Laufenburg

Künstlerin vermietet ihre Wohnung an zwei Flüchtlinge: «Sie brauchen eine enge Begleitung»

«Die beiden sind angenehme Mieter»: Dora Freiermuth über Daniel Estifanos (l.) und Kbrom Mussie.

«Die beiden sind angenehme Mieter»: Dora Freiermuth über Daniel Estifanos (l.) und Kbrom Mussie.

Die Laufenburgerin Dora Freiermuth vermietet seit einem Jahr eine Wohnung an zwei Flüchtlinge und hat damit gute Erfahrungen gemacht – sie versucht die beiden auf ihrem Integrationsweg mit vielen Hilfestellungen zu unterstützen.

Es ist der Horror für jeden Hausbesitzer. Ein Mieter zieht aus – und hinterlässt die Wohnung in einem desolaten Zustand. Dies passierte einem Ehepaar in Windisch, das eine neu erstellte Wohnung an eine fünfköpfige Flüchtlingsfamilie aus Eritrea vermietet hatte.

Als die Eritreerin mit ihren vier Kindern nach fünf Jahren auszieht, muss das sozial eingestellte Vermieter-Ehepaar die Wohnung sanieren. Für 13 000 Franken. 6000 Franken übernahm die Haftpflichtversicherung, auf den restlichen 7000 Franken blieb das Ehepaar sitzen (Lesen Sie hier).

Das war doch klar, raunte es durch die Online-Kommentarspalten. «Das ist alles andere als klar», kontert Dora Freiermuth, Künstlerin in Laufenburg. Sie vermietet seit einem Jahr eine 31/2-Zimmer-Wohnung an der Fischergasse an zwei Flüchtlinge. Und sie zieht eine positive Bilanz: «Die beiden sind angenehme Mieter.»

Allerdings, und das scheint in Windisch nicht optimal funktioniert zu haben, «brauchen sie eine enge Begleitung.» Es sei nicht böser Wille, wenn sie nicht alles so machen, wie wir Schweizer uns das gewohnt seien. «Sie stammen aus einem anderen Kulturkreis.» Deshalb brauche es Hilfestellungen. Als Beispiel nennt Freiermuth den Backofen, der auch in Windisch zum Problem wurde. «Man muss ihnen zeigen, wie man mit ihm umgeht und ihn pflegt.» Und das halt nicht nur einmal. «Tut man das nicht, sind Probleme vorprogrammiert.»

Im Fall von Daniel Estifanos, 24, und Kbrom Mussie, 41, die beide vor vier Jahren in die Schweiz kamen und seit März 2017 in Laufenburg wohnen, stellen diese Betreuung neben Freiermuth andere Hausbewohner sowie die beiden Göttis der Flüchtlinge, Christian Müller und Andreas Willenegger aus Gipf-Oberfrick, sicher. «Das GöttiSystem ist eine perfekte Möglichkeit, um Asylsuchende auf ihrem Integrationsweg zu unterstützen», ist Freiermuth überzeugt.

Die Künstlerin, die eine der treibenden Kräfte hinter der IG Asyl Laufenburg war, entdeckte das Götti-Prinzip bei der IG Integration Gipf-Oberfrick. Und war sofort begeistert: «In jeder Gemeinde sollte es Göttis für Asylsuchende haben.» Das Prinzip ist einfach: Ein Götti betreut einen oder mehrere Flüchtlinge und hilft ihm bei alltäglichen Fragen und Problemen.

Unter der Prämisse, dass die Flüchtlinge begleitet werden, war für Freiermuth schnell klar, dass sie die Wohnung nach dem Auszug eines langjährigen Mieters an Flüchtlinge vermieten wollte. «Ich weiss ja, wie schwierig es ist, für Flüchtlinge eine Wohnung zu finden.» Freiermuth setzte sich an den Computer, schrieb eine Rundmail an die freiwilligen Asylhelfer im Fricktal – und erhielt bald Post aus Gipf-Oberfrick, wo die IG Integration für Estifanos und Mussie eine Wohnung suchte.

Bewerbung einreichen

Die beiden mussten sich, wie jeder Interessent, um die Wohnung bewerben. «Denn ich sehe es als Integrationsprojekt an», erklärt Freiermuth. Es sei wichtig, dass man den Flüchtlingen zeige, wie es in der Schweiz läuft. «Nur so lernen sie es.» Die beiden reichten ihr Dossier ein und zusammen mit einem Dolmetscher – beide sprechen nur gebrochen Deutsch – ging Freiermuth den Vertrag und die Bedingungen Punkt für Punkt durch. «Es ist zentral, dass es zu keinen sprachlichen Missverständnissen kommt und den Flüchtlingen klar ist, was von ihnen erwartet wird.» Sie hätten die gleichen Rechte, aber auch die gleichen Pflichten wie jeder andere Mieter, sagt Freiermuth. «Diese können sie aber nur wahrnehmen, wenn sie verstehen, was von ihnen verlangt wird.»

