Rheinfelden

Luftkämpfe am Horizont und jüdische Flüchtlinge in der Schule — Der Zweite Weltkrieg vor Haustür

Antonia Ruoss erlebte, wie Bomber über Basel flogen.

Antonia Ruoss erlebte, wie Bomber über Basel flogen.

Antonia Ruoss lebt heute in Rheinfelden. Den Zweiten Weltkrieg erlebte sie als Kind direkt an der Grenze zu Frankreich mit.

Es war ein spezieller Geburtstag. Elf Jahre alt wurde Antonia Ruoss, geborene Gütlin, Ende September 1939. An ein ausgelassenes Geburtstagsfest war aber nicht zu denken. Wenige Wochen zuvor war die deutsche Wehrmacht in Polen einmarschiert. Der Beginn des Zweiten Weltkriegs. Die Angst, die deutschen Truppen könnten auch die Schweiz angreifen, war gross. Gerade in Allschwil bei Basel, dem damaligen Wohnort der Familie von Antonia Ruoss, direkt an der Grenze zu Frankreich. «Vor allem zu Beginn des Krieges gab es viele Gerüchte, wonach deutsche Soldaten über Basel in der Schweiz einmarschieren könnten», erzählt Ruoss.

Sie wohnt heute im Alters- und Pflegezentrum Salmenpark in Rheinfelden. Der AZ erzählt sie von ihren Erinnerungen an die Kriegszeit, von Luftkämpfen am Horizont und jüdischen Flüchtlingen in der Schule. Es sind Bilder, die ihr auch nach all den Jahren geblieben sind.

Der Krieg war allgegenwärtig

Bewahrheitet haben sich all die Meldungen über einen deutschen Einmarsch in die Schweiz nicht. Aber die Angst war so gross, dass viele aus den grenznahen Gebieten flüchteten. «Nachdem der Vater in den Militärdienst musste, beschloss auch meine Mamme, dass wir gehen», sagt Ruoss. Einige Wochen verbrachten sie, ihr Bruder und ihre Grossmutter bei Verwandten in der Innerschweiz.

Zurück in der Heimat Allschwil war der Krieg allgegenwärtig. Die Familie führte damals die Blumengärtnerei Gütlin. Weil der Vater im Militär war, musste die Mutter zuerst das Autofahren lernen, um die Blumen an die Kunden auszuliefern. Und weil das Benzin zunehmend knapp war, musste dazu öfters auch ein Leiterwagen eingesetzt werden.

Auch Antonia Ruoss übernahm Blumenlieferungen. «Bei diesen Fahrten haben wir die vielen Barrikaden in der ganzen Stadt und der Umgebung gesehen», sagt sie. Das ist eines der Bilder in ihrem Kopf.

Am Radio verfolgte die Familie die Nachrichten über den Kriegsverlauf; hörte mit Schrecken vom Grauen. Manchmal berichtete auch der Vater, ein hoher Offizier, was er wusste. Aber der Krieg, das waren für die Familie nicht nur Meldungen aus dem Radio und Berichte des Vaters. Der Krieg war direkt vor der Haustür. Die Luftkämpfe zwischen den Alliierten und den Deutschen waren über dem Horizont gut sichtbar. Manchmal hätten sie gejubelt, wenn eines der silbrigen Flugzeuge abgestürzt sei. «Wir wussten, dass das die Deutschen sind», so Ruoss.

Geahnt, wie schlimm es wirklich ist

An einem Sonntag sass die Familie bei der Grossmutter im Garten, als plötzlich zwölf Bomber der Alliierten im Tiefflug über ihre Köpfe donnerten. Die deutschen Soldaten schossen auf die Flugzeuge und brachten eines zum Absturz. Der Pilot versuchte, mit seinem Fallschirm über die nahe Grenze in die Schweiz zu flüchten – vergeblich. «Er landete knapp ennet der Grenze und wurde von deutschen Soldaten festgenommen», sagt Ruoss, fügt an: «Es war ein Zaun dazwischen. Wir konnten nichts tun.» Auch das ein Bild.

Die Nachrichten aus dem Radio und den Berichten ihres Vaters in diesen Tagen waren grausam. Hitler liess hunderttausende Juden vergasen. «Wir ahnten, wie schlimm es ist», sagt Ruoss. Auch in ihrer Nachbarschaft gab es jüdische Familien; einige waren gerade noch rechtzeitig in die Schweiz geflüchtet. Einem jungen Mann bot die Familie Arbeit in der Gärtnerei. Und in ihrer Schulklasse sassen viele jüdische Kinder. Ob sie die Tragweite der Geschehnisse schon damals verstanden habe? Sie zuckt mit den Schultern, sagt dann nach einer Pause: «Der Krieg und alles, was dazu gehörte, hat mich tief beeindruckt. Und tut es heute noch, wenn ich daran denke.»

In einigen Tagen kann Antonia Ruoss wieder Geburtstag feiern. 80 Jahre sind vergangen, seit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Die Erinnerungen an ihren elften Geburtstag sowie die Wochen davor und Jahre danach wird sie nie mehr vergessen. Es sind Bilder, die für immer in ihrem Kopf bleiben.

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