Der Journalist Peter Gysling hätte schon vor rund einem Jahr in Zeiningen sprechen und aus seinem 2012 erschienenen Buch über die Seidenstrasse lesen sollen, an dem er als Autor mitgeschrieben hat. Doch dann kam die Annexion der Halbinsel Krim durch russische Truppen dazwischen und Gysling musste absagen.

Jetzt gelang sein Besuch in Zeiningen doch noch, und Gysling sprach auf Einladung der Bibliothek, deren Leiterin, Cäcilia Adler, den Gast begrüsste. «Ihre gut recherchierten Analysen helfen uns, die Situation dort besser zu verstehen», lobte sie.

Und um den aktuellen Streit zwischen Russland und der Ukraine besser zu verstehen, holte Gysling weit aus. Er blickte zurück in die Mitte der 1980er- Jahre, als Michail Gorbatschow die Sowjetunion zu reformieren hoffte, dann aber doch den Zerfall des Riesenreiches in 15 Nachfolgestaaten nicht aufhalten konnte.

Der Korrespondent schilderte: «Russland spielt als grösster Nachfolgestaat seine klare Dominanz gegenüber den Nachbarn aus, insbesondere gegenüber der Ukraine, mit der die wirtschaftlichen Verflechtungen nach wie vor eng sind.» Weil Wladimir Putin Gysling zufolge unbedingt verhindern will, wie sein ukrainischer Amtskollege Janukowitsch von einer Oppositionsbewegung gestürzt zu werden, trage sein Regime autoritäre Züge.

Gysling nennt Russland eine «gelenkte Demokratie». Der Journalist zeichnete von Russland das Bild eines stagnierenden Landes, gebeutelt von «enormen wirtschaftlichen Problemen» und noch immer abhängig vom Export von Rohstoffen wie Öl und Gas in den Westen. Viele hoch qualifizierte Russen wanderten aus, genervt und müde von Korruption und Behördenwillkür. Auch Unternehmer seien darunter, was die wirtschaftliche Lage noch verschlechtere.

«Russland sieht sich bedroht»

Der Russland-Kenner nahm den Westen jedoch nicht ganz aus der Verantwortung: «Bedingt durch die Politik der Erweiterung der Nato noch Osten, sieht sich Russland bedroht und herausgefordert.» Die vom Westen nach dem Abschuss des malaysischen Passagierflugzeugs über der Ostukraine beschlossenen Sanktionen aber verteidigt Gysling: «Die Sanktionen zeigen Wirkung und halten Putin davon ab, die Lage weiter eskalieren zu lassen.»

Der Fernsehkorrespondent wurde in der Diskussionsrunde vieles gefragt. Auch, ob er sich in seiner journalistischen Arbeit behindert fühle. Gysling verneinte das. «Ich kann mich frei bewegen.» Die Diskussion ging bei dem vom Bibliotheksteam angebotenen Apéro weiter. Viele Besucher standen an, um sich von Peter Gysling ein Exemplar des Seidenstrassen-Buches signieren zu lassen.