Freiermuth, die im selben Haus ihr Atelier hat, schaut regelmässig bei Estifanos und Mussie vorbei. Laut Mietgesetz darf der Vermieter eine vermietete Wohnung zwar nicht einfach betreten; «wir haben in den letzten zwölf Monaten aber ein Vertrauensverhältnis aufgebaut, und sie sind froh, wenn ich ihnen helfe und ihre Fragen beantworte.» Sei es auch nur, wie man eine Glühbirne wechsle. Dabei, das ist Freiermuth wichtig, müsse bei allem, was man tue, das oberste Ziel sein, die Flüchtlinge zu möglichst grosser Selbstständigkeit anzuleiten. «Nur dann haben sie eine Zukunft.»

Wie diese für Estifanos und Mussie aussieht, ist offen. Beide haben den Status F. Dieser Status bedeutet, dass ihr Asylgesuch zwar abgelehnt wurde, sie aber aus humanitären Gründen vorläufig in der Schweiz bleiben können. Sie dürften auch arbeiten – finden aber keine Stelle. «Einen Job zu haben, ist ihr grosser Wunsch», sagt Freiermuth. Sei es im gelernten Beruf – Estifanos ist Maler, Mussie Bauer – oder in einem anderen. Doch bislang klappte es nie. Sie leben deshalb von der Sozialhilfe. Diese berappen derzeit noch Bund und Kanton, da die beiden erst vier Jahre in der Schweiz sind. Nach fünf, spätestens sieben Jahren muss die Gemeinde die Sozialhilfekosten tragen.

Für die Wohnung verrechnet Freiermuth den beiden 1050 Franken. Sie ist ihnen damit um 100 Franken entgegengekommen. «Sie nutzen aber auch den Keller nicht», sagt sie. Von Gesetzes wegen stehen Estifanos und Mussie je 550 Franken Wohngeld zu; würden sie alleine wohnen, wären es je 800 Franken.

Kaution war kein Thema

Kein Thema war für Freiermuth eine Kaution. «Die hätten sie nicht leisten können.» Ein mulmiges Gefühl hat sie deswegen nie gehabt. «Weil wir die beiden eng begleiten und somit reagieren können, bevor ein Problem entsteht», sagt sie.

Freiermuth ist sich bewusst, dass sie mit ihren beiden Mietern auch Glück hat und dass dies nicht immer der Fall ist. «Es sind zwei Vorzeigemänner», sagt sie. «Sie wollen alles richtig machen.» Anderen, die sich ebenfalls überlegen, ihre Wohnung an Flüchtlinge zu vermieten, rät sie zweierlei: Erstens, die Flüchtlinge eng zu begleiten – «am besten im Götti-System» – und ihnen alles auf möglichst simple Weise zu erklären. «Für uns ist es selbstverständlich, wie ein Kochherd funktioniert. Für Menschen aus Afrika nicht.» Wolle man diesen Betreuungseinsatz nicht leisten, sei es besser, die Finger von der Vermietung an Flüchtlinge zu lassen. «Denn sonst kommt es garantiert nicht gut.» Zweitens sei wichtig, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. «Dann kommen die Flüchtlinge von sich aus, wenn sie irgendwo anstehen.»

Besuch in der Wohnung. Estifanos und Mussie sind Fremden gegenüber misstrauisch. Da Freiermuth sagt, es sei okay, zeigen sie die Wohnung und lassen sich fotografieren. Alles wirkt sauber und aufgeräumt. «Es war ein Versuch», sagt Freiermuth bei der Verabschiedung. «Er ist aufgegangen – und ich würde ihn jederzeit wiederholen.»So direkt kann sie das nicht. Denn vor drei Tagen hat Freiermuth ihr Altstadthaus verkauft. Für die beiden Eritreer wird sich nichts ändern, solange sie sich an die Mietbedingungen halten. Das habe ihr der Käufer versprochen, sagt Freiermuth. Sie selber wird ihr Atelier im Altstadthaus behalten «und auch weiterhin dafür sorgen, dass alles beim Alten bleibt».

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