Laufenburg (D)

Mahnmale gegen Fremdenhass: Zwei Stolpersteine erinnern an das Schicksal des jüdischen Ehepaares Löwenstein

Das Sägewerk im badischen Laufenburg gehörte ab 1920 der jüdischen Familie Löwenstein.

Das Sägewerk im badischen Laufenburg gehörte ab 1920 der jüdischen Familie Löwenstein.

Auf dem Dampfsäge-Areal nahe dem des Laufenparks in Laufenburg (D) soll dereinst ein Baumarkt entstehen. Bis zu seinem Abriss im Januar 2016 stand hier über 140 Jahre lang ein grosses Sägewerk. Es gehörte ab 1920 der jüdischen Familie Löwenstein. Der ehemalige Geschichtslehrer Manfred Fögele berichtet, was man sich in Laufenburg lange über die Löwensteins erzählte: Die Nazis hätten sie enteignet, die Familie sei nach Amerika emigriert, nach dem Krieg hätten die Löwensteins ihren Besitz wieder zurückerhalten und die Dampf­säge schliesslich verkauft.

Doch das war nur die halbe Wahrheit. Denn in die rettenden USA schafften es nur die jüngeren der sechs Löwenstein-­Geschwister. Siegfried, der Älteste und Geschäftsführer der Dampfsäge, sowie seine Frau Emilie wurden von den Nazis 1942 nach Ostpolen deportiert. Dort verliert sich ihre Spur. 1949 werden sie für tot erklärt. An beide Nazi-Opfer erinnert jetzt ein sogenannter «Stolperstein». Er wurde auf Initiative von Fögele und dessen Lehrerkollegen Malte Thomas vor dem letzten Laufenburger Wohnsitz der Löwensteins verlegt.

Persönliche Dokumente fehlen

Wir wissen wenig über Siegfried und Emilie Löwenstein. Weder Zeitpunkt noch Ort ihres Todes sind bekannt. Persönliche Dokumente fehlen. So ist es bei den meisten der vielen Millionen Menschen, die in den 1930er- und 1940er-Jahren von den Nazis aufgrund deren rassistischer Ideologie zuerst stigmatisiert und diskriminiert, dann ausgeraubt, verfolgt, deportiert und schliesslich namenlos ermordet wurden.

Siegfried Löwenstein wird 1875 in Rexingen bei Horb geboren, er hat fünf Geschwister. Seine Frau Emilie, geborene Rosenthal, kommt 1883 in Beerfelden im Odenwald als eines von sieben Geschwistern zur Welt. Beide sind jüdischen Bekenntnisses. Wann Siegfried und Emilie sich kennen lernen und heiraten, wissen wir nicht. Das kinderlose Ehepaar zieht nach dem Ersten Weltkrieg von Bad Cannstatt nach Laufenburg. Siegfried ist zu diesem Zeitpunkt 43, Emilie 35 Jahre alt.

Die direkt an der Grenze zur Schweiz gelegene badische Kleinstadt hat zu dieser Zeit keine 800 Einwohner. Bereits seit Ende der 1870er Jahre steht hier in unmittelbarer Nachbarschaft des Güter- und Personenbahnhofs ein grosses Sägewerk. Dieses erwerben die Gebrüder Siegfried und Salomon «Sally» Löwenstein zusammen mit Salomons Ulmer Schwiegervater Jakob Fröhlich 1920.

Als Geschäftsführer des Dampfsägewerks gehört Siegfried Löwenstein zur Wirtschaftselite des Städtchens. Mit seiner Frau Emilie lebt er in einer dreistöckigen Villa am Südrand des Firmengeländes. Zu seinen Kunden gehört sicherlich auch die Stadt. Denn unter dem seit 1924 amtierenden Bürgermeister Alois Häffner nimmt die öffentliche wie private Bautätigkeit in der Stadt stark zu.

Mit der Machtergreifung durch Adolf Hitler und dessen Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 ändert sich für die Löwensteins fast alles zum Schlechten. Etwa 2000 antijüdische Gesetze oder Verordnungen werden erlassen. Sie haben das Ziel, jüdische Deutsche und auch ihre Nachkommen auszugrenzen und als Volksfeinde zu diffamieren.

Siegfried Löwenstein wurde in Schutzhaft genommen

Auch Siegfried und Emilie Löwenstein bekommen dies zu spüren. Bereits 1933 beklagt sich Alfred W., ein innerörtlicher Konkurrent Löwensteins, in der NS-Zeitung «Der Alemanne» über die angebliche Bevorzugung des «Juden». Darauf habe ihm Löwenstein Rache geschworen und fortan bei den Bauern sämtliches Rundholz aufgekauft, so dass seinem eigenen Sägewerk zu wenig geblieben sei. «In den Jahren 1924 bis 1936 hatte ich sehr schwer unter dem Juden zu leiden», schreibt W. im September 1938 an das Badische Finanz- und Wirtschaftsministerium.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 kommt es in ganz Deutschland zu von den Nazis organisierten Ausschreitungen gegen Juden. Etwa 100 Menschen werden dabei ermordet, Hunderte Synagogen in Brand gesteckt, Tausende Geschäfte und Wohnungen demoliert. Nach dem Pogrom, der sogenannten Reichskristallnacht, verschleppen Polizisten und Angehörige von NS-Organisationen rund 30000 Männer in Konzentrationslager. Darunter ist auch Siegfried Löwenstein.

Der Laufenburger Geschäftsmann wird am 11. November als sogenannter «Aktionsjude» zur «Schutzhaft» in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert. Siegfried Löwenstein, Häftlingsnummer 20690, bleibt fast einen Monat lang dort und wird am 7. Dezember 1938 entlassen. Wenige Tage danach verkaufen er, sein inzwischen in die Schweiz emigrierter Bruder Salomon und dessen Frau Johanna am 17.Dezember 1938 die Dampfsäge. Doch es ist nicht Konkurrent Alfred W., der wie von ihm erhofft von dem erzwungenen Geschäft profitiert. Neue Eigentümer ist unter anderem Josef W., ein Bankkaufmann und NSDAP-Funktionär aus Todtmoos. Der Verkaufserlös in Höhe von 1,98 Millionen Reichsmark kommt auf ein Sperrkonto. Salomon Löwenstein wird nach dem Krieg im Restitutionsverfahren erklären, nie etwas von diesem Geld gesehen zu haben.

«Dampfsäge ist in arische Händen übergegangen»

Die neuen Eigentümer wechseln als erstes den zweiten Geschäftsführer der Firma aus. «Das Dampfsägewerk Laufenburg ist nunmehr, wie erfreulicherweise gemeldet werden kann, in arische Hände übergegangen», meldet am 28. Februar 1939 die Lokalzeitung.

Siegfried und Emilie Löwenstein ziehen am 6. April 1939, mittlerweile 63beziehungsweise 56 Jahre alt, von Laufenburg nach Stuttgart. Im Zuge der «Arisierung» des Hausbesitzes dürfen «Juden» ihre Wohnung nicht mehr frei wählen, sondern müssen in sogenannten «Judenhäusern» leben. Siegfried und Emilie Löwenstein wohnen zunächst in einem Haus an der Wernlinstrasse 6, das Siegfrieds Bruder Moritz gehört, ziehen dann zu einer Schwester von Emilie Löwenstein und schliesslich in eine Wohnung am Salzmannweg 8, wo Siegfrieds Bruder Moritz bis zu seiner Emigration lebte. Dies wird die letzte bekannte Adresse des Ehepaars.

Ins «Ghetto ohne Mauern» deportiert

In einer Villa am Grossen Wannsee in Berlin kommen am 20. Januar 1942 Vertreter der Reichsregierung und von SS-Behörden zusammen. Sie beraten, wie die physische Vernichtung der in Europa lebenden Juden zu organisieren sei. Dokumente der Wannseekonferenz geben die Zahl der Personen in Europa, die einmal der Deportation zugeführt werden könnten, mit 11 Millionen an. Siegfried und Emilie Löwenstein sind zwei davon.

Anfang März 1942 ordert die Gestapoleitstelle Stuttgart bei der Reichsbahn einen Deportationszug. Als sein Ziel wird Izbica bestimmt, eine kleine Stadt in Ostpolen. Von den ursprünglich etwa 6000 Einwohnern Izbicas sind über 80 Prozent meist orthodoxe Juden. Izbica wird zum «Ghetto ohne Mauern». Den jüdischen Bewohnern ist es bei Todesstrafe verboten, die Ortsgrenzen zu überschreiten. Über Lebensmittelkarten erhalten sie eine tägliche Ration von 120 Gramm Brot. Hierher werden nun Juden und als Juden Verfolgte aus Deutschland, Tschechien, Österreich, der Slowakei und Luxemburg deportiert. So kommen in etwas mehr als einem halben Jahr mindestens 13866 Menschen nach Izbica. Um dort Platz für weitere Neuankömmlinge zu schaffen, deportiert die SS bald Juden in Vernichtungslager.

Von ihrer auf 26. April 1942 festgesetzten Deportation erfahren Siegfried und Emilie Löwenstein etwa einen Monat vorher. Das Schreiben über die «Umsiedlung» kommt von der Jüdischen Kultusvereinigung. Diese muss im Auftrag der Gestapo alle zur Deportation vorgesehenen Personen informieren. Die Angeschriebenen müssen sich zu einem bestimmten Zeitpunkt auf dem Killesberg einfinden. Sammelstelle ist die für die Reichsgartenschau 1939 erbaute Ehrenhalle für den Reichsnährstand.

Mit zwei Wolldecken in den Zug nach Polen

Polizeibeamte durchsuchen die Einbestellten und ihr Gepäck nach Bargeld, Devisen, Schmuck, Waffen und Munition. Erlaubt sind die Mitnahme lediglich eines Koffers oder Rucksacks, bis zu zwei Wolldecken, ein Kissen und als einziges Zahlungsmittel Reichskreditkassenscheine im Wert von 50 Reichsmark. Gemäss einer Verordnung vom 25. November 1941 verliert jeder Jude «mit der Verlegung des gewöhnlichen Aufenthalts ins Ausland» die deutsche Staatsangehörigkeit und sein Vermögen fällt an den Staat. Das Generalgouvernement, wie der von den Deutschen besetzte Teil Polens jetzt heisst, und in dem Izbica liegt, ist Ausland.

Gleich 626 anderen schleppen Siegfried und Emilie Löwenstein am 26. April 1942 dann ihr Handgepäck die 2,5Kilometer vom Killesberg hinab zum Nordbahnhof, von wo aus der Reichsbahnzug Da 56 sie nach Izbica bringen soll. Sie sind jetzt 66 und 59 Jahre alt. Es sind auch Luxemburger und Badener dabei. Einer der badischen Deportierten kommt ganz aus der Nähe Laufenburgs: Isak Günzburger, ein 56-jähriger geschiedener Arbeiter aus Albbruck, wie die Transportliste vermerkt. Ob er und das Unternehmerehepaar sich begegnet sind? Nach drei Tagen Fahrt kommt der Zug am 29. April 1942 in Izbica an.

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