Herr Knill, am Dienstag trat in Eiken mit Gemeindeammann Peter Balzer der vierte Gemeinderat innert dreier Monate zurück. Kann das Zufall sein?

Marcus Knill: Nein. Wenn einer oder zwei Gemeinderäte innert so kurzer Frist aus beruflichen oder gesundheitlichen Gründen zurücktreten, mag man das noch glauben. Dass aber gleich vier von fünf gehen, kann kein Zufall sein. Da steckt mehr dahinter. Es ist offensichtlich, dass da etwas faul ist.

Kommuniziert hat den Rücktritt nicht Peter Balzer selber, sondern die Ankündigung stand in den amtlichen Publikationen. Was halten Sie davon?

Nichts. Eine solche Kommunikation signalisiert der Bevölkerung: Da wird beschönigt, verschwiegen und gehörig etwas unter dem Deckel gehalten. Das ist ein Antipode einer professionellen Kommunikation und ist der Boden für Spekulationen.

Spekulationen gibt es derzeit in Eiken zuhauf. Wäre es nicht deshalb richtig gewesen, dass der Gemeindeammann persönlich hinsteht und sagt: Das ist los und deshalb trete ich zurück?

Nicht unbedingt. Der Gemeindeammann ist sicher Teil des Problems. Doch wenn er nun alleine an die Öffentlichkeit gegangen wäre, hätte jeder auf ihn fokussiert. Er wäre zum Winkelried mutiert. Dass er das nicht will, dass er seine Haut retten will, verstehe ich. Er denkt an seine eigene Zukunft.

Gleichwohl: Der Gemeindeammann ist von der Bevölkerung gewählt. Diese hat doch ein Anrecht darauf, aus erster Hand informiert zu werden und nicht erst am 16. Dezember.

Die Klärung der Missstände hat erste Priorität und das muss auf den Tisch. Die Geschichte gärt vermutlich schon lange. Wenn Balzer das gespürt hat, und davon gehe ich aus, wäre es klug gewesen, sich beraten zu lassen. Eine Eskalation kann zwar nicht in jedem Fall verhindert werden, aber der Weg kann zumindest kommunikativ begleitet werden.

Eine Interviewanfrage beantwortete Peter Balzer gestern mit dem Hinweis: Er gebe keine Auskunft bis zur Infoveranstaltung am 16. Dezember. Ist es geschickt, so lange zu schweigen?

Prinzipiell ist es bei einer Krise taktisch klug, eine Infoveranstaltung zu organisieren und bis dahin zu schweigen. Aber: Das funktioniert nur, wenn die Info innert ein, zwei Tagen erfolgt. Eine Woche verstreichen zu lassen, ist zu lange. So riskiert man, dass bis dahin zumindest ein Teil der Vorgänge publik wird. Es kommen Gerüchte auf und Halbwahrheiten werden kolportiert. Wer so vorgeht, verliert die Kontrolle über die Kommunikation, und das ist tödlich. Es ist, wie wenn ein Wurm seinen Kopf aus der Erde streckt und vor ihm sitzt ein Vogel. Er ist verloren. Der Vogel wird so lange an ihm zerren, bis er ihn ganz aus der Erde hat.

Einen Hinweis machte Vizeammann Beat Schöni, als er vor einem Monat zur az sagte: «Die Konstellation mit den alten und den neuen Gemeinderäten hat einfach nicht funktioniert. Das grösste Manko waren die Kommunikation und die Kommunikationswege innerhalb des Gremiums.»

Dieser Hinweis ist bereits eine Teiloffenlegung. Er ist, um nochmals das Bild von eben zu nehmen, der Kopf des Wurms – und ich bin sicher, dass nun so lange an dem Rest gezerrt wird, bis man alles weiss. Das kann durchaus vor dem 16. Dezember der Fall sein.

Was kann man machen, um solchen Spekulationen vorzubeugen?

Die Fakten auf den Tisch legen, Transparenz herstellen, nichts beschönigen. Von Transparenz spüre ich bislang wenig. Tragisch! Manchmal braucht es auch ein «mea culpa». Wenn man bei solchen Vorgängen falsch reagiert, geht schnell das Vertrauen verloren. Und das ist das Schlimmste, was passieren kann, denn das Vertrauen kann man nur einmal verlieren. Es ist das höchste Gut.

Transparenz soll an der Infoveranstaltung am 16. Dezember hergestellt werden …

… wenn es denn so ist, ist es gut. Ich habe aber leider nur allzu häufig erlebt, dass solche Veranstaltungen mehr Show als Info waren. Die Bevölkerung muss Fragen stellen können – und diese müssen ehrlich und offen beantwortet werden. Und zwar sämtliche! Alles andere bringt nichts.

Die Rücktritte ermöglichen einen Neuanfang. Ist das eine Chance?

Jede Krise ist immer auch eine Chance. Wenn jemand krank ist, kann er sterben oder gesund werden. Die Chance, die Weichen zu stellen, hat Eiken nun. Damit es klappt, muss man die Schwachstellen eliminieren. Wenn es an der Kommunikation lag, wie es Beat Schöni andeutete, muss ein Kommunikationskonzept her. Zudem braucht es eine Fehlerkultur und klare Spielregeln. Ein Neuanfang ist dann eine Chance, wenn man ihn aktiv angeht.

Was braucht es dazu?

Man muss den Laden röntgen, das faule Ei suchen und es entfernen. Dieses kann überall liegen. In einem Fall hatte in einer Firma ein Generalsekretär alle Fäden in der Hand, sass wie eine Spinne mitten im Netz und dirigierte alle herum. Er hatte alle Macht, weil er gut vernetzt war und er das ganze Wissen hortete. Man musste ihn entfernen – und dann lief es wieder. Ähnliches habe ich auch schon bei Gemeinden erlebt. Dort hat insbesondere der Gemeindeschreiber eine gewisse Machtposition, weil der Gemeindeammann auf ihn angewiesen ist. Einmal sagte mir ein Schreiber aus dem Kanton Zürich: Jetzt habe ich bald den dritten Ammann so weit, wie ich ihn haben will. Bedenklich!

Was braucht es in Eiken kommunikationstechnisch, dass wieder Ruhe einkehrt?

Zuallererst eine Auslegeordnung. Dazu gehört eine Klärung der Ist-Situation. Dann braucht es Zeit, um den Neuanfang aufzugleisen. Ich glaube nicht, dass es in dieser Situation ohne Hilfe von aussen geht.

Kann diese Aussensicht die IG der ehemaligen Gemeinderäte einbringen?

Das ist durchaus möglich. Voraussetzung ist, dass die fünf Herren nicht selber in dem Teig stecken und keine Verbandelung besteht. Sie müssen genügend Distanz haben und dürfen nicht von früher her für einen Teil des Problems mitverantwortlich sein. Unter diesen Voraussetzungen kann die IG ein guter Ansatz sein.

Lesen Sie hier die Meinungen aus der Bevölkerung zum Rücktritt des Gemeindeammanns.