Fricktal

Kritik am geforderten Badi-Rayonverbot: «Ängste baut man nicht mit Verboten ab»

Die IG Asyl Laufenburg schafft Kontakte zwischen Asylsuchenden und Laufenburgern; im Bild bei einem Picknick im Rehmann-Museum. Archiv/psc

Die IG Asyl Laufenburg schafft Kontakte zwischen Asylsuchenden und Laufenburgern; im Bild bei einem Picknick im Rehmann-Museum. Archiv/psc

Begegnung sieht Marlies Hauser von der IG Asyl Laufenburg als Schlüssel – ihr Tipp an die SVP: Vorbei gehen und das System Schweiz erklären.

Die SVP Frick ist besorgt. In wenigen Wochen werden bis zu 180 Asylsuchende im ehemaligen Werkhof leben. Und somit bestehe «ohne weiteres die Gefahr, dass beispielsweise unser Schwimmbad zu einer Art ‹Schönwetter-Filiale› für die Asylunterkunft werden kann».

Die Partei erwartet deshalb von Kanton und Gemeinde «saubere und tragbare Lösungen», um derlei zu verhindern. Noch einen Schritt weiter geht Roger Fricker, Geschäftsleitungsmitglied der SVP Aargau. «Ich würde ein Rayonverbot begrüssen», sagte er zur az. «Ein solches zeigt klar auf: Bis hierher und nicht weiter.»

Die Laufenburger wähnen sich derweil in einem Flashback. «O je, jetzt fängt das Panikmachen schon wieder an», schreibt Elisabeth Hesse von der IG Asyl Laufenburg. Denn fast die gleichen Diskussionen wie jetzt in Frick erlebten die Laufenburger 2015, bevor die temporäre Asylunterkunft im Notspital eröffnet wurde. «Es gab Bedenken, dass die Frauen von jungen Männern überfallen werden», erinnert sich IG-Kollegin Marlies Hauser.

Die Befürchtungen waren weitgehend unbegründet. Bis auf einen gravierenden Vorfall – ein 19-jähriger Sudanese versuchte, eine Betreuerin zu vergewaltigen – verhielten sich die 120 Asylsuchenden, die zwischenzeitlich im Notspital sowie einer angemieteten Liegenschaft an der Hinteren Bahnhofstrasse lebten, mehrheitlich korrekt. Im ersten Halbjahr 2016, als beide Unterkünfte voll belegt waren, verzeichnete die Kantonspolizei sieben Zwischenfälle. Polizeisprecher Roland Pfister bezeichnete die Situation damals denn auch «polizeilich als ruhig».

Beschäftigung ist zentral

Wesentlich dazu beigetragen hat die IG Asyl, die sich noch vor der Eröffnung der Unterkunft im Notspital formierte. «Wir waren schockiert, wie man zum Teil über die Asylsuchenden redete», sagt Hauser. «Das sind Menschen in Not und es ist ein Akt der Menschlichkeit, ihnen zu helfen.» Die Kerngruppe, die aktuell aus 10 bis 20 Personen besteht, baute daraufhin den «Treffpunkt» auf.

Er ist ein Begegnungsort ebenso wie ein Freizeitangebot und ein Schulzimmer. «Wir unterrichteten bis zu sechs Gruppen in Deutsch», erzählt Hauser. Seit die Asylunterkunft im Notspital geschlossen wurde, sind es noch zwei Gruppen. Beschäftigung ist zentral, denn: «Probleme entstehen dann, wenn die Asylsuchenden nichts anderes tun können als: dasitzen und warten.»

Hauser versteht durchaus, dass die bevorstehende Eröffnung der Asylunterkunft in Frick Unsicherheiten und Ängste auslöst. «Ängste baut man aber nicht mit Verboten ab, sondern mit Begegnungen», sagt sie. «Wenn man den Asylsuchenden begegnet, sieht man: Das sind ganz normale, leidgeprüfte Menschen.»

Hauser begrüsst es denn auch, dass sich in Frick ebenfalls bereits eine Kontaktgruppe Asyl gegründet hat. Ihr gehören laut Christine Fricker aktuell knapp zehn Personen an. Die Gruppe will Begegnungen zwischen den Asylsuchenden und der Bevölkerung ermöglichen. Vorgesehen ist ein wöchentlicher Treffpunkt, in dem ein kultureller und sprachlicher Austausch stattfindet, den Asylsuchenden eine Beschäftigung geboten wird – und wo sie auch Deutsch lernen können. Denn: «Die Sprache ist der Schlüssel zur Integration», weiss Hauser.

Für Fricker wie Hauser ist klar: «Die Ängste der Bevölkerung muss man ernst nehmen.» Hauser beschönigt auch nicht. «In Laufenburg lebten bis zu 120 Asylsuchende. Da hatte es auch den einen oder anderen darunter, der einem nicht sympathisch ist oder der vielleicht sogar kriminell war.» Sie lacht. «Ich mag aber auch längst nicht jeden Schweizer.» Zentral ist für Hauser, dass man von Anfang an klare Reglen aufstellt. «Die haben wir auch im Treffpunkt und die müssen von allen eingehalten werden.»

Kommunikation als Schlüssel

Probleme, davon ist Hauser überzeugt, lassen sich auch ohne Rayonverbote lösen. In Laufenburg besuchten anfänglich einige Asylsuchende das Freibad. Sie besassen keine Badehose und wollten in den Unterhosen ins Wasser. Der Badmeister wies sie zurecht – «und die Sache war erledigt».

Dass das Fricker Freibad zu einer «Schönwetter-Filiale» der Asylunterkunft wird, wie es die SVP befürchtet, glaubt Hauser nicht. Zum einen, weil viele Asylsuchende gar nicht schwimmen können. «Zum anderen können sie sich einen Badieintritt bei einer Pauschale von zehn Franken pro Tag schlicht nicht leisten.» Auch Christine Fricker ist überzeugt: «Das Badiproblem wird sich gar nicht erst stellen.»

Auch die Befürchtung von Roger Fricker, die Asylsuchenden könnten den Unterrichtsbetrieb stören, wenn sie auf dem Pausenplatz herumlungern, kann Hauser nicht nachvollziehen. In Laufenburg habe die Schule eine einfache Regel aufgestellt: Während des Schulbetriebs dürfen die Asylsuchenden nicht auf dem Pausenplatz Fussball spielen. «Das klappt einwandfrei – und das ganz ohne polizeiliches Rayonverbot», so Hauser. Das Rezept sei denkbar einfach: «Kommunikation.»

Dieses Rezept empfiehlt Hauser insbesondere auch der SVP. «Statt im Voraus nach Verboten zu rufen, sollten die SVP-Vertreter besser einmal in den Treffpunkt gehen und den Asylsuchenden das System Schweiz erklären. Davon profitieren beide Seiten.»

Hauser mag die Polemik nicht, die auf dem Buckel Asylsuchender betrieben wird. «Sie kommen erschöpft zu uns, haben Torturen hinter sich und ihre Familien zurückgelassen.» Sobald sie etwas Vertrauen zu den freiwilligen Helfern im «Treffpunkt» aufgebaut haben, erzählen sie ihnen ihre Geschichten. «Diese gehen unter die Haut», sagt Hauser. Sie versuche, sich abzugrenzen. «Das gelingt mir aber nicht immer.»

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