Kolumne
Machiavellismus im Fricktal: Das macht uns krank!

Christoph Grenacher über das Schattenboxen um die Zukunft des Gesundheitszentrums Fricktal.

Christoph Grenacher
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«Wenn es darum geht, die Mechanik der Machtpolitik aufzuzeigen, können wir auch in unserer Region bleiben – beispielsweise beim Gesundheitszentrum Fricktal.»

«Wenn es darum geht, die Mechanik der Machtpolitik aufzuzeigen, können wir auch in unserer Region bleiben – beispielsweise beim Gesundheitszentrum Fricktal.»

Marc Fischer

Heute drehen wir das Rad ein paar Jahrhunderte zurück, um uns einen Blick in die Zukunft zu erlauben.

Wir beginnen mit einem Zitat von Machiavelli: «Politik ist die Summe der Mittel, die nötig sind, um zur Macht zu kommen und sich an der Macht zu halten und um von der Macht den nützlichsten Gebrauch zu machen.»

Der Italiener wusste, wovon er sprach, als er 1515 dieses Fazit zog: Tief getroffen im Untergang der florentinischen Republik spürte er selbst, wie es ist, wenn einem der Fall in die Bedeutungslosigkeit droht.

Der einstige Staatsphilosoph wollte sich damit nicht abfinden – und so wird sein Name bis heute mit rücksichtloser Machtpolitik verbunden. Unter Machiavellismus versteht man auch ausserhalb der Politik ein Verhalten, das ohne Bezug zu Moral und Anstand das eigene Wohl zum Ziel hat – unter Ausnutzung aller Mittel.

Wir drehen das Rad der Geschichte gute fünf Jahrhunderte weiter und sind mitten in der Gegenwart, wo der Machiavellismus munter weiter grassiert.

Letzte Woche beispielsweise entschied der Zürcher Stadtrat, dass zwei seiner Mitglieder, die nicht zur rot-grünen Mehrheit gehören, ihre Departemente zwangsbestimmt wechseln müssen. Stadtpräsidentin Corine Mauch sagte danach ungeniert, es gehe darum, dass die Mehrheit ihre Politik besser durchsetzen könne.

Die Tochter der ersten Aargauer Nationalrätin Ursula Mauch handelte bei dem von ihrer sozialdemokratischen Partei eingefädelten Coup nicht wie ihre bedachte Mutter. Mauch-Tochter Corine handelte eher wie ihr Onkel Hans Widmer. Der Bruder von Ursula Mauch hat 40 Jahre Industriegeschichte in der Schweiz massgebend geprägt; sein Name stand in seiner beruflichen Phase bei Sandoz, bei Tecan, Oerlikon Bührle für Umstrukturierungen, für die Sanierung von Unternehmen, für den Abbau von Arbeitsplätzen.

Doch man muss, will man den Machiavellismus begreifen, gar nicht mal bis nach Zürich schauen. Wir können, wenn es darum geht, die Mechanik der Machtpolitik aufzuzeigen, auch in unserer Region bleiben.

Beispielsweise beim Gesundheitszentrum Fricktal (GZF) und der überhitzten und viel zu spät erfolgten öffentlichen Debatte um Ausrichtung, Legitimation und Zukunft des GZF.

Viel zu spät? Ahbaa!

Es wäre doch mal davon auszugehen, dass die Frage, wie es mit den beiden Spitälern in Laufenburg und Rheinfelden weitergehen soll, ein ständiges Thema war und ist, seit sich die beiden halbtoten Unternehmen zur vermeintlichen Gesundung ins gemeinsame Therapiebett legten: Seit der Fusion 1999 müsste sich die Führung des GZF doch unentwegt Gedanken darüber gemacht haben, wie, mit welcher Ausrichtung und welchem Angebot die beiden Spitäler eine Zukunft haben.

Und es ist auch anzunehmen, dass seit 1999 in Anbetracht der Entwicklung im Gesundheitswesen und der Aargauer Spitallandschaft ziemlich rasch klar wurde, dass zwei Spitäler in derart geringer Entfernung ein ziemlicher Luxus ist, der auch mit einer gewissen Fokussierung der Leistungen aber weiterhin zwei Spitälern nicht weniger luxuriös wird.
Kurzum: Die jetzt vorgeschlagene Lösung einer Leistungsverlagerung nach Rheinfelden war und ist schon seit 1999 ein Gebot der Vernunft – bloss fehlte und fehlt den Verantwortlichen bislang der Mut, die Beharrlichkeit und die Überzeugungskraft, sich dezidiert für den einzig gangbaren Weg zu entscheiden und ihn offensiv zu vertreten.

