Oeschgen

«Man erlebt die Welt viel intensiver»: Warum dieser Fricktaler bis zu zwei Mal im Jahr fastet

Faster Fricktal

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Bernhard Lindner fastet ein- bis zweimal pro Jahr eine Woche lang. Im Gespräch mit der «Aargauer Zeitung» erklärt der 56-jährige Erwachsenenbildner und Gemeindeleiter, warum er sich das antut.

Ich gebe es zu: Ich esse fürs Leben gerne und die Vorstellung, mehrere Tage am Stück nichts, rein gar nichts zu essen, löst in mir ein Gefühl aus, das irgendwo zwischen Unbehagen und Panik liegt. Kein Züri Geschnetzeltes, keine Suppe, ja nicht einmal ein winzig-kleiner Brotkrümel. «Komm ja nicht auf die Idee», mahnt mich mein Magen just jetzt, beim Schreiben.

Doch: Fasten liegt im Trend, nicht nur jetzt, während der Fastenzeit. Heilfasten nennt sich das und soll, so liest man allenthalben, Körper und Seele guttun. Ist dem so? Was motiviert einen Menschen zu fasten, ja: sich selber zu kasteien?

Bernhard Lindner, 56, Erwachsenenbildner und Gemeindeleiter von Oeschgen, lacht. Vielleicht auch, weil er sich an jene Zeit zurückerinnert fühlt, in der er selber nicht viel vom Fasten hielt. «Ich dachte lange, das ist nichts für mich.» Bis 2003. Da trat er seine Stelle als Erwachsenenbildner an und erbte von seinem Vorgänger auch eine Fastengruppe. «Ich wollte sie weiterführen», erzählt er. Doch dazu musste er zuerst einmal am eigenen Leib erfahren, was es heisst, zu fasten.

Nervös sei er vor seiner ersten, sechstägigen Fastenrunde nicht gewesen, erzählt Lindner. Eher gespannt, wie der Körper auf die nahrungslose Zeit reagiert, wie schwer es falle, nichts zu essen, und ob er es durchhalte. Lindner staunte selber, wie leicht es ihm fiel. «Zentral ist die Vorbereitung», sagt er, «man muss den Darm vollständig entleeren.» Das bewirke, dass der Hungerschalter auf «Off» gestellt werde.

Lindner sieht meinen skeptischen Blick, hört vielleicht auch das leise Grummeln meines Magens. «Es ist wirklich so: Man hat keinen Hunger.» Wichtig sei, dass man während des Fastens genügend trinke. Wasser, Fruchtsäfte, Bouillon, Tee. «Kaffee dagegen ist nicht empfehlenswert.»

Auf sich selber zurückgeworfen

Lindner kommt in Fastenfahrt. Es sei befreiend, wenn der Körper nicht mehr verdauen müsse. «Man erlebt die Welt um sich herum viel intensiver.» Gerüche, Laute, visuelle Eindrücke – «man ist näher dran». Auch an sich selber. «Es ist eine gute Selbsterfahrung», sagt Lindner. Man ist auf sich selber zurückgeworfen, reflektiert sich und auch seine Essgewohnheiten. «Man ist wie auf Null gestellt», beschreibt er den Unterbruch.

Rasch an den Kühlschrank gehen, um sich abzulenken – geht nicht. Ein Stück Schokolade als Seelentröster – ist nicht. «Man macht sich automatisch Gedanken über seine Essgewohnheiten», so Lindner. 2004, nach seiner ersten Fastenzeit, hörte er auf, Kaffee zu trinken, und stellte auf Tee um. «Bis dahin war ich ein solider Kaffeetrinker», erzählt er. Nach der Fastenzeit schmeckte ihm der Kaffee nicht mehr.

Wieder muss Lindner ob meiner Vorstellung, das Fasten mache schlapp, schmunzeln. «Man ist sicher nicht zu Höchstleistungen fähig und sollte die Fastentage auch nicht auf eine Prüfungszeit legen», sagt er. «Aber den Alltag prästiert man problemlos.» Vielleicht sogar mit einem Lächeln mehr auf den Lippen, denn: «Der Körper schüttet beim Fasten Endorphine aus.» Fast so, wie wenn man ein Stück Schokolade isst – «mit dem grossen Unterschied, dass man nicht zunimmt.»

Während der Fastenwoche purzeln auch bei Lindner die Pfunde; er verliert jeweils zwischen zwei und fünf Kilo. «Die sind aber meist schnell wieder zurück», gibt er zu. Denn er sei zum einen kein Asket. «Zum anderen vergisst der Körper mit der Zeit, was er beim Fasten gelernt hat.» Weihnachten kommt bestimmt.

Als Schlankheitskur taugt das Heilfasten für Lindner nicht. «Länger als sechs oder sieben Tage am Stück sollte man nicht fasten», mahnt er. «Sonst kann der Körper Schaden nehmen.» Es gehe beim Heilfasten zudem nicht um Heilung, betont er. «Es ist vielmehr eine heilsame Übung, die mein eigenes Selbstgefühl stärkt und die Selbstheilungskräfte des Körpers mobilisiert.» Manch ein Teilnehmer seiner Fastengruppe fühlt sich während und nach der Fastenzeit fitter, hat das Gefühl, dass die Beschwerden weniger geworden sind.

Kochtag weiter durchgeführt

Ebenfalls unbegründet sei die Angst, so Lindner, dass man um jede Küche einen weiten Bogen machen müsse. «Als unsere Kinder noch klein waren, hatten wir einen traditionellen Vater-Kind-Kochtag», erzählt er. Dieser habe er jeweils auch während seiner Fastenzeit – Lindner fastet ein- bis zweimal pro Jahr – aufrechterhalten. «Das ging problemlos», sagt er, überlegt kurz und fügt dann hinzu: «Nur das Abschmecken funktionierte nicht.»

Gemeinsam zu kochen, in der (Familien-)Gemeinschaft zu essen, bedeutet Lindner viel. Zumindest Letzteres ist während des Fastens nicht möglich. «Man nimmt sich aus dem Essprozess mit der Familie heraus und es mutet auch komisch an, wenn man eingeladen ist und nur dasitzt, während alle anderen essen.» Dies ist für Lindner einer der wenigen Nachteile des Fastens. «Den nehme ich aber in Kauf, die Vorteile überwiegen klar.»

Wichtig sei, so Lindners Rat an alle Fastenneulinge, das Fasten gut zu planen und das Fasten auch mit der Familie zu besprechen. «Denn der Körper kommt beim Fasten in einen anderen Rhythmus», sagt er. «Oft ist das Schlafbedürfnis oder der Wunsch nach Eigenzeit höher.»

In der Gruppe zu fasten, wie es Lindner ab Sonntag in Sulz wieder tut, empfindet er als «grosse Hilfe». «Man teilt die Erfahrung und kann sich gegenseitig stützen.» Und gemeinsam das «Fastenbrechen» feiern, jenen Moment also, in dem man das erste Mal wieder etwas isst. Ein Stück Brot und einen Apfel. «Das ist jeweils ein ganz besonderer Moment», sagt Linder. Denn: «Auch ich esse gerne.»

Fastenwoche «Weniger ist mehr» mit Bernhard Lindner vom 19. bis 24. März im Pfarreiheim Sulz. Informationen erteilt bernhard.lindner@kathaargau.ch.

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