Rheinfelden
Krach um Kiesgrube: Stadt will Wäberhölzli wieder aufschütten

Die Stadt Rheinfelden will die ehemalige Kiesgrube Wäberhölzli rekultivieren – das weckt Widerstand. Jürg Keller, pensionierter Lehrer hat eine IG gegründet. 140 Mitstreiter unterstützen ihn.

Nadine Böni
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Die Grube Wäberhölzli (rot eingefärbte Fläche) liegt nahe dem neuen Kraftwerk und der Kiesgrube Chleigrüt.

Die Grube Wäberhölzli (rot eingefärbte Fläche) liegt nahe dem neuen Kraftwerk und der Kiesgrube Chleigrüt.

agis

Die ehemalige Kiesgrube im Gebiet Wäberhölzli in Rheinfelden soll rekultiviert werden. Die Stadt plant, mit rund 700 000 Kubikmeter Aushubmaterial die bestehende Grube mit einer Fläche von rund acht Hektaren aufzufüllen und anschliessend wieder aufzuforsten.

Gegen das Projekt regt sich Widerstand, vor allem aus dem Wohngebiet Alte Saline. Wortführer der Gegner ist Jürg Keller, pensionierter Lehrer.

Er hat eine IG gegründet und sagt, dass er bislang 140 Mitstreiter habe, die an der Gemeindeversammlung im Dezember gegen das Projekt stimmen werden. In vier Punkten sind sich Befürworter und Gegner nicht einig. Eine Auslegeordnung.

Streitpunkt Lärm. Die Tür zum Balkon der kleinen Wohnung in der Alten Saline in Rheinfelden steht offen. Draussen zwitschern Vögel. Sonst ist es absolut still. Und das soll, geht es nach Jürg Keller, auch so bleiben.

«Wir hatten bereits während Jahren den Lärm vom Kraftwerkbau zu ertragen. Das reicht jetzt», sagt er. Auch, weil endlich die laute Riburgerstrasse stillgelegt sei. «Die Deponie würde das schöne Naherholungsgebiet zerstören.»

Jürg Keller Gegner des Projekts: «Wir hatten bereits während Jahren den Lärm vom Kraftwerkbau zu ertragen. Das reicht jetzt.»

Jürg Keller Gegner des Projekts: «Wir hatten bereits während Jahren den Lärm vom Kraftwerkbau zu ertragen. Das reicht jetzt.»

Nadine Böni

Lärmpegel wie ein Bach

Auf der Gegenseite steht Kurt Steck, Stadtoberförster. Er sagt: «Die Sprengungen und Bohrungen vom Kraftwerkbau lassen sich in keiner Weise mit dem hier zu erwartenden Lärm vergleichen.»

Der Umweltverträglichkeitsbericht zeige, dass der Grenzwert von 50 Dezibel selbst bei den nächsten Gebäuden eingehalten wird. «Das ist vergleichbar mit dem Rauschen eines ruhigen Bachs.»

Der Rekultivierungs-Plan sieht vor, dass in fünf Etappen gearbeitet wird, beginnend am Westrand. Hier soll im ersten Jahr ein durchgehender Damm aufgeschüttet werden, der viel vom späteren Betriebslärm absorbiere. Innerhalb von fünf Jahren soll die Grube aufgefüllt und nach 6 Jahren vollständig aufgeforstet sein. «Ziel ist es, die Beeinträchtigungen für Anwohner und Natur so klein wie möglich zu halten.»

Jürg Keller zweifelt an diesem Plan. «Mit der Aufforstung und der Nachpflege gäbe es wohl zehn Jahre lang Immissionen.»

Streitpunkt Ökologie. Jürg Keller sieht keinen Sinn dahinter, auf einer Fläche von acht Hektaren Wald zu roden. «Das ist ein grosser Eingriff in die Natur.» Auch würde das Relief der ehemaligen Grube vielfältigeren Lebensraum bieten als eine «Landschaft wie in Holland».

Kurt Steck hält die Rodung, Rekultivierung und Aufforstung für «vertretbar.» Das Projekt biete die Chance, das Gebiet Wäberhölzli aufzuwerten – sowohl als Naherholungsgebiet als auch als Lebensraum. Dieser soll in Zukunft eine grössere Artenvielfalt beheimaten. So sind ein lichter Eichenwald, Unkengewässer, Weiher, Stein- und Holzhaufen sowie ein Pionierwald mit Zitterpappeln und Salweiden geplant. «Wird das Projekt angenommen, wird ein Mehrwert für die Natur geschaffen», sagt Steck.

Streitpunkt Aushub. Für das Gebiet Wäberhölzli bestand bis 2008 eine Rodungsbewilligung, weil angedacht war, dort Aushub vom Kraftwerkbau abzulagern. Das Material wurde allerdings andernorts abgelagert oder aufbereitet. Die Rodungsbewilligung lief aus. «Eine Deponie so nahe am Bau, das hätte Sinn gemacht», sagt Keller. Für das jetzige Projekt hat er kein Verständnis, auch, weil der Aushub nicht nur aus Rheinfelden stammt.

Raum für Aushub ist gesucht

«Das Wäberhölzli schafft dringend benötigten Raum für Aushub», sagt hingegen Kurt Steck. Bei der Suche nach möglichen Ablagerungsstellen hätten Kiesgruben absolute Priorität.

Aktuell wird in der Kiesgrube Chleigrüt nördlich des Wäber-hölzlis noch Kies abgebaut und Aushub abgelagert. Die Laufzeit der Grube ist aber absehbar und auf wenige Jahre beschränkt. Derweil finden in der künftigen Kiesgrube Untere Rütenen zwischen Möhlin und Rheinfelden diesen Sommer die letzten Vorbereitungsarbeiten statt. Es wird noch einige Jahre gehen, bis hier Aushub abgelagert werden kann. «Das Wäberhölzli kann die Jahre 2017 bis 2021 überbrücken», sagt Steck.

Streitpunkt Finanzen. Hinter der Rekultivierung vermutet Keller einen Kuhhandel zwischen den Rheinfelder Ortsbürgern und dem Kanton. Erstere hätten sich lange geweigert, die vom Kanton verlangten Eichenwaldreservate anzulegen.

«Dann gab es ein Tauschgeschäft: Die Ortsbürger unterschrieben den Reservats-Vertrag, im Gegenzug dürfen sie die Deponie im Wäberhölzli einrichten», sagt Keller. «Und dafür können sie wieder Geld einnehmen.» Er geht von den Zahlen aus, die beim Deponie-Projekt in Herznach genannt würden (vier Franken pro Kubikmeter Aushub). Das ergibt bei 700 000 Kubikmetern knapp drei Millionen Franken.

Keller will über Rechtsweg gehen

Kurt Steck sieht das anders. Von einem Kuhhandel will er nicht sprechen, die zwei Projekte seien getrennt voneinander zu betrachten. Deshalb lässt er auch das Argument nicht gelten, die Ortsbürger wollten mit dem Wäberhölzli Geld verdienen. «Die Deponiegebühren sollen die kostspieligen Planungen, Rodungsarbeiten sowie die Wiederaufforstung und langjährige Nachpflege des Gebiets finanzieren», sagt Steck. Zudem sei ein Mehrwehrtausgleich pro Quadratmeter Rodungsfläche an den Kanton zu entrichten.

Weiteres Vorgehen. Am kommenden Dienstag, 30. Juni lädt die Stadt Rheinfelden zu einer Informationsveranstaltung zum Thema Wäberhölzli. Anschliessend liegen die Planungsunterlagen öffentlich auf.

Jürg Keller will gegen die Rodungsbewilligung und den Vorprüfungsbericht Beschwerde einreichen. Sollte das Projekt an der Gemeindeversammlung angenommen werden, ist er bereit, den Rechtsweg zu beschreiten. «Die gute Nachricht aus meiner Sicht ist: Da es sich um eine Übergangslösung handelt, muss es nur einige Jahre hinausgezögert werden. Dann ist es gestorben.» Kurt Steck bestätigt dieses Szenario, hofft aber, die Gegenstimmen mit den Argumenten überzeugen zu können.