Ich vermute darum, hinter der Hektik der letzten Monate steckt etwas Zufall und ganz viel Absicht: Die Vakanz dreier Kaderarztstellen in Laufenburg war für die GZF-Spitze willkommener Anlass, überfallartig mit Lösungsskizzen vorzupreschen, die schon lange in den Schubladen ruhten. Die Auslassungen von CEO Annelies Seiler im GZF-Geschäftsbericht 2016, der Mitte 2017 erschien und die Transparenz und offene Kommunikation hochjubelte, lesen sich jedenfalls heute wie eine versteckte Ankündigung:

«Als eigenständig agierende Unternehmung im freien Wettbewerb sind wir uns auch den Grenzen der Transparenz bewusst. So teilen wir wichtige strategische Entscheidungen sehr gerne mit der Öffentlichkeit – allerdings in dem Rahmen und zu dem Zeitpunkt, zu dem diese ausgereift und spruchreif sind.»

Hat also das GZF damals, also vor ungefähr einem Jahr, schon darüber nachgedacht, wohin die Zukunft führt? Das setzen wir, wie bei jedem funktionierenden Unternehmen, selbstredend voraus.

Hat also das GZF damals auch schon gewusst, wohin die Reise führt – weil spruchreife Zukunftsplanung ja auch immer Strategie, eine rollende Umsetzung und eine Marktanpassung bedingt? Wir sind gutgläubig und meinen: gut möglich.

Zur Person Christoph Grenacher Christoph Grenacher leitete verschiedene Medientitel. Heute ist er Inhaber der Kommunikationsagentur Mediaform. Er lebt im Kaister Ortsteil Ittenthal und in Zürich.

Zur Person Christoph Grenacher Christoph Grenacher leitete verschiedene Medientitel. Heute ist er Inhaber der Kommunikationsagentur Mediaform. Er lebt im Kaister Ortsteil Ittenthal und in Zürich.

zvg

Hat das GZF aber damals auch transparent und ehrlich seine Absichten offengelegt? Leider nein. Seiler liess noch im letzten Herbst die Grossräte des Fricktals im Glauben, beim GZF gelte weiterhin business as usual. Ende März kam dann der Abgang der drei Ärzte in Laufenburg gelegen, um das Problem ruckizucki einer Lösung zuzuführen: Bis Ende Juni – also in 3 Monaten statt der ursprünglich angedachten 12 bis 18 Monate – wollen die GZF-Verantwortlichen nun eine nachhaltige, zukunftsfähige Lösung präsentieren. Bis dann lässt das GZF erneut die Rollläden runter, um in der Dunkelkammer klandestin zu wirken – oder wie Seiler ihre Sprecherin formulieren lässt: Man werde bis Ende Juni «die Zeit für fokussierte inhaltliche Arbeit nutzen und uns – sofern keine neuen Ereignisse aufkommen – auch nicht mehr dazu äussern.»

Das nenne ich peinliches Schattenboxen, das die zuvor manifestierte Gesprächsbereitschaft mit der Öffentlichkeit als scheinheilig entlarvt: Laufenburg wird weiter abgewickelt, der Fokus liegt auf der Bewahrung eines Standortes. Und wenn man ganz böse will, könnte man diese Marschrichtung auch wieder machiavellistisch angehaucht lesen: Den involvierten Verwaltern des GZF – und davon nehme ich das Arzt- und Pflegepersonal ausdrücklich aus – geht es einzig und allein nur um ihren eigenen Vorteil. Dazu ist jedes Mittel recht.

Übrigens: Man kann auch gescheiter werden, das ist ein grosses Glück zwischen Werden und Sterben. Oben erwähnter Hans Widmer, der Onkel von Corine Mauch, die im Zürcher Stadtrat die Diktatur der Mehrheit über die Minderheit einführte, dieser Hans Widmer ist in seinen alten Tagen in Bestform: In seinem lesenswerten Buch «Das Modell des konsequenten Humanismus» geht es um die alten Fragen der Philosophie: Was kann ich erkennen? Wie soll ich handeln? Was darf ich hoffen?

Ideale Lektüre auch für Verwalter.