Die Langfinger machen gerne auch in Alters- und Pflegeheimen lange Finger. Dies bestätigt Andre Rotzetter, Geschäftsführer des Vereins für Altersbetreuung im oberen Fricktal (VAOF), der AZ. Der Verein führt in Frick und Laufenburg ein Alterszentrum mit je gut 100 Plätzen. Zudem betreut er an die 100 Alterswohnungen.

«Es kommt leider immer wieder vor, dass sich Diebe ins Alterszentrum einschleichen wollen, um in den Zimmern Wertgegenstände zu klauen», so Rotzetter. Bisweilen gehen die Diebe dabei besonders dreist vor: Sie tarnen sich mit Blumenstrauss als Besucher und klopfen an Zimmertüren. Antwortet oder öffnet niemand, versuchen sie, ins Zimmer einzudringen. «Es ist eine Schande, dass Diebe nicht einmal vor alten Menschen, die oft wenig haben, Halt machen», ärgert sich Rotzetter. Leider würden ältere Menschen Trickbetrüger fast magisch anziehen. «Die Diebe haben das Gefühl, bei älteren Personen leichtes Spiel zu haben.» Dass dies bisweilen auch so ist, zeigen Polizeimeldungen von (Enkel-)Trickbetrügen immer wieder.

Der VAOF hat deshalb doppelt vorgesorgt. Zum einen sind die Mitarbeitenden instruiert, Personen, die sie noch nie im Alterszentrum gesehen haben, anzusprechen und nach dem Grund des Besuches zu fragen. Kommen ihnen die Leute oder die Antwort suspekt vor, sind sie angehalten, die Polizei zu informieren.

Zum andern hat der VAOF in seinen Alterszentren Videokameras installiert, und dies nicht nur bei den Eingängen, sondern auch auf allen Stockwerken. Kommt es zu einem Diebstahl, werden die Bänder ausgewertet. «Wir greifen nur in einem Verdachtsfall auf die Bänder zurück», sagt Rotzetter. Die Datenschutzrichtlinien seien jederzeit eingehalten.

Dank der Videoüberwachung konnten schon zwei Diebe überführt werden. Einer war so dreist und kam einige Tage nach einem Diebstahl wieder. Die Heimleitung hatte inzwischen zusammen mit der Polizei die Bänder im fraglichen Zeitraum ausgewertet und konnte im Ausschlussverfahren zeigen, dass der eine Typ auf dem Video den Diebstahl begangen haben musste. Sie druckte sein Bild aus und gab es auf alle Abteilungen. Eine Mitarbeiterin erkannte ihn einige Tage später und informierte die Polizei. Diese konnte ihn in flagranti im Heim verhaften.

Manchmal stehlen auch Mitarbeiter

Doch nicht immer ist es jemand von aussen, der etwas mitgehen lässt. Vereinzelt ist es auch ein Mitarbeitender. «Leider», sagt Rotzetter. In seiner gut zehnjährigen Zeit als Geschäftsführer musste er drei Mitarbeitende fristlos entlassen, weil sie Wertgegenstände von Bewohnern mitgehen liessen. «Wenn wir aufgrund der Videoauswertungen ausschliessen können, dass jemand von aussen einen Diebstahl begangen hat, legen wir im Hause Fallen», so Rotzetter. Wie das Heim dabei vorgeht, will Rotzetter, wenig verwunderlich, nicht im Detail sagen. «Sie sind aber so geschickt, dass ein Langfinger früher oder später hineintappt.» Bislang habe man noch jeden Diebstahl, bei dem ein interner Verdacht bestand, aufklären können.

Dass es auch in Altersheimen zu Diebstählen kommt, hält Rotzetter zwar für traurig, aber gleichzeitig auch für naheliegend. «Ein Alterszentrum ist eine Grossgemeinschaft. Hier passiert alles, was sich in der Gesellschaft auch abspielt. Diese gelte für die positiven Aspekte halt ebenso wie für die negativen.

Längst nicht immer erhärtet sich ein Diebstahlverdacht allerdings auch. «Es kommt regelmässig vor, dass Bewohner das Gefühl haben, ihnen sei etwas geklaut worden – und sich dies dann als Fake News herausstellt», so Rotzetter. Sei es, dass ein Bewohner etwas verlegt hat und der Gegenstand wieder auftaucht. Sei es, dass es eine krankhafte Veränderung der Persönlichkeit ist. «Es gibt Menschen, die fühlen sich im Alter verfolgt oder haben stets das Gefühl, sie würden beklaut.» Selbst wenn man ihnen zeigen könne, dass der Gegenstand noch am alten Ort ist, glauben sie dies nicht. «Sie sagen dann: Ihr habt das zurückgelegt – und behaupten schon am nächsten Tag wieder, der Gegenstand sei geklaut worden.» In solchen Fällen braucht es oft eine medikamentöse Unterstützung. «Sonst gehen die Betroffenen in einen Tunnel, in dem es immer dunkler wird», umschreibt es Rotzetter.

Es gebe auch Fälle, in denen die Wahnvorstellungen derart gravierend seien, dass ein normales Alterszentrum überfordert sei. «Wir sind nicht auf psychische Erkrankungen spezialisiert und können mit unserem Personal in diesem Bereich nur eine beschränkte Betreuung leisten», sagt Rotzetter. Sei die Wahnvorstellung gravierend oder störe sie den Betrieb, «bleibt nur die Einweisung in eine psychiatrische Klinik». Zumindest so lange, bis der Betroffene medikamentös eingestellt ist. «Die meisten können dann wieder ins Zentrum zurückkehren», so Rotzetter.

Verwandte als Übeltäter

Und wenn sich Angehörige weigern, etwas zu unternehmen? «Dann wird es schwierig», sagt Rotzetter. Denn wenn jemand permanent das Gefühl habe, er werde beklaut, zerstöre dies mit der Zeit das Vertrauensverhältnis. «Und zwar beidseitig. Der Bewohner fühlt sich schlecht und die Mitarbeitenden ebenso.» Im Fall eines Vertrauensverlustes bleibt in extremis nur ein Schritt: das Betreuungsverhältnis aufzulösen. «Zu dieser ultimo ratio greifen wir grundsätzlich nicht gerne», sagt Rotzetter. In manchen Fällen finde man aber leider keine andere Lösung. In den letzten zehn Jahren kam es wegen des Gefühls, bestohlen zu werden, zu einer Auflösung des Betreuungsvertrags.

Manchmal, und das sind für Rotzetter die besonders traurigen Fälle, entpuppen sich aber auch Verwandte als Übeltäter. Sie beklauen ihre Angehörigen zwar meist nicht direkt, nutzen sie aber aus. Ein Sohn, so erzählt Rotzetter, habe seine Mutter im Heim ausschliesslich an den Tagen besucht, an denen die AHV kam, um ihr das Geld abzunehmen. «Da er der gesetzliche Vertreter war, konnten wir nur die Erwachsenenschutzbehörde informieren.» Dass es so etwas gebe, «ist beschämend», sagt Rotzetter, überlegt kurz, fügt dann an: «Aber es ist Teil unserer Gesellschaft.»