Pro/Kontra
Krähen machen nur Lärm und verdrecken alles – soll man sie abschiessen?

In Rheinfelden lebt eine grössere Krähenkolonie. Bei den schwarzen Vögeln scheiden sich die Geister. Soll der Mensch eingreifen und den Bestand regulieren oder stellen die Krähen gar keine Störung dar?

Thomas Wehrli
Drucken
Teilen
Krähe: Für manche ein lästiger Störenfried.

Krähe: Für manche ein lästiger Störenfried.

Keystone

Die Debatte

Die einen finden sie mystisch, die anderen nur lästig: Krähen. In der Schweiz leben laut der Vogelwarte Sempach zwischen 80 000 und 150 000 Rabenkrähen sowie rund 5500 Saatkrähen-Paare. Letztere sind in der Schweiz stark auf dem Vormarsch. Eine grössere Kolonie von ihnen lebt in Rheinfelden.

Bei der Frage, ob der Mensch eingreifen und den Bestand regulieren soll, gehen die Meinungen weit auseinander. So weit, wie das Verhältnis zum schwarz gefiederten Vogel ist: Für die einen ist er ein mystisches Tier, für die anderen eine Lärmquelle.

PRO von Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

Thomas Wehrli

Chris Iseli

Sie müssen mich hassen, diese doofen Krähen (ja, ich weiss, sie sind schlau), denn sie kommen jeden Tag. Ich stelle mir vor, wie sie sich am Morgen auf der nahen Stromleitung versammeln und zu sich sagen: Kommt, wir gehen den Wehrli ärgern. Das ist lustig. Krah, krah! Ha, ha!

Die Antipathie beruht auf Gegenseitigkeit. Ich bin eigentlich ein grosser Tierfreund, doch bei dieser Spezies hört der Spass auf. Sie sind frech, machen Lärm, versch...... alles, benutzen mein Auto als Nussknacker, plündern Obstbäume und fressen den Bauern das Saatgut vom Acker. Das Ärgerlichste dabei: Es werden immer mehr. Aktuell leben zwischen 80 000 und 150 000 Rabenkrähen und 5500 Saatkrähen-Brutpaare in der Schweiz.

Ich finde: Es ist genug. Es ist an der Zeit, die wachsende Population zu stoppen. Dazu bieten sich zwei Handlungsebenen an: Abschuss und Prävention. Dort, wo Krähen grosse Schäden an landwirtschaftlichen Kulturen anrichten, dürfen sie im Aargau vom Landbesitzer abgeschossen werden. Aktuell gibt es laut Jagdstatistik rund 1600 Abschüsse pro Jahr. Das sind zu wenige, um die Schadensstifter zu minimieren. Es nützt meist auch nichts, eine oder zwei Krähen zu schiessen. Soll ein Schwarm nachhaltig vergrämt werden, braucht es den gezielten Abschuss von 20 bis 30 Krähen.

Doch, und da gebe ich den Tierschützern recht: Der Abschuss ist die Ultima Ratio. Besser ist es, die Krähen möglichst vom Siedlungsgebiet fernzuhalten. Doch hier läuft einiges schief. Bei den Landwirten, die den Krähen das Futter teilweise auf dem Präsentierteller servieren. Und bei all jenen Leuten, die ihre, oder noch schlimmer, die fremde Tiere vor der Haustüre füttern. Das ist falsch verstandene Tierliebe.

Letzthin beobachtete ich einen Mann, wie er Essensreste auf ein Maisfeld warf. Wenn er dies tat, um die Wildtiere zu füttern, ist er nicht ganz bei Trost. Wenn er nur die Resten loswerden wollte, ist er ein Schwein.

KONTRA von Susanne Hörth

Susanne Hörth

Susanne Hörth

AZ

Sie beobachten uns und ihre Umwelt ganz genau. Was ihnen dienlich sein könnte, kopieren sie. Intelligent und lernbereit. Ihre Intelligenz beweisen sie beispielsweise an Fussgänger-Lichtsignalen. Steht die Ampel auf Grün, lassen sie Nüsse auf die Strasse fallen, holen dann blitzschnell die aufgesprungenen Früchte von der nicht befahrenen Strasse. Bei Rot warten sie – vorschriftsmässig – auf dem Trottoir. Schlaues Tier.

Die geballte Kraft der oft auch in Schwärmen auftretenden Vögel wird nicht selten als beängstigend empfunden. Dazu kommt, dass sie sich auch gerne über landwirtschaftliche Kulturen hermachen. Sollen die intelligenten Räuber nun einfach zum Abschuss freigegeben werden? Selbst bei Tierfreunden wird diese Frage kontrovers diskutiert.

Bei jenen, die etwas angeekelt Krähen als «gruusige Aasfresser» bezeichnen, geht anscheinend vergessen, dass die Schwarzgefiederten damit einen wichtigen Beitrag zur Eindämmung von Krankheiten beisteuern.

Krähen sollten nur in Einzelfällen und dies auch nur aufgrund von belegten Nachweisen bei wirtschaftlichen Schäden in der Landwirtschaft vertrieben werden. Und das nicht mit der Flinte. Der Mensch ist ein Jäger. Wie schnell würde sich eine Abschussfreigabe der Rabenvögel zu einer Art Volkssport entwickeln. Das darf nicht sein. Es braucht stattdessen viel mehr Toleranz. Statt sinnloser Knallerei in die Luft und gegen die intelligenten Rabenvögel sollten Lebensräume für Vögel in Gärten, Wald und Flur erhalten und geschaffen werden.

Wer weiss, vielleicht erwidern die Krähen meine Hochachtung. Zumindest eine von ihnen: liess sie doch vor mir eine Baumnuss auf den Boden fallen, die aufgebrochene Nuss holte sie nicht. Hiess ihr Krächzen beim Davonfliegen vielleicht: «Für Dich»?

Aktuelle Nachrichten