Die Frage, ob ein Spital eine Zukunft hat oder nicht, hängt auch damit zusammen, wie viele Kunden – oder treffender: Patienten es generieren kann. Das hängt primär von vier Faktoren ab: Erstens von der Grösse des Einzugsgebietes, zweitens vom angebotenen Leistungsspektrum, drittens vom Ruf des Hauses und viertens, mit den Faktoren zwei und drei zusammenhängend, von den Patientenströmen. Oder anders formuliert: Die Frage ist (auch), wie viele Einwohner sich im eigenen Spital behandeln lassen und wie viele sich in einem anderen unters Messer legen.

Dieser Frage ging das Projekt «Monitoring der regionalen und überregionalen Patientenströme» nach, ein Kooperationsprojekt der Kantone Aargau, Basel-Landschaft, Basel-Stadt und Solothurn. Im September 2015 wurde der Schlussbericht für den Aargau publiziert. Die AZ hat ihn ausgewertet und bietet, als Teil 2 der Zahlen-Serie zum Gesundheitszentrum Fricktal (GZF) und zur Zukunft des Spitals Laufenburg, weitere 14 «richtig oder falsch»-Aussagen.

1. Die Zahl der Patienten aus dem oberen Fricktal, die sich nicht in Laufenburg oder Rheinfelden behandeln lassen, liegt im dreistelligen Bereich.

Falsch – sie liegt zumindest im vierstelligen Bereich. Allein rund 250 Personen im «Basispaket Grundversorgung» – dieses umfasst Leistungen in der inneren Medizin und der allgemeinen Chirurgie – lassen sich jedes Jahr in der Hirslanden-Klinik behandeln. 800 sind es am Kantonsspital Aarau, 200 am Kantonsspital Baden. Hinzu kommen jene, die sich in Leuggern oder an den (Universitäts-)Spitälern Basel und Zürich behandeln lassen. «Wenn diese 1250 Patienten sich im Spital Laufenburg behandeln liessen, wäre die Situation etwas entschärft, aber langfristig bei zunehmendem Kostendruck immer noch ein zu kleines Potenzial», sagte Katharina Hirt, Präsidentin des GZF-Verwaltungsrates, an einer Infoveranstaltung zum Spital Laufenburg.

2. Der Grossteil der Patienten im GZF stammt aus dem unteren Fricktal.

Das ist richtig. 42 Prozent der stationären Patienten kommen aus der Spitalregion Rheinfelden, 33,2 Prozent aus dem oberen Fricktal. Dies geht aus einer Ende September im Hausmagazin «Insight» publizierten Statistik des GZF hervor. In den ersten neun Monaten des letzten Jahres wurden danach insgesamt 6332 Patienten stationär behandelt – das sind gut 300 mehr als in der Vorjahresperiode. Von den 6332 Patienten kamen weitere 4,8 Prozent aus dem «Restkanton», 7,5 Prozent aus den beiden Basel, 4,3 Prozent aus der übrigen Schweiz – und 8,2 Prozent aus dem Ausland.

3. Die Zahl der ausländischen Patienten im GZF sinkt.

Im Gegenteil, sie steigt. Und zwar effektiv wie prozentual. Von Januar bis September 2017 kamen, wie erwähnt, 8,2 Prozent der Patienten aus dem Ausland. Im Jahr zuvor waren es im selben Zeitraum 6,7 Prozent. Die Akquirierung von zusätzlichen Patienten aus Deutschland, wie dies an der Infoveranstaltung in Laufenburg als Heilmittel vorgeschlagen wurde, hat aber gleichwohl einen Haken: Eine Behandlung in der Schweiz können sich praktisch nur Zusatzversicherte leisten.

4. Im ambulanten Bereich gehen mehr Patienten «fremd» als im stationären.

Dafür gibt es wenig Indizien. Die Zahl der ambulanten Behandlungen konnte das GZF in den ersten drei Quartalen des Jahres 2017 auf 32 776 steigern – das sind rund 2500 mehr als im Vorjahr. 41,3 Prozent der ambulanten Patienten kamen dabei aus der Spitalregion Rheinfelden, 38,7 Prozent aus der Spitalregion Laufenburg. Aus den beiden Basel waren es 7,0 Prozent, aus dem Ausland 6,0 Prozent.

