die ich eben noch gewusst habe, auf einmal entfallen. Ich frage mich: Wie lange kann ich noch schreiben? Wie lange steht mir die Sprache, wie lange der schöpferische Impetus noch zur Verfügung? Von der Strategie der Verdrängung halte ich nichts. Ich sehe lieber hin, sage: Komm zu mir, Sprache, lass dich anschauen. Wo bröckelt es, wo sind deine kariösen Stellen?

Ein Bild ist einmal gemalt. An Worten lässt sich immer weiterarbeiten. Wie wissen Sie: Das ist es jetzt?

Ein Buch zu schreiben ist ein Prozess, eine dauernde Weiterentwicklung. Jeder Roman hat mehrere Fassungen, der neue deren elf. Aber jedes Werk, will es valabel sein, hat eine tiefeingeschriebene Grundstruktur. Diese kann, ist sie einmal gesetzt, nicht mehr beliebig geändert werden. Das ist bei einem Roman nicht anders als bei einem Bild. Und bei beiden gibt es die Feinarbeit, das Justieren. Man formt an Sätzen, an Szenen, arbeitet das heraus, was zur Darstellung kommen will. Das ist Knochenarbeit. Ich bin kein Befürworter des grossen Bauchgefühls, das sind Irrtümer von Dilettierenden.

Wann findet man den Schlusspunkt?

Auch der ist nicht scharf. Beim neuen Roman hatte ich plötzlich das Gefühl: Ich mag nicht mehr. Er stand mir gegenüber, der Roman, und streckte mir die Zunge heraus. Wir beide kamen nicht mehr gut aus zusammen und ich sagte: Geh. Das war der Moment, an dem ich den Schlusspunkt setzte.

Sie sagen: «Was zur Darstellung kommen will». Das tönt nach: Es schreibt mit mir.

Beim Schreiben wird das noch nicht Gewusste zur Form. Das Unbewusste beginnt, sich ins Bewusstsein hineinzuformen. Das macht das Schreiben für mich interessant. Ich erfahre etwas, von dem ich noch nichts weiss. Wenn ich nur schreiben würde, was ich bereits weiss, wäre das Geschriebene ohne Poesie. Das bereits Gewusste reicht nicht für Literatur.

Was ist das Nichtgewusste, das Sie im neuen Roman zum Vorschein brachten?

Vieles war mir in dieser Schärfe vorher nicht klar. So etwa, wie stark der Ich-Erzähler seine Rückzugsräume ausformuliert hat, wie er sich selber herausgenommen hat, in eine Distanz zu allem belastenden Gegenwärtigen setzte und sich in eine Vergangenheit zurückzog. Aber auch, welche Kraft darin lag.

Das Schreiben ist also auch ein Arbeiten an sich selber. Ist diese Arbeit je beendet?

Natürlich nicht. Aber als Schriftsteller gibt es einen Punkt, an dem man seine Sprache, seine Mittel gefunden hat. Es ist der Punkt, an dem man seine Vorbilder ziehen lassen kann und auch in der Sprache ganz sich selbst ist. Das heisst aber nicht, dass man die gefundenen Mittel nun einfach beliebig oft abspult. Man muss sie weiterentwickeln, sonst bleibt man stehen.

Mir scheint, nicht wenige wollen stehen bleiben – weil sie mit genau dem Stil Erfolg haben.

Der Erfolg hat immer ein fixierendes Moment. Er nagelt einen fest. Das ist künstlerisch eine grosse Gefahr.

Welchen Bezug haben Sie zu ihren früheren Büchern?

Im Gegensatz zu Kollegen, die das einst Entstandene verwerfen oder gar vernichten, habe ich ein eher gelassenes Verhältnis zu meinen früheren Werken. Ich spüre darin noch immer, worum es mir gegangen ist. Natürlich würde ich es heute anders machen, denn ich bin ja auch ein anderer. Aber ich respektiere das, was damals entstanden ist, auch wenn ich Töne darin höre, die nicht meine waren, sondern die von grossen Vorbildern.

Sie haben den Roman nun losgelassen. War das ein befreiender Moment?

Zum einen sicher. Aber es ist gleichzeitig der Moment, wo ich in meinem Arbeitszimmer stehe und denke: Was nun? Was fange ich mit mir an? (Lacht.) Und dann tauchen die postnatalen Beschwerden auf. Ich frage mich, ob es stimmig ist, was ich gemacht habe. Zweifel brechen hervor. Es ist wie ein Abnabeln. Unser Gespräch ist das erste, das ich über das Buch führe. Es fällt mir noch schwer, denn ich bin noch mitten im Text, habe noch kaum Distanz gewonnen. Diese Distanz, dieses allmählich Hinübergleiten auf die Metaebene braucht es aber, um darüber sprechen zu können.

Es wird nun in den nächsten Wochen auch viel über Ihren Roman geredet und geschrieben. Wie stark beschäftigt Sie, wie der Roman aufgenommen wird?

Das beschäftigt mich stark. Umso mehr, weil es ein sehr persönlicher Stoff ist. Ich lasse Nähe zu und diese macht mich verletzlich. Ich bin dem ausgesetzt, was auf mich herabprasseln wird. Ist es harsche Kritik oder sogar Ablehnung, geht das ganz schön an die Nieren.

Was beschäftigt Sie mehr? Eine negative Reaktion oder eine positive, bei der man sagen muss: Der Kritiker hat den Roman von vorne bis hinten nicht verstanden?

(Lacht.) Beides ist äusserst unbefriedigend. Bei Letzterem fragt man sich: Was habe ich bloss falsch gemacht, dass ein professioneller Leser das so verkehrt verstehen kann? Wenn jemand mein Buch einfach ablehnt, was kann man da machen? Was antworten Sie jemandem, der sagt: Ich mag Sie einfach nicht.

«Die verborgenen Ufer» sind der erste Band einer Trilogie. Wie spüren Sie den Moment, wenn es Zeit ist, zum zweiten Ufer aufzubrechen?

Das kommt von innen heraus. Der neue Stoff beginnt sich auf einmal zu regen, drängt, will heraustreten. Dann ist es Zeit.