Laufenburg
Wie ein paar Luftballons: Die Kunst von Roman Sonderegger ist nicht für die Ewigkeit

Der Aargauer Roman Sonderegger lernte einst Steinmetz – und orientierte sich dann mit 30 Jahren neu. Statt Werke für die Ewigkeit schafft der heute 41-Jährige nun vergängliche Kunst und Installationen. So aktuell etwa in Laufenburg im Rehmann Museum.

Peter Schütz
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Die Arbeit als Steinmetz empfand Roman Sonderegger zunehmend als destruktiv.

Die Arbeit als Steinmetz empfand Roman Sonderegger zunehmend als destruktiv.

zvg

«Hast du etwas Zeit für mich?» So beginnt das Lied «99 Luftballons», gesungen von Nena. Als es 1983 veröffentlicht wurde, war Roman Sonderegger gerade mal vier Jahre jung. Jetzt, mit 41, hat er die erste Zeile von «99 Luftballons» als Titel für eine Installation in seiner aktuellen Ausstellung im Rehmann Museum in Laufenburg verwendet.

«Hast du etwas Zeit für mich?» besteht aus blauen aufgeblasenen Luftballons, die er in fünf Vitrinen des Museums gefüllt hat. «Gut möglich», sagt er, «dass der Pegel der Füllung wie eine Sanduhr hinunterkommt.»

Eine Skulptur, die sich verändert

Besucher der bis 4. Juli 2021 dauernden Schau könnten also Zeuge werden, wie der Installation quasi die Luft ausgeht, sie ihren ästhetischen Reiz einbüsst oder an Grösse verliert. Deren Urheber hat damit jedenfalls kein Problem. Spricht von einer «Skulptur, die sich verändert» und verweist auf seine künstlerische Absicht, Werke zu erschaffen, die nicht für die Ewigkeit gedacht sind. Dabei hat er eben dies jahrelang praktiziert. Hat Objekte produziert, die der Zeit und dem mit ihr einhergehenden Verfall standhalten sollen.

Roman Sonderegger, geboren 1979 in Baden, hat von 1997 bis 2001 eine Lehre als Steinmetz im Mägenwiler Muschelkalk-Steinbruch in Dottikon absolviert und parallel dazu die Schule für Gestaltung in Bern besucht. Danach hat er an verschiedenen Bauwerken, darunter das Basler Münster, gearbeitet, ehe er sich «ganz anders orientiert hat».

Er wagte den Schritt in die nächste Dimension

«Das ist nicht von heute auf morgen passiert», blickt er zurück. Er hatte ein eigenes Atelier, merkte jedoch mit 30, dass er alleine nicht weiterkommt. Was bis dahin elementarer Bestandteil seiner Arbeit war – Material von Steinen abtragen – hat er zunehmend als destruktiv empfunden. Das Gegenteil davon, das Konstruktive, Aufbauende, das Ausgreifen in den Raum, hat ihn zu interessieren begonnen. Nach 13 Jahren als nach Plänen arbeitender Steinmetz wagte er den Schritt in die nächste Dimension.

Sonderegger belegte den Vorkurs an der Schule für Gestaltung Aargau, danach von 2011 bis 2014 das Studium «Kunst und Vermittlung» an der Hochschule Luzern Design und Kunst. Er sagt:

«Dort waren die Leute, die mich weiterbringen konnten.»

Weiterkommen hiess für ihn: «Befreiung von dem, was ich lange gemacht habe.» Das Schaffen an sich musste er nicht mehr lernen, aber das «prozessorientierte Arbeiten, das sich Leiten lassen». Eine der ersten Arbeiten, die er zeigte, bestand aus Ballonen. 2013 und 2014 trat er etwa in Luzern, Bern und Baden mit Projekten in Erscheinung, 2015 an der jurierten Ausstellung «Auswahl 15» im Aargauer Kunsthaus sowie an «Champ Explore» im Kunsthaus Grenchen.

Die Installationen entstehen vor Ort

Jedes Jahr folgen neue Ausstellungsbeteiligungen mit neuen Projekten, die Sonderegger entweder in seinem Atelier, dem «Institut für Raumforschung» in Däniken (SO) oder direkt vor Ort entwickelt hat. So auch im Rehmann Museum, wo die Installation «Klüpperli» mit Schaltafeln und Zurrgurten ohne Vorwarnung entstanden ist. Er habe sie zwar lange in seinem «Ideen-Rucksack» getragen, sagt er, «aber sie hat auf den richtigen Ort gewartet».

Seine Installationen entstehen erst vor Ort.

Seine Installationen entstehen erst vor Ort.

zvg

Roman Sonderegger lebt in Buchs bei Aarau und arbeitet als Museumstechniker im Kunsthaus Aarau, wodurch er eine wirtschaftliche Basis hat. Er hat eine eigene Vorstellung von Kunst entwickelt – aus dem Experimentieren heraus, aus dem Spielen mit den Elementen in Kenntnis ihrer physikalischen Eigenschaften oder einfach aus der Lust am Probieren, am Machen.

«Die meisten Arbeiten von mir gibt es nicht vor der Ausstellung – höchstens als Entwürfe oder Modelle.»

Ob sie dann vor Ort funktionieren, weiss er nicht. Was er hingegen weiss: Seine oft aus Baumarkt-Material bestehenden Werke sind nicht für die Ewigkeit gedacht. «Es ist das Risiko, das mich reizt.» Der Steinmetz war einmal. Jetzt ist er, analog zu den 99 Luftballons, auf dem Weg zum Horizont unterwegs.