5. Ein Viertel der Patienten ist in weniger als 5 Minuten im Spital.

Fast richtig – zumindest im unteren Fricktal. Hier, im städtischeren Umfeld, schaffen es 22 Prozent der Patienten innert 5 Minuten ins Spital Rheinfelden, 23 Prozent innert 6 bis 10 und weitere 15 Prozent innert 11 bis 15 Minuten. Länger braucht es im ländlicheren oberen Fricktal. Hier schaffen es 16 Prozent innert 5 Minuten ins Spital, 17 Prozent innert 6 bis 10 und der Grossteil, nämlich 38 Prozent, innert 11 bis 15 Minuten. Generell gilt, das knapp 92 Prozent der Nordwestschweizer Bevölkerung die nächstgelegene Notfallstation in bis zu 15 Minuten Fahrzeit mit dem Privatverkehr erreichen, wie der Monitoring-Bericht festhält. Im Radius von 20 Minuten liegt sogar knapp 99 Prozent der Nordwestschweizer Bevölkerung.

6. Der Marktanteil des GZF an den Aargauer Patienten liegt über zehn Prozent.

Falsch, was aber angesichts der mit 80 000 Einwohner eher kleinen Region und der grossen Konkurrenz – neben elf weiteren Häusern im Aargau stehen acht Kliniken in anderen Kantonen auf der Aargauer Spitalliste – auch nicht erstaunt. Der Marktanteil an den Aargauer Patienten lag 2013, dem letzten Jahr, welches das Monitoring abbildet, bei 7,3 Prozent. Dies bei dannzumal insgesamt 7755 Behandlungen. Die Aargauer Patienten machten 87 Prozent der Behandlungen aus, die das GZF 2013 ausgeführt hat. Der Marktanteil, den das GZF an den Aargauer Patienten hat, blieb dabei in den untersuchten Jahren weitgehend stabil.

7. Wenn der Marktanteil des GZF stabil blieb, dann gilt dies sicher auch für den Anteil der Aargauer Patienten am Gesamttotal der GZF-Patienten.

Wieder falsch. Dieser Anteil ist in den Jahren 2011 bis 2013 um 3,4 Prozent zurückgegangen – bei einem gleichzeitigen Patientenwachstum um 433 Fälle. Das entspricht einem Plus von 5,9 Prozent, womit das GZF im Wachstums-Mittelfeld der Aargauer Spitäler liegt. Das prozentual höchste Patienten-Wachstum der Aargauer Listenspitäler mit je über zehn Prozent verzeichneten im untersuchten Zeitraum das Geburtshaus Storchenäscht, die Klinik Barmelweid und das Spital Muri. Die niedrigsten Wachstumsraten hatten in diesem Zeitraum die beiden Asana-Spitäler in Menziken und Leuggern und das Kantonsspital Aarau.

8. Der sinkende Marktanteil an Aargauer Patienten liegt an der Zunahme der Fallzahlen bei ausserkantonale Patienten.

Dieser Zusammenhang stimmt – gerade beim GZF. Hier mache sich dieser Effekt durchaus bemerkbar, halten die Studienautoren fest. Bei den anderen Spitälern weniger; hier ist es primär ein anderer Meccano, der zu einem rückläufigen Marktanteil führt (zwischen 2011 und 2013 sank dieser um 2,4 auf 82 Prozent): «Dies erklärt sich hauptsächlich durch die Tatsache, dass der Anstieg der Nachfrage mit einer durchschnittlichen jährlichen Zunahme um +2.8 Prozent bzw. +5.6 Prozent zwischen 2011 und 2013 grösser ist als der Anstieg bei den kantonalen Listenspitälern (+3.2%)», heisst es dazu im Monitoring-Schlussbericht.

9. Immer mehr Aargauer lassen sich im Aargau behandeln.

Falsch, zumindest wenn man die Jahre 2011 bis 2013 als Referenz nimmt. Hier sank der Marktanteil der Aargauer Spitäler an der Gesamtzahl Aargauer Patienten von 84,4 auf 82 Prozent.

10. Die meisten Aargauer, die sich ausserkantonal behandeln lassen, gehen ans Universitätsspital Zürich.

Nochmals falsch. 2013 liessen sich 1290 Aargauer am Unispital in Zürich behandeln. Damit kam das Unispital auf einen Marktanteil von 1,4 Prozent bei den Aargauer Patienten. Die meisten Aargauer Patienten hatte 2013 das Universitätsspital Basel; hier liessen sich 1938 Aargauer – viele aus dem Fricktal – behandeln. Damit gingen 2,1 Prozent aller Aargauer Patienten 2013 ins Unispital Basel. Der Anteil der Aargauer, die sich am Unispital Basel behandeln liessen, hat zwischen 2011 und 2013 leicht zugenommen. Nimmt man alle Zürcher Spitäler zusammen, so geht der grösste Teil der «Abwanderung», wie das Monitoring die Patientenströme in andere Kantone nennt, in Richtung Zürich. 7045 oder 7,6 Prozent der Aargauer Patienten liessen sich 2013 in einem Zürcher Spital behandeln. Nach Basel gingen insgesamt – also auch inklusive der kleinen Patienten, die am Universitäts-Kinderspital beider Basel behandelt werden, 3648 oder 3,9 Prozent der Aargauer Patienten. Ins Baselbiet zog es 1399 oder 1,5 Prozent der Aargauer Patienten.

11. Es wandern mehr Patienten aus dem Aargau ab als zu.

Das ist korrekt. 2013 wanderten 16 623 Patienten in andere Kantone ab und 10 272 aus anderen Kantonen zu. Für das Fricktal relevant: 502 Patienten kamen aus dem Baselbiet, 173 aus Basel-Stadt. Die grösste Zuwanderung verzeichnete der Aargau aus dem Kanton Solothurn (3943 Personen). Der Anteil der Patienten aus beider Basel, die sich im Aargau behandeln liessen, blieb zwischen 2011 und 2013 weitgehend stabil.

12. Der generelle Anstieg der Patienten lässt sich mit dem Bevölkerungswachstum erklären.

Teilweise zumindest. Zwischen 2011 und 2013 wuchs der Aargau jährlich um durchschnittlich 1,3 Prozent. Im selben Zeitraum nahm die Zahl der Hospitalisationen in Aargauer Spitälern von 83 405 auf 86 708 zu. Das entspricht einer Zunahme von durchschnittlich 1,6 Prozent pro Jahr. Neben dem Bevölkerungswachstum ortet der Bericht die demografische Entwicklung als weiteren Einflussfaktor für den Patientenanstieg.

13. Wer sich in anderen Kantonen behandeln lässt, ist häufig zusatzversichert.

Häufiger – dann stimmt es. 20,5 Prozent der Patienten, die sich im Kanton Aargau behandeln liessen, waren 2013 halbprivat oder privat versichert – bei den ausserkantonalen Behandlungen macht der Anteil Personen, die der «Liegeklasse halbprivat oder privat» angehört, 31,9 Prozent aus.

14. Die Patientenabwanderung ist in den Randregionen des Kantons grösser als im Zentrum.

Das ist korrekt – und die Unterschiede sind frappant. Der Monitoring-Bericht unterscheidet hierbei sogenannte «MedStat-Regionen» und stellt fest: «Der Anteil ausserkantonaler Hospitalisationen bewegt sich zwischen 6 bis 54 Prozent.» Am stärksten betroffen seien die nordwestlichen und südöstlichen Grenzregionen. «Für Erstere sind angesichts der Erreichbarkeit insbesondere Angebote in den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft attraktiv, letztere dürften sich hauptsächlich nach Zürich orientieren.» Somit liege der Schluss nahe, «dass die Entscheidung pro oder contra einer ausserregionalen Leistungsinanspruchnahme massgeblich durch den Wohnsitz und dessen geografische Lage bestimmt